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Die Frau im Nerz. Die Betrogenen.
Erzählungen von Elsa Triolet (2001, Edition Ebersbach, Dortmund).
Besprechung von Franziska Meier aus der Frankfurter Rundschau, 3.5.2001:

Wenn Frauen ihre Krisen feiern
Perlen psychologischer Charakterisierungskunst: Die Erzählungen von Elsa Triolet aus den vierziger Jahren

Mancher Verehrer des frühen Louis Aragon ist auf sie nicht gerade gut zu sprechen. Elsa Triolet wird gemeinhin vorgeworfen, den jungen, hoffnungsvollen Dichter aus dem Kreis der Surrealisten entfernt, im Kommunismus bestärkt und seine Hinwendung zu einer Art sozialistischem Realismus veranlasst zu haben, obwohl sie selbst nie Mitglied der Partei war. Auf diese Weise sei der französischen Literatur ein großes Talent verlorengegangen, denn Aragons spätere Romane reichen an die außerordentlich vielversprechende Prosa seines Paysan de Paris (Der Bauer von Paris) von 1926 nicht heran. Dieses Buch hatte übrigens damals Elsa Triolets Neugier geweckt. Im Winter 1928 erbat sie ein Rendezvous mit dem Dichter absoluter Liebe im Café La Coupole, das für beide den Beginn einer über vierzig Jahre währenