Die Frequenzen von Clemens J. Setz, Residenz, 20091.) - 5.)
Die Frequenzen
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Roman von Clemens J. Setz (2009, Residenz).
Besprechung von Daniela Strigl aus Der Standard, Wien vom 7.3.2009:

Das Leben als Kettenreaktion
Der 27-jährige Grazer Autor Clemens J. Setz legt mit seinem 700-Seiten-Roman "Die Frequenzen" ein erstaunliches Buch vor

Das ist in der Tat ein erstaunliches Buch: eine Geschichte über zwei junge Männer und ihre Familien, ein Panoptikum der Außenseiter, der vom Abrutschen ins soziale Niemandsland bedrohten Existenzen, der Kranken und komatösen Hellseher, der verzweifelten Paare, sprechenden Dinge und herrenlosen Tiere, ein Psychogramm mehrerer unter Hochdruck stehender und folgerichtig explodierender Gewalttäter und nicht zuletzt ein wahnwitziger Stadtroman.

Wer bisher geglaubt hat, die steirische Landeshauptstadt sei ein beschauliches Plätzchen für ruhegenießende Pensionisten und abenteuerunlustige Studenten, der wird eines Besseren belehrt: Graz firmiert hier als Ort der Aggression und Düsternis, der verrottenden Villen und verrufenen nächtlichen Parks, und dort, wo sich so etwas wie Schönheit zeigt, ist sie gefährlich. Die Frequenzen, das ist nicht gerade ein Titel, der im Buchhandel als sexy gilt. Dabei gibt es kaum einen neueren Roman, der mit solch verstörender Akribie und Selbstverständlichkeit sexuelle Aktivitäten beschreiben würde. Das Erstaunlichste an diesem Buch ist die Kühnheit, man könnte auch sagen Unverfrorenheit, mit der ein junger Autor seine Figuren in den Erzählmarathon schickt, mit der er ihre Lebensbahnen berechnet, arrangiert und kreuzt, mit der er in einem ekstatischen Finale das Irreale triumphieren lässt. Pedro Almodovar meets Kafka - oder doch eher Musil?

Hochfrequente Sprache

Dass Die Frequenzen ein atemberaubendes Buch geworden ist (und eines, das sich dem Leser auf den Magen schlägt), verdankt sich nicht allein der klugen Konstruktion und der inneren Dynamik der Protagonisten, sondern vor allem seiner gewissermaßen hochfrequenten Sprache, die sich keinen Leerlauf erlaubt.

Am Beginn steht die Fahrt des jungen Walter Zmal zu seinen Eltern - etwas ist geschehen, angeblich eine "Frauengeschichte", wiewohl wir bald erfahren, dass Walter nach einigem Schwanken zwischen den Geschlechtern nun den Männern zuneigt. In "Das Ende" fiebert gleich darauf der Ich-Erzähler Alexander Kerfuchs seinem letzten Tag als Pfleger im Altersheim entgegen. "Das wirkliche Ende" folgt dann am Ende von Teil I (der drei Teile) auf Seite 354; hier wird analytisch entblättert, was Walter zur Flucht in den Schoß der ungeliebten Familie bewog: Es gab eine Tote. Leider kann man im realen Geschehen nicht vor- und zurückblättern, der "Lauf der Dinge" ist "immer linear, grausam und unerbittlich". Walters Vater, der berühmte Architekt Zmal, will in seinem Sprössling ("Mir fällt nichts ein") unbedingt einen Genial-Kreativen sehen, wenigstens Schauspieler soll er werden.

Als die Therapeutin Valerie den jungen Mann, anstatt ihn zu behandeln, als verdeckten Mitspieler in ihre Klientengruppe engagierte, erlebte Walter das als Erlösung: "Wie schön, dachte er, wie selten und kostbar die Einsicht, dass man nichts Besonderes ist und sich alles bereits durch eine kleine Parallelverschiebung der Verhältnisse lösen lässt."

Valerie ist gerade auf das heftigste mit Alexander liiert, Walters verschollenem Freund aus Kindertagen. Weil man einander einmal übersieht, passiert die Wiederbegegnung spät. Glücklich war auch Alexanders Kindheit nicht: "Ein Gespräch, das plötzlich verstummt, weil ein ungebetener Gast den Raum betreten hat ... So ungefähr muss man sich meine Geburt vorstellen."

