Die
ganze Wahrheit.
Roman von Norbert Gstrein (2010,
Hanser).
Besprechung von Roland Mischke in den Nürnberger
Nachrichten vom 4.08.2010:
Der Verleger liegt auf dem Sterbebett und ruft in Atemnot den Namen einer
Geliebten: „Ira“. Dann gehaucht und immer leiser werdend: „I-ra, I-r-a...“ Die
junge Frau, die an seinem Bett wacht, versteht aber „Ora“. Das ist Hebräisch und
heißt „Licht“. Haben sich Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der 2002 starb,
und Ulla Unseld-Berkéwicz, die er einige Zeit zuvor geheiratet und der er per
Testament den Verlag weitgehend überschrieben hatte, am Ende nicht mehr
verstanden?
Das suggeriert Norbert Gstrein, dessen Roman über Unselds zweite Ehefrau
demnächst erscheinen wird. „Ich finde das lustig“, sagte Gstrein im
Literarischen Colloquium in Berlin, wo er vor kurzem seinen Roman mit dem
bombastischen Titel „Die ganze Wahrheit“ vorstellte. Eskortiert von den
Literaturkritikern Kristina Maidt-Zinke, Hubert
Winkels (FAZ) und Rainer Moritz (Literaturhaus Hamburg).
Sex, Intrigen, Wahnsinn. Daraus kann man in der Literatur immer etwas
zusammenrühren, das beim Publikum gut ankommt. Norbert Gstrein, der einstige
Suhrkamp-Autor, der inzwischen zu Hanser gewechselt ist, hat es getan. Viele
haben ihn gewarnt, selbst Joachim Unseld, Sohn des alten Unseld. Auch wenn der
Roman brillant geschrieben sei, könne sein Autor nur verlieren, und am Ende
könne es gar zum Gerichtsprozess kommen. Gstrein hat sich nicht beirren lassen.
„Es hat seine Gründe, dass wir diese Veranstaltung so weit im Voraus machen“,
raunte Hubert Winkels. Aber er nannte die
Gründe nicht.
Was Gstrein liefert, ist eine Art von Pornografie. Tatsächlich brillant
verfasst, so wie er einst über den Missbrauch jüdischer Identität („Die
englischen Jahre“) und die Schwierigkeit des Schreibens über den Bosnien-Krieg
(„Das Handwerk des Krieges“) schrieb. Norbert Gstrein, ein blasser, ruhig
auftretender, gelegentlich etwas verlegen kichernder Autor gehört zu den
Sprachbewussten und Feinsinnigen unter den deutschsprachigen Wortarbeitern.
Man glaubt ihm, dass er sich ein Thema gewissenhaft erarbeitet, aufwendig
recherchiert, mehrere Versionen anfertigt, immer weiter verdichtet. Aber am Ende
bleibt es doch Berkéwicz-Pornografie, die den Lesern zugemutet wird.
Hanser-Verleger Michael Krüger soll sich
bereits bei Frau Unseld entschuldigt haben, dass sie im Buch von Gstrein so
massiv sexualisiert würde.
Die schöne, aber wenig erfolgreiche Schauspielerin lernt den älteren Verleger
kennen, der sie in ihren bescheidenen literarischen Bemühungen unterstützt. Sie
kommen sich näher, der Verleger lässt sich scheiden, heiratet seine Neue. Sie
verhext ihn, er überschreibt ihr alles, das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
Gstrein operiert mit den Klischees, die über
Unseld-Berkéwicz in der Kulturbranche im Umlauf sind. Er erzählt von
Alkoholismus, Okkultismus, Kabbala, Voodoo und Hexerei, einer getürkten
jüdischen Identität, fanatischem, aus ursprünglich linken Überzeugungen
gespeistem Antiamerikanismus und Verschwörungswahn. Er erzählt von einem
Verlegermord. Und die Mörderin ist nebenher derart sinnlich, dass kein Mann in
ihrer Nähe, der ihr gefällt, von ihr unberührt bleibt. Literatur als Furor gegen
eine Ungeliebte. Warum tut Gstrein das?
Er bleibt die Antwort schuldig. Ursprünglich bat er die Verlegerwitwe, die
Biografie Siegfried Unselds schreiben zu dürfen. Die lehnte ab. Natürlich hat er
im Roman alles verfremdet, und Satire soll das auch nicht sein, Gstrein spricht
von „satirischen Elementen“.
Sein Ich-Erzähler ist Lektor in einem Wiener Verlag, er bekommt das Manuskript
der Verlegerin Dagmar über das Sterben ihres Mannes, des Verlegers Heinrich
Glück, auf den Schreibtisch. Bei der Lektüre packt ihn der Ekel, er verweigert
sich – und wird daraufhin gefeuert. Das Psychogebrabbel und Esoterikgeraune wird
veröffentlicht (Vorbild: Ulla Unselds Buch „Übererlebnis“, 2008), der Skandal
ist da, die Verlegerin wird aufgeblasen zu dem Monster, das viele in ihr sehen.
Rainer Moritz versuchte es am Wannsee mit Understatement: Es sei einfach der
Roman über einen entlassenen Lektor, der von einer „überspannten Verlegerin“
erzähle. Da wurde gelacht.
Die Warner haben Recht. Norbert Gstreins Schlüsselloch-Literatur wird sich
gegen ihn richten, seine Denunziation gleicht der Hinrichtung einer öffentlichen
Person. Das mildeste Urteil wird sein: Der Mann könnte an einer erheblichen
narzisstischen Kränkung leiden. Nebenbei fragten sich die Zuhörer: Gibt es nicht
noch einige andere Probleme in diesem Land, die es wert wären,
schriftstellerisch gewürdigt zu werden? Brauchen wir das Buch über eine Furie
von dämonischem Furor? Natürlich werden es viele lesen, aber wo liegt der
literarische Mehrwert?
Aber womöglich wird es auch ein großes Buch. Gar nicht so abgestanden und fade,
wie es jetzt scheint. Norbert Gstrein hat wohl nicht die Absicht, es im letzten
Moment noch zurückzuziehen. Wird der Literaturbetrieb es ihm danken? Oder der
Hexe einen Teufel folgen lassen?
Die vollständige Besprechung mit Abb. von Roland Mischke finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
[...diese und weitere
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