Die gebogenen Planken von Yves Bonnefoy, 2004, Klett-Cotta1.) - 2.)

Die gebogenen Planken.
Gedichte von Yves Bonnefoy (2004, Klett-Cotta - Übertragung Friedhelm Kemp).
Besprechung von Leopold Federmair in Neue Zürcher Zeitung vom 27.07.2004:

Im Garten der Gegenwart
Der poetische Kosmos Yves Bonnefoys

In seinen Gedichten und Prosastücken hat der 1923 in Tours geborene Yves Bonnefoy über ein halbes Jahrhundert hinweg einen lyrischen Kosmos von beeindruckender Dichte reifen lassen. Die einzelnen Texte vollziehen umkreisende, annähernde Bewegungen, doch zielen sie nicht auf ein Unsagbares, sondern letztlich auf die «choses simples», die einfachen Dinge, die Verzettelungen des Alltags und begriffliches Denken uns verstellen. Bonnefoy war nie ein grosser formaler Neuerer; trotzdem wirken seine Gedichte fremdartig, überraschend, bisweilen auch verstörend vertraut. Den jambischen Alexandriner, oft mit baudelairescher Tönung, verwendet er auf das Natürlichste. Das Befremdliche der Gedichte verdankt sich einer vom Surrealismus ererbten Darstellungsweise, einem traumhaften, erinnernd-tastenden oder eine Präsenz beschwörenden Schreiben, in dem bestimmte Bilder und Worte in veränderlichen Konstellationen und Bedeutungen wiederkehren.

Dauernde Verwandlung

Die sieben Gedichtbände, die Bonnefoy in Frankreich über die Jahre hinweg veröffentlichte, liegen nun alle auf Deutsch vor. Ihr Verfasser hat öfters betont, dass er nicht Gedichte (im Plural) schreibe, sondern an einem einzigen Gedicht, ähnlich wie man es etwa für Georg Trakl geltend gemacht hat. In der hierbei entstandenen Welt von Erzählmustern und poetischen Verweisen wohnen schattenhafte Figuren, oft auch nur körperlose Stimmen, die bisweilen in dramatischen Szenen - Urszenen, Kindheitsszenen - zusammenfinden. Bonnefoys poetischer Raum ist ein ontologischer insofern, als der Autor eine Seinsfülle sagen will, die sich doch immer wieder entzieht. Fliessende Konturen haben Figuren wie Douve, die zuweilen an die Nymphe Daphne erinnert, bald Mensch, bald Baum; und polyphon bleibt der Klang der Stimmen, die von sich sagen: «Ich bin der leere Altar und der Abgrund und die Bögen, / Ich bin du selbst vielleicht und auch der Zweifel. . .» Alle Figuren und Allegorien Bonnefoys haben etwas von Gott Proteus: Sie sind in dauerndem Wandel begriffen, und die Verwandlung selbst ist eines der Anliegen des Dichters.

Das Wort «ontologisch» soll nicht unterstellen, dass Bonnefoy sich einer bestimmten Philosophie angeschlossen habe. Im Gegenteil, der poetische Impetus läuft in seinem Dichtungsverständnis begrifflicher Fixierung stets zuwider. Was sich entzieht, wird mimetisch dargestellt insofern, als die Darstellung selbst einen schwebenden Status gewinnt. Die Präsenz der einfachen Dinge kann zugleich gesagt und nicht gesagt werden. Allerdings bewirkt dieses mitschwingende «hamletische» Misstrauen gegen die Macht der Sprache eine Gestik der Evokation, der Anrufung und sogar des Gebets. Dass die Szenerien in Bonnefoys Prosatexten weitläufiger ausgestaltet werden, liegt in der Natur des Genres. Im letzten Gedichtband, «Die gebogenen Planken» (2003), vereint Bonnefoy auf freie Weise liedhafte, oft geradezu fröhlich gestimmte Gedichte mit allegorisierenden Versepen und récits in Prosa.

Ringen um Erhellung

Man kann, sehr vereinfacht gesagt, in Bonnefoys dichterischem Werk ein ständiges Ringen um Erhellung auf der Ebene des Wahrnehmens wie des sprachlichen Ausdrucks erkennen, eine Entwicklung von den düsteren, gequälten und quälenden Gedichten über die Schattenfigur der Douve und die «gestern herrschende Wüste» (Titel des zweiten Gedichtbands: «Hier régnant désert») zu einer Einfachheit und Gelassenheit, die sich sprachlich umsetzt, ohne das befremdliche Element zu löschen. «Comment faire pour que vieillir, ce soit renaître»: Das Schöpferische erscheint als formgebender Kampf gegen die Entropie, gegen den Tod.

Übersetzungsfragen

Die ersten drei Gedichtbände erscheinen nun bei Hanser in zweisprachiger Ausgabe. Friedhelm Kemp hat, seinem Credo gemäss, dass die Verluste gegenüber dem Reichtum des Originals bei Versübertragungen zu gross seien, Bonnefoys Gedichte in Prosa übersetzt. Er folgt dem Credo allerdings etwas halbherzig: Da und dort liess er sich doch versuchsweise zu Assonanzen und Rhythmisierungen verleiten. Und in manchen Fällen, besonders dann, wenn der Autor bewusst auf Mehrdeutigkeit setzt, scheint auch die «Sinntreue» des Übersetzers fraglich. Das Kemp'sche Credo läuft auf ein diskursives Analysieren hinaus. Eine Strophe aus dem ersten Gedicht des Bandes «Die gebogenen Planken» lautet in seiner Fassung: «Ergriffen sie oder nicht, unsere Hände, / der gleiche Überfluss. / Offen oder geschlossen unsere Augen, / das gleiche Licht.» Die Szene ist hier ein Sommerabend mit Laubfröschen, Wasserbecken, Himmelsrot, leeren Gläsern. Eine Versübersetzung derselben Strophe könnte lauten: «Auch wenn die Hände ruhten, / Derselbe Überfluss, / Und bei geschlossnen Augen, / Ein und dasselbe Licht.» Ich will nicht sagen, dass diese Variante besser ist als die erste. Allerdings verdunkelt die (kommentarlose) Wiedergabe in Prosa den Sinngehalt von Poesie oft mehr, als dass sie ihn erhellt.

Die Zweisprachigkeit solcher Gedichtbände, von Lyrik-Insidern immer wieder gefordert, kann zum Alibi werden für die Assoziationen des poetischen Übersetzens. Die Lektüre der Prosaübersetzungen kann einen Leser, der des Französischen nicht mächtig ist, vom Werk Bonnefoys eher abschrecken. Wer aber Französisch liest, kann sich leicht die Originalausgaben besorgen. Bonnefoy, ein ausdauernder Shakespeare-Übersetzer (bisher 15 Dramen und 24 Sonette), hat Gründe für das poetische Übersetzen formuliert. Es gelte, sagte er noch kürzlich in einem Interview, zunächst einen Rhythmus zu finden, «jenen fundamentalen Rhythmus, der den Vers trägt und den Blick verändert, der daraufhin die Logik des Textes wie auch der Existenz gewahrt». Die Frage, ob Poesie oder Prosa, ist demnach keine Ermessensfrage und auch keine «rein formale». Sollte man die von Bonnefoy praktizierte übersetzerische Sorgfalt und Geduld nicht auch seinen Gedichten angedeihen lassen?

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Die gebogenen Planken von Yves Bonnefoy, 2004, Klett-Cotta2.)

Die gebogenen Planken.
Gedichte von Yves Bonnefoy (2004, Klett-Cotta - Übertragung Friedhelm Kemp).
Besprechung von Matthias Kehle auf www.matthias-kehle.de:

Die gebogenen Planken

Die einfachen Dinge sind es, die in den Gedichten Yves Bonnefoys ihren Platz finden: Der "Duft der Blätter", "der Wind, der Regen" und immer wieder "Ein Stein": "Wie Steine einfach waren unsere Möbel,/ Es gefiel uns, daß der Spalt im Mauerwerk/ Jene Ähre war, aus welcher Welten schwärmten." Diese Verse machen zugleich klar, dass aus diesen einfachen Dingen "Welten schwärmen", welche die Lyrik Bonnefoys komplex und oft unnahbar machen.

Die späten Gedichte des über 80-jährigen Autors sind bestimmt von der Faszination des Daseins, vom Staunen, aber auch vom sprachlichen Umkreisen der Erscheinungen "Im Trug der Wörter". Der Autor sagt von seinem eigenen Schreiben, er arbeite stets nur an einem einzigen Gedicht. Im neuen, zweisprachig erschienenen Gedichtband "Die gebogenen Planken" zerfällt dieses eine Gedicht in zahlreiche heterogene lyrische Zyklen. Mal sind es schlichte, lakonisch daher kommende Zeilen, mal Versepen, die auf antike Dichtungen anspielen, mal lange rhapsodische Zeilen, deren Klang in der Übersetzung kaum erhalten bleibt - was kein Vorwurf an Friedhelm Kemp bedeutet, der bei der Übertragung eher dazu tendierte, die Verse in Prosa aufzulösen.

"Sie bleibe, diese Welt!" ist einer der Zyklen des Bandes überschrieben, und er markiert ein dichterische Credo: Sich der Vergänglichkeit widersetzen, wie ein Stein und sei es ein Grabstein. Dabei gelingen Bonnefoy wunderbare Bilder: "Dies da, so sehr da,/ es ende nicht,/ wie in der trockenen Pfütze/ der Himmel erlischt." Gelegentlich greifen die Gedichte auf die surrealistischen und expressionistischen Anfänge des Autors zurück: "...und Sprechen sei nicht/ das Durchschneiden der Kehle/ des Lammes, das vertrauensvoll,/ dem Wort folgt."

"Was ich schreibe", so erklärte Bonnefoy 1972 in einem Interview, "sind (...) Gesamtheiten, Versammlungen, Zusammenklänge, innerhalb derer jeder einzelne Text nur ein Fragment ist. Jeder dieser einzelnen Texte gilt für mich, von Anfang an, nur in seiner Beziehung auf alle übrigen." Diese Poetologie ist zugleich eine Art der Weltwahrnehmung: Alles ist mit allem verwoben. Das bedeutet, dass die Lyrik von Yves Bonnefoy vom Leser intensiv erschlossen werden will.

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