Frequenzen des Bewusstseins

Auch Alexander schleppt eine zentnerschwere Vaterfigur mit sich herum: Georg Kerfuchs, Doktor der Physik und Gymnasialprofessor, ein souveräner Kauz, der an den in die Plafond-Ecken entschwindenden Vater in Bruno Schulz' Zimtläden erinnert, verließ Frau und Sohn einst bei einer Autopanne im Schnee, fuhr mit dem flottgemachten Fahrzeug auf und davon. Zuvor hatte sich die Bruchstelle seiner Existenz als Riss in der Kellerwand gezeigt, der sich seinen Berechnungen hartnäckig verweigerte.

Fluchten gibt es einige: Der junge Ehemann flüchtet vor der Wochenbettdepression seiner Frau, das Hündchen Uljana hat Panikattacken. Ein kleines Selbstporträt hat der Autor im Hochzeitsbild am Schluss versteckt, das die Heimkehr des verlorenen Vaters inszeniert: Der bebrillte junge Mann, der so lange über das "uralte Elementarproblem von Vater und Sohn" nachgedacht hatte, "bis er schließlich einen quirlig-verzweifelten Roman darüber geschrieben hatte", könnte der Verfasser von Clemens J. Setzs Erstling Söhne und Planeten gewesen sein.

Ja, die Setz'schen Helden wissen, dass die Welt "aus Geräuschen zwischen 20 und 20.000 Hertz" existiert, aber was nützt ihnen das? Die Frequenzen des Bewusstseins (die Rede ist von den Sirenen der Rettung, den Tonlagen des mütterlichen Sprechens und vor allem von Tinnitus) bleiben unergründlich. Wie die Sonnenfinsternis des Jahres 1999, deren Schilderung einen der Höhepunkte des Buches darstellt, oder das Paradoxon des Erwachens aus dem Wachkoma. Die Dialoge sind meisterlich, von schneidender Schärfe, aber auch Komik. Setz überzeugt mit Sätzen, die aus dem Textganzen leuchten, auf eine unangestrengte Weise bildhaft und prägnant: "Sein Gesichtsausdruck war so ernsthaft, dass er fast darauf ausglitt und in ein unsinniges Gelächter ausbrach." Ebenso physiologisch unmöglich: "Meine Mutter kam zu mir ins Zimmer, angelockt durch das Geräusch meiner blinzelnden Augen." Über Walter, der mit dem Rad an einer Kreuzung balanciert: "Seine Füße kauten auf den Pedalen herum." Über ein Ehepaar: "Er gehörte ebenso wenig zu ihrem Leben und seinen Notwendigkeiten wie ein zwischen zwei Buchseiten zerquetschtes Insekt zum Symbolvorrat des Textes."

Einmal möchte Zmal senior mit Kerfuchs senior über die Idee der Weltmaschine sprechen, in der alles mit allem mechanisch und zugleich mirakulös verbunden ist. Alexander erscheint sie als "Vision meiner eigenen Zukunft", offensichtlich ist sie auch ein Modell dieses Schreibens, in dem Verspieltheit und Stringenz einander die Waage halten. Am Ende steht der "geradezu unendliche Verkehr", mit dem Kafkas Urteil aufhört, doch hier hält er inne, deutet trotz allem einen möglichen Raum zum Leben an.

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Die Frequenzen von Clemens J. Setz, Residenz, 20092.)
Die Frequenzen
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Roman von Clemens J. Setz (2009, Residenz).
Besprechung von Sebastian Fasthuber in der Frankfurter Rundschau, 24.9.2009:

XXL-Roman "Die Frequenzen"
...Oh!

Mit seinem klugen Debütroman "Söhne und Planeten" hat sich der Grazer Autor Clemens J. Setz (Jg. 1982) als früh gereiftes Talent erwiesen. Jetzt wollte er es offenbar wirklich wissen und hat einen über 700 Seiten starken Wälzer geschrieben, der die problembehafteten Leben zweier junger Männer als Anlass dafür nimmt, um über Familien und Vater-Sohn-Beziehungen nachzudenken, aber auch über Mathematik, Philosophie, Kunst, Gewalt, Sex, Einsamkeit, Hunde, Babies, Weltmaschinen und Ohrensausen.

Kurz und gut: Setz hat so ziemlich alles, was einem ambitionierten Jungautor durch den Kopf gehen kann, in diesen Roman gequetscht. Mit der Folge, dass dem Geschehen streckenweise nur schwer zu folgen ist. Einmal wird ein Haus beschrieben, dessen Bewohner eines Tages im Keller einen Riss in der Wand entdecken, der kein Ende zu nehmen scheint. Ein selbstironischer Kommentar des Autors über die Bausubstanz seines Werks?

Die Rahmenhandlung erschließt sich im Laufe der Lektüre des Textkonvoluts, das wild durch Zeit und Raum, Romanrealität und Traum hüpft, nur langsam. Dafür ist sie umso schneller resümiert: Zwei Männer um die 30, die als Schüler gute Freunde waren, rekapitulieren ihre Leben - der eine in der dritten, der andere in der ersten Person.

Viel hat sich nicht getan: Walter, der mutlose Architektensohn, verschwindet hinter den Wünschen seines Erzeugers, der ihm jederzeit ein Praktikum bei einer Zeitung oder eine Assistenz bei einem Regisseur organisieren könnte. Als die Eltern entdecken, dass ihr Sohn heimlich Gedichte schreibt, reagieren sie hocherfreut. Der Vater erwägt gar, "einen Privatdruck von Walters Frühwerk zu bezahlen". Aus so einem kann eigentlich nichts werden.

Klingelingeling

Alexander wiederum ist Lehrersohn und wurde durch das plötzliche Verschwinden seines Vaters nachhaltiger aus der Bahn geworfen, als er zugeben will. Der Hochbegabte schmeißt das Studium, um einige Zeit als Altenpfleger zu arbeiten. Privat changiert er zwischen einer langjährigen, fad gewordenen Beziehung und einer Affäre mit einer weit älteren Frau, einer Therapeutin, über die er Walter wieder trifft.

Viel haben die beiden einander allerdings nicht zu sagen, dafür treiben umso mehr Stilblüten und angestrengte Bilder von teils unfreiwilliger Komik durch den Roman. Alles scheint beseelt: Ein Aspirin ist "einsam", ein Taschentelefon "besorgt". Eine Grünfläche wird beschrieben als "ein alter, seniler Garten, der sich in allerlei Hirngespinsten aus Unkraut und Kletterpflanzen erging". Und betritt einer zum wiederholten Mal ein Krankenhaus, widerfährt ihm Wundersames: "Die automatischen Flügeltüren kennen mich bereits und machen mir pietätvoll den Weg frei."

Noch haarsträubender fallen die Sexszenen aus. In diesen lässt Setz seinen Icherzähler Alexander ganz von der Leine - und der Lektor hat offenbar pietätvoll weggeschaut. Nicht genug, dass das schüchterne Genie gleich beim ersten Mädchenbesuch ansatzlos fellationiert wird - die begleitenden Geräusche lassen ihn an "das Gebimmel der Schlittenglocken am Weihnachtsabend" denken. Auch wenn die Schilderungen pragmatischer ausfallen, wird es dadurch nicht besser: "Ja, nimm ihn in den Mund. Lutsch daran ... Oh!"

Dabei zählen die "Stellen" noch zu den unterhaltsameren Passagen. Vieles ist einfach Geschwurbel, manches würde man eventuell in Essays oder Diplomarbeiten akzeptieren, nicht aber in einer morschen Romankonstruktion. Und manches ist nur halb so originell, wie der Autor einen glauben machen möchte. Die Menschen etwa teilt Alexander in zwei Kategorien ein: solche, die WWF für eine Tierschutzorganisation halten, und solche, die damit Wrestling in Verbindung bringen. Altkluger Nachsatz: "Wer in beiden Welten zuhause ist, ist wahnsinnig."

Mit "ein großer Aufwand für ein winzig kleines Ergebnis" werden die Apparaturen von Rube Goldberg beschrieben, bei denen eine lange Kettenreaktion in Gang gesetzt wird, um etwas so Simples wie das Köpfen eines Frühstückseis zu bewerkstelligen. Ähnliches denkt man sich bisweilen bei der Lektüre über diesen Roman. Setz ist ohne Zweifel einer der gescheitesten Köpfe, den die österreichische Literatur in jüngster Zeit hervorgebracht hat. Aber: Kurzen Genieblitzen steht in seinem neuen Werk viel krudes Zeug und Leerlauf gegenüber.

Nun wurde das Werk doch tatsächlich für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Noch ein Zitat gefällig? "Entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe den Faden verloren. Wissen Sie noch, was ich gerade gesagt habe?" Ehrlich gesagt: Nein. So wichtig kann es aber nicht gewesen sein.

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Die Frequenzen von Clemens J. Setz, Residenz, 20093.)

Die Frequenzen.
Roman von Clemens J. Setz (2009, Residenz).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 13.10.2010:

Clemens J. Setz überrascht sich mit einem Roman
Als Teenager war Clemens J. Setz ein Nerd: Computer waren sein Ding, Bücher eher nicht. Im Interview erzählt der Autor, einer der Finalisten des Deutschen Buchpreises, wie er durch Ernst Jandl zum Schreiben kam. Und er erklärt, warum er seinen ersten Roman niemals veröffentlicht hat.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Clemens J. Setz: Ich habe in der Schule mit 15, 16 überhaupt nicht gelesen, habe mich nur für Computer interessiert. Eines Tages habe ich im Unterricht Gedichte gehört, Ernst Jandl oder so etwas. Ich habe begonnen, mit einem Freund eine Parodie auf das Gedicht zu schreiben. Und eh man sich versieht, entstanden 50 oder mehr Parodien. Ich interessierte mich dann auch für Bücher, habe eine Tour de Force durch die Weltliteratur unternommen. Ein fieberhafter Einstieg. Dann wollte ich diese Freude, die mir Bücher bereiten, zurückgeben. Das war mir ein ganz existentielles Bedürfnis.

Womit haben Sie angefangen?

Clemens J. Setz: Lange Zeit Gedichte, dann Kurzprosa, dann Längeres – und plötzlich war der erste Roman tausend Seiten lang, den habe ich mit der Hand geschrieben, so in Ringmappen, in winzig kleiner Schrift. Ich dachte, schau, ich kann ja einen Roman schreiben! Allerdings habe ich mich entschieden, ihn nicht zu veröffentlichen. Ich dachte, das ist einfach zu sehr Anfängerwerk.

Die Frequenzen sind Ihr zweiter veröffentlichter Roman, er hat die Familie zum Thema.

Clemens J. Setz: Ich weiß gar nicht, ob das das Thema ist… es ist ja kein Sachbuch. Also, klar kommt Familie vor, aber…

Was würden Sie sagen, was das Thema ist

Clemens J. Setz: Das finde ich schwierig zu beantworten – man würde ja auch nicht sagen, Moby Dick behandelt den Walfang, das wäre ja schon fast eine Lüge. Oder Ulysses ist ein Roman über einen Tag in Dublin. Das ist nichts, irgendwie. Mein Roman ist ein Roman über – Kettenreaktionen und die Verstrickungen einer Familie, das wäre aber fast schon gelogen, wenn man das so sagt, verstehen Sie das?

Natürlich. Aber man will doch als Rezensent gerne etwas zum Festhalten haben, etwas, durch das man den Roman in Kürze von anderen unterscheiden kann.

Clemens J. Setz: Ja klar, das ist das Recht eines Kritikers, zu vereinfachen. Je eleganter und polemischer das ist, desto wirksamer ist dann die Kritik.

Genau. Und desto mehr Leute lesen die Kritik – und dann vielleicht auch das Buch.

Clemens J. Setz: Die wirkliche echte, aufrichtige Leseempfehlung scheint mir aus der Mode gekommen. Es scheint doch eher darum zu gehen, dass Kritiker sich positionieren untereinander. So wie die Vögel am frühen Morgen, die im Baum zwitschern und hören, wo sind die anderen Vögel? Das hat mit Hackordnung zu tun. So scheint mir Literaturkritik zu funktionieren. Es geht immer darum eloquent zu sein, polemisch, einen guten Job zu machen. Nicht darum, den Leute zu sagen: Lest dieses Buch, es kann nicht sein, dass es nicht gelesen wird.

Wie sähe denn Ihre eigene Leseempfehlung für Ihr Buch aus?

Clemens J. Setz: Oh, das ist sehr schwer! Jaja, sicher, man kann sich nicht einfach nur beschweren… Was würde ich sagen? Wer Spaß hat an Kettenreaktionen, die etwas von der Unaufhaltsamkeit des Lebens selbst haben, dann kann man das Buch sehr gut lesen. Wenn man etwas anderes lesen will als nur eine spannende Story über einen Protagonisten, der Hindernisse zu überwinden hat und am Ende dafür belohnt wird. So würde ich vielleicht versuchen, es zu verkaufen. Das hat mich noch nie jemand gefragt, das finde ich lustig. Ja, das ist gut.

Würden Sie sich wünschen, dass die Literatur wieder spielerischer wird?

Clemens J. Setz: Ach, sich wünschen… Die Bewegung ist wieder weg von den experimentellen Formen hin zu den ganz, ganz einfachen, die keine Arbeit erfordern beim Lesen. Der Leser wird an die Hand genommen – das ist gerade so der Standard. Ich denke da an Glavinic, Kehlmann, Wolf Haas… Vielleicht kann ja das Pendel auch wieder einmal woanders hinschwingen, das würde ich mir vielleicht wünschen. Geschichten zu erzählen in klassischer Manier ist genauso eine Kunst wie das Erzählen in nicht-klassischer Manier. Ich entwickele ja auch kein neues Genre, es hat ja alles schon einmal gegeben.

Gab es Vorbilder für Sie, Anregungen?

Clemens J. Setz: Es ist wirklich für diesen Roman ganz wichtig gewesen das Werk von Nabokov, als hohe Latte, die man nie überspringen wird natürlich. Proust. Das sind so die Berge, neben die man sich setzen kann wenn man sein eigenes, kleines Hügelchen baut. Vor zwei Jahren habe ich Infinite Jest gelesen, das war zwar nach dem Roman, aber eine Bestätigung, dass man eben auch nicht-linear erzählen kann. Das hat so eine fraktale Schönheit, ein Muster, das aus dem Chaos entsteht. Jetzt ist es auf Deutsch raus, und der Geheimtipp ist kein Geheimtipp mehr.

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Die Frequenzen von Clemens J. Setz, Residenz, 20094.)

Die Frequenzen.
Roman von Clemens J. Setz (2009, Residenz).
Besprechung von Christiane Mieth aus dem titel-magazin vom 1.2.2010:

Wo ist Walter?
Nachdem Söhne und Planeten schon für den aspekte-Literaturpreis 2007 nominiert war, legt Clemens J. Setz jetzt den 720-seitigen Roman Die Frequenzen nach, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und jüngst mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Um Söhne und Väter dreht es sich auch hier, sie erwarten zu viel voneinander, verlieren sich und finden nie wieder zusammen.

Die Frage, worum es eigentlich geht, stellt sich bis zum Schluss. Da haben wir Alexander, dessen Vater spurlos verschwindet und irgendwann wieder auftaucht, aber spürbar an Größe verloren hat. Und Walter, dessen Vater in ihm so viel mehr sehen möchte, aber nichts finden kann als einen bisexuellen Möchtegernschauspieler. Väter als bekennende Proustliebhaber oder vielmehr Kenner der Proustschen Antworten. Und Väter, die keine Rolle spielen.

,,Das große Daumenkino rast seinem Ende zu"

Der Leser sucht besessen nach der Quintessenz. Wo ist Walter, der mit dem rot-weißen Pullover und der Pudelmütze? Die Stimmen ertönen von überall her und mischen sich wie auf einem unklaren Radiosender, bevor sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Kommen und Gehen. In unendlichen aufeinanderfolgenden Klangwellen.

Der Roman ist wie ein großes Daumenkino, aber beim Umblättern hapert es und die Bilder verlieren ihren Fluss. Es fehlt immer mal wieder ein Stück, dann wird zurückgeblättert und später wieder eingesetzt. Das ganze Daumenkinospiel endet im Chaos. Trotzdem freut sich der Leser über die hübschen Bilder.

Durchkämpfen!

Clemens J. Setz greift tief in die Trickkiste der Sprachschmankerl. So zitiert er aus einem „Konversationslexikon der Jenseitsmythen“, das es gar nicht gibt (schade eigentlich), zeigt uns Zeitungsartikel, Annoncen und Briefe (frei erfunden) und schreibt Kapitel aus Schulaufsätzen, Parabeln und einseitig geführten Telefongesprächen. Eines ist sicher: Langweilig wird es nicht. Wir befinden uns auf einer Woge aus geschickten Sprachbildern durch eine faszinierende Welt, in der alles seinen unabdinglichen Wert hat, sei es nun eine Steckdose, eine Litfasssäule oder eine streunende Hündin. Sicher. Warum nicht?

Ein Wälzer, bei dem es sich lohnt dranzubleiben, sich durchzukämpfen und schließlich die Belohnung einzuheimsen, mehr zu wissen über Väter und Söhne, über die Sorgen anderer, über die kleinen Dinge des Lebens. Auch wenn eine echte, spannende Handlung ausbleibt, ist dieses Buch wie „ein Riss, breit und unübersehbar, mitten in der Wirklichkeit“.

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Die Frequenzen von Clemens J. Setz, Residenz, 20095.)
Die Frequenzen
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Roman von Clemens J. Setz (2009, Residenz).
Besprechung von Erika Wurzenrainer in DUM - Das alternative Magazin, 2010:

Lassen Sie uns Zug fahren. Wenn Sie anfangen zu lesen, dann sind Sie schon mittendrin im Abteil, erschrecken Sie nicht.

Hurra, ein dickes Buch. Hurra, ein tadellos geschriebenes Buch. Der Einband schützt das Hardcover gut, das Lesezeichenbändchen wartet auf seinen Dienst und das Photo wirkt amerikanisch – das Amerika wo ein Alttankstellenbesitzer immer noch mit einem Wählscheibentelefon zurechtkommt und wo ein paar Meilen weiter die neueste elektronische Technik uns allen davongaloppiert. So verheißungsvoll viel sieht mich das Bild an.

Zwei leicht verschwommene Kinder laufen von einem verschwommenen Haus weg, ein grosser (verschwommener) Baum teilt optisch das Haus in zwei gleich grosse Teile. Das Bild zeigt an, dass keine kurze Geschichte dahinter lauern kann, auch keine einfache. Man erahnt Familiäres. Grundsätzlich geht es um das Schicksal zweier (in Folge mehrerer) Menschen – ein Zopf wird geflochten. In einer Sprache, in der für meine Begriffe alles passt. Sämtliche Vergleiche, Beschreibungen und so fort sind stichhaltig und stimmen einfach.

Geschlechtsakt live

Geschlechtsakte kommen vor und sind anschaulich. Kaum etwas wird vorweggenommen. Man ist also live dabei. Die Erzählung dessen was sie dabei tun lässt die Vorstellungskraft an den Start gehen und die nüchtern-sachliche Art der Beschreibung phantastisch werden. Zum Teil geil, zum anderen soll es manchmal schnell zur Hauptsache kommen, schnell über die Hauptsache hinwegkommen.

Der Text ist geprägt von einer gesteigerten Beobachtungsgabe. Schirch, wie er über Valeries Bauchnabel den Weg zu ihrem Alter nimmt (er ist ein wenig eingedrückt, wirkt eingenickt). Wahrnehmen und vergleichend Beschreiben ist in Setz bei diesem Buch sicher zu einer Höchstform gereift.

Spannung? Nein.

Bei allem was tadellos ist fehlt die Spannung. Das Buch ist also nicht spannend. Aber drehen Sie sich nicht gleich weg! Zeilen tragen die Bürde einer Anspannung der Menschen und Dinge die nicht an ihrem Platz sind, den Humor der Verspannten und die Schärfe eines aufgespannten Adlerauges sowie den Sturzflug desselben auf die noch entspannte Beute. Ganz optimal an einem bequemen Platz zu lesen, sodass die Sprache aufgenommen werden kann.

Fazit: pflückreife Frucht am Bücherbaum, flugfähig, niederschlagbereite Wolke. Das zu lesen ist schön.

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