Die ganze Wahrheit von Norbert Gstrein, 2010, HanserDie ganze Wahrheit.
Roman von Norbert Gstrein (2010, Hanser).
Besprechung von Roland Mischke in den Nürnberger Nachrichten vom 4.08.2010:

Schlüsselroman unter Pornografie-Verdacht
Norbert Gstrein schreibt angeblich „Die ganze Wahrheit“ über ein bekanntes Verleger-Ehepaar

Norbert Gstrein hat über Verlegerwitwe Ulla Unseld-Berkéwicz einen Roman geschrieben, der im August erscheint – aber schon jetzt rumort es im Kulturbetrieb. Der österreichische Schriftsteller wird sein neues Buch beim Erlanger Poetenfest (26. bis 29. August) präsentieren. Der folgende Beitrag ist zugleich Auftakt einer Artikelserie zum Poetenfest.

Der Verleger liegt auf dem Sterbebett und ruft in Atemnot den Namen einer Geliebten: „Ira“. Dann gehaucht und immer leiser werdend: „I-ra, I-r-a...“ Die junge Frau, die an seinem Bett wacht, versteht aber „Ora“. Das ist Hebräisch und heißt „Licht“. Haben sich Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der 2002 starb, und Ulla Unseld-Berkéwicz, die er einige Zeit zuvor geheiratet und der er per Testament den Verlag weitgehend überschrieben hatte, am Ende nicht mehr verstanden?

Das suggeriert Norbert Gstrein, dessen Roman über Unselds zweite Ehefrau demnächst erscheinen wird. „Ich finde das lustig“, sagte Gstrein im Literarischen Colloquium in Berlin, wo er vor kurzem seinen Roman mit dem bombastischen Titel „Die ganze Wahrheit“ vorstellte. Eskortiert von den Literaturkritikern Kristina Maidt-Zinke, Hubert Winkels (FAZ) und Rainer Moritz (Literaturhaus Hamburg).

Sex, Intrigen, Wahnsinn. Daraus kann man in der Literatur immer etwas zusammenrühren, das beim Publikum gut ankommt. Norbert Gstrein, der einstige Suhrkamp-Autor, der inzwischen zu Hanser gewechselt ist, hat es getan. Viele haben ihn gewarnt, selbst Joachim Unseld, Sohn des alten Unseld. Auch wenn der Roman brillant geschrieben sei, könne sein Autor nur verlieren, und am Ende könne es gar zum Gerichtsprozess kommen. Gstrein hat sich nicht beirren lassen. „Es hat seine Gründe, dass wir diese Veranstaltung so weit im Voraus machen“, raunte Hubert Winkels. Aber er nannte die Gründe nicht.

Was Gstrein liefert, ist eine Art von Pornografie. Tatsächlich brillant verfasst, so wie er einst über den Missbrauch jüdischer Identität („Die englischen Jahre“) und die Schwierigkeit des Schreibens über den Bosnien-Krieg („Das Handwerk des Krieges“) schrieb. Norbert Gstrein, ein blasser, ruhig auftretender, gelegentlich etwas verlegen kichernder Autor gehört zu den Sprachbewussten und Feinsinnigen unter den deutschsprachigen Wortarbeitern.

Man glaubt ihm, dass er sich ein Thema gewissenhaft erarbeitet, aufwendig recherchiert, mehrere Versionen anfertigt, immer weiter verdichtet. Aber am Ende bleibt es doch Berkéwicz-Pornografie, die den Lesern zugemutet wird. Hanser-Verleger Michael Krüger soll sich bereits bei Frau Unseld entschuldigt haben, dass sie im Buch von Gstrein so massiv sexualisiert würde.

Die schöne, aber wenig erfolgreiche Schauspielerin lernt den älteren Verleger kennen, der sie in ihren bescheidenen literarischen Bemühungen unterstützt. Sie kommen sich näher, der Verleger lässt sich scheiden, heiratet seine Neue. Sie verhext ihn, er überschreibt ihr alles, das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Gstrein operiert mit den Klischees, die über Unseld-Berkéwicz in der Kulturbranche im Umlauf sind. Er erzählt von Alkoholismus, Okkultismus, Kabbala, Voodoo und Hexerei, einer getürkten jüdischen Identität, fanatischem, aus ursprünglich linken Überzeugungen gespeistem Antiamerikanismus und Verschwörungswahn. Er erzählt von einem Verlegermord. Und die Mörderin ist nebenher derart sinnlich, dass kein Mann in ihrer Nähe, der ihr gefällt, von ihr unberührt bleibt. Literatur als Furor gegen eine Ungeliebte. Warum tut Gstrein das?

Er bleibt die Antwort schuldig. Ursprünglich bat er die Verlegerwitwe, die Biografie Siegfried Unselds schreiben zu dürfen. Die lehnte ab. Natürlich hat er im Roman alles verfremdet, und Satire soll das auch nicht sein, Gstrein spricht von „satirischen Elementen“.

Sein Ich-Erzähler ist Lektor in einem Wiener Verlag, er bekommt das Manuskript der Verlegerin Dagmar über das Sterben ihres Mannes, des Verlegers Heinrich Glück, auf den Schreibtisch. Bei der Lektüre packt ihn der Ekel, er verweigert sich – und wird daraufhin gefeuert. Das Psychogebrabbel und Esoterikgeraune wird veröffentlicht (Vorbild: Ulla Unselds Buch „Übererlebnis“, 2008), der Skandal ist da, die Verlegerin wird aufgeblasen zu dem Monster, das viele in ihr sehen.

Rainer Moritz versuchte es am Wannsee mit Understatement: Es sei einfach der Roman über einen entlassenen Lektor, der von einer „überspannten Verlegerin“ erzähle. Da wurde gelacht.

Narzistische Kränkung?

Die Warner haben Recht. Norbert Gstreins Schlüsselloch-Literatur wird sich gegen ihn richten, seine Denunziation gleicht der Hinrichtung einer öffentlichen Person. Das mildeste Urteil wird sein: Der Mann könnte an einer erheblichen narzisstischen Kränkung leiden. Nebenbei fragten sich die Zuhörer: Gibt es nicht noch einige andere Probleme in diesem Land, die es wert wären, schriftstellerisch gewürdigt zu werden? Brauchen wir das Buch über eine Furie von dämonischem Furor? Natürlich werden es viele lesen, aber wo liegt der literarische Mehrwert?

Aber womöglich wird es auch ein großes Buch. Gar nicht so abgestanden und fade, wie es jetzt scheint. Norbert Gstrein hat wohl nicht die Absicht, es im letzten Moment noch zurückzuziehen. Wird der Literaturbetrieb es ihm danken? Oder der Hexe einen Teufel folgen lassen?

Die vollständige Besprechung mit Abb. von Roland Mischke finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0810 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten