Die Frau im Turm von Viola Roggenkamp, 2004, Arche/2005, S. FischerDie Frau im Turm.
Roman von Viola Roggenkamp (2008, S. Fischer).
Besprechung von Roland Mischke aus der WAZ vom 20.03.2009:

Zwei Frauen, irgendwie eingemauert
Viola Roggenkamps Roman "Die Frau im Turm" erzählt von zwei Frauen in zwei Epochen. Fürstenmätresse die eine, nach ihren Wurzeln suchende Jüdin die andere - so verschieden und in ihren Sehnsüchten seltsam verwandt

"Die Cosel erwacht. Die Cosel erwachte. Die Cosel ist erwacht." So gravitätisch beginnen mehrere Kapitel über die Mätresse Augusts des Starken, der im 18. Jahrhundert sächsischer Kurfürst und zugleich König von Polen war.

Aus machtpolitischen Gründen verstieß er seine Geliebte, für die der Triebstarke Liebe empfand. Er ließ sie auf Burg Stolpen einsperren, sie trafen sich nie wieder. Die Gräfin Cosel überlebte den Mann, den sie hatte heiraten wollen, um mehr als zwei Jahrzehnte. Viola Roggenkamp hat das Leben und Leiden dieser Frauenfigur recherchiert, ihre Romanszenen basieren auf vielen historischen Fakten. Aber die Coselgeschichte allein war ihr nicht genug.

Auf der zweiten Ebene des Romans erleben wir 1999 Masia Bleiberg, eine 33-Jährige aus Hamburg, die in Israel gezeugt worden ist. Ihr Vater ist ein jüdischer Kommunist, der unter den Nazis nach Palästina emigriert war und in den 1970ern aus Israel zurück ging nach Dresden, DDR. Ein ungewöhnlicher Mann, von der Stasi beargwöhnt, nach der Wiedervereinigung als Concierge im Taschenberg Palais tätig. Dort findet Masia ihn auf der Suche nach ihren Wurzeln. Ihr Freund August hat sie nach Dresden mitgenommen, wo er einen Film vorbereitet: über die Cosel.

Zwei Frauen in unterschiedlichen Epochen, zwischen denen zwei Jahrhunderte liegen. Was sie verbindet, ist das Judentum, denn die aufregend schöne Dame des Hochadels, die so schmählich verbannt wurde, hat sich in ihrer Gefangenschaft der jüdischen Heilslehre zugewandt.

Ohnehin fühlt sich Masia ihr nahe, sie sitzt im Turm ihrer Sprödigkeit. Als es dann zum ersten Sex mit August kommt trägt sie eine Lockenperücke wie einst die Cosel. Der Roman schlägt den Bogen zwischen dem Absolutismus im Zeitalter der Aufklärung und dem Kapitalismus in seiner Glücksritterausprägung im vereinten Deutschland.

Die Träume bleiben über Generationen hinweg die gleichen, immer geht es ums persönliche Glück. Wer träumt, ist aber gefährdet - durch die Realität, die ihm seine Träume raubt und Schmerzen verursacht. Denn Träume sind Lebensentwürfe der schönsten Art, verstiegene Vorstellungen angesichts einer Wirklichkeit, die so gar nicht sein will, wie man sie sich vorgestellt hat.

Masia ist kompliziert, isst Vollmilchnussschokolade gegen Einsamkeit, weil sie als Deutsche "das Verlorene" spürt, es "gehört zu meinem Jüdischen". Janina, abgelegte Bettgefährtin ihres Freundes August und sächsische Edelnutte, erklärt ihr die Welt aus ihrer Sicht. Der Vater hält sich bedeckt, bemüht sich um Herzlichkeit für die Tochter - doch sie stecken in unterschiedlichen Welten fest. Später wird es in Hamburg ein Treffen mit Masias Mutter geben, das im Desaster endet.

Man erfährt in diesem Buch wohl so viel über die Gräfin Cosel, eine aufrechte Frau, wie in keinem Buch zuvor. Man erfährt viel über ostdeutsche Befindlichkeiten in den Jahren nach dem Beitritt zur BRD. Viel Kritisches, wenn Ostdeutsche zu Wort kommen, die der Zeitenlauf großteils ihrer Sesshaftigkeit beraubt hat. Viel über Sachsen, über Dresden, Lustiges neben Bitterem. Aber immer geht es um Träume, Lebensentwürfe, Hoffnungen. Meistens scheitern sie, aber sie flackern immer wieder auf.

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