Die Gärten bist du von Antje Wagner, 2003, QuerverlagDie Gärten bist du.
Erzählungen von Antje Wagner (2003, Querverlag).
Besprechung von Andrea Roedig in freitag vom 21.3.2003:

Drachenschuppen
Die Kurzgeschichten von Antje Wagner fassen die Liebe im Verlust

Es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht« - wer möchte dieses Diktum Adornos nicht auch als eine Definition der romantischen Liebe unter modernen Bedingungen verstehen? Romantisches Glück ist Schmerz, weil es ein archaisches Begehren nach Verschmelzung weckt, das per se nicht stillbar ist. Der erfüllte Wunsch wäre das Ende der Romanze und der Anfang der bürgerlichen Ehe, in der die Liebe vor allem Arbeit macht.

Den Aufschub, die Trennung, den Widerstand, der den Wunsch vor seiner Erfüllung retten soll, erhebt Antje Wagner zum Erzählprinzip. Zwei Bücher hat die 29-jährige ostdeutsche Autorin bereits veröffentlicht, Liebesromane in leicht experimentellem Stil. Nun liegt ihr erster Erzählungsband vor, ein weiterer mit Geschichten zum Thema Gewalt wird im Herbst folgen.

Begehren also glückt nur in Begrenzung. Da lieben sich zwei - durchaus sexuell - über die Straße hinweg auf Sichtweite aus zwei verschiedenen Wohnungen heraus, ohne sich jemals berührt zu haben, und es heißt, das sei »für ewig«. Da sind zwei heimlich verheiratet und treffen sich nur hin und wieder in einem Zimmer, statt der Eheringe haben sie die Schlüssel getauscht. Eine Dreiecksbeziehung gelingt, doch nur bis zu dem Moment, in dem ausgesprochen wird, dass sie nicht funktionieren kann. Das Haus zweier Liebender schrumpft und öffnet sich erst wieder, als die eine der beiden durch einen Riss in der Wand verschwindet. Meist sind die Rollen in den Beziehungskonstellationen mit Frauen oder mit geschlechtlich unbestimmten Wesen besetzt, Wagner inszeniert dies mit fast kühler Selbstverständlichkeit. Vom Ich-Erzähler in Zur Ruh wissen wir, dass er mit einer Frau verheiratet ist; doch wenn er erwähnt, seit Wochen keine Feuchtigkeitscreme benutzt zu haben, stellt sich der erste Verdacht ein, dass er eine Frau ist. Die sich nun aber in einen Mann verliebt. Das Strickmuster aber bleibt homo- wie heterosexuell das gleiche: Ewige Lust gibt es nur in der Versagung oder im Tod. So weit, so bekannt.

Weil Wagner aber auf der Ebene der erzählten Geschichte das Glück negiert, kann sie sprachlich ungeniert in die Vollen greifen. Ihre Erzählungen sind gnadenlos romantisch, und das - erstaunlich - funktioniert. Zwar wird zu oft ins Haar gegriffen, zu oft werden rote Münder oder Blumenblüten beschworen und auch die Metaphern trägt Wagner häufig maßlos dick auf. Wenn sich »Finger um ein Herz legen« um es die »Handfläche anflattern zu spüren wie einen jungen Vogel«, dann ist das definitiv zu viel des Guten. Und doch macht es Spaß, diese Geschichten zu lesen, sie verbreiten ihren Zauber genau in der Gratwanderung zum Kitsch, in der sie sich nicht scheuen, selbst Großlyriker für lesbische Erotik einzuspannen: Der Titel Die Gärten bist du ist ein Rilke-Zitat.

Wagners Geschichten funktionieren auch, weil sie mit dem Unheimlichen, dem Grausamen, dem Überraschenden arbeiten. Viele der Erzählungen nehmen eine eigenartige Wendung, enthalten Rätsel, die nicht recht zu lösen sind, oder spielen gekonnt mit einer Gruselkulisse. Auch das wirkt manchmal ein bisschen gewollt, etwa wenn eine Protagonistin zugleich verfolgte Mörderin und Opfer ihres eigenen Mordes sein soll. Doch das Phantastische erlöst aus den Niederungen der ewig gleichen Beziehungskisten und gibt ihnen ihre tiefere, schmerzliche Dimension zurück. Ein Motiv, das Wagner wiederholt aufnimmt, ist das des einsam bewohnten Hauses am Wandrand, dem von außen diffus etwas Unbekanntes droht, das zugleich ängstigt und anzieht. Es ist, in der Geschichte Hol mich, eine ältere Frau, der dieses Unheimliche in Gestalt eines gierigen Geschöpfes begegnet und dem sie sich überlassen wird wie einem Mord. Sehr eindrücklich gelingen Wagner diese Szenen, die ein - wie auch immer geartetes - sexuelles coming out als ein mächtiges »catched by« erzählen, nah am Tod und an der Zerstörung. Das ist die Umkehrung des oben beschriebenen fragilen Liebes-Prinzips: wer im Nichts lebt, den holt das Begehren. Es ist eine Heimsuchung.

Das Phantastische bildet Wagner, indem sie Metaphern wörtlich nimmt, aus psychischen Zuständen Figuren bildet. Feuer und Flamme ist eine Geschichte, die im Untertitel vermerkt, dass sie »nicht ins Buch passt«. Hier heiratet ein Paar tatsächlich und wohnt zusammen, doch die schöne Florentine verwandelt sich nach der Hochzeitsnacht in einen Drachen, der ziemlich viel Platz einnimmt, Unmengen an Nahrung verschlingt und haufenweise bläulich schimmernde Schuppen verliert. Die Mensch gebliebene Gattin des Drachen, zunächst entsetzt, fügt sich schließlich in ihr Schicksal, denn das ist eben die Liebe, wenn sie dauern soll: ein gutes Stück Arbeit.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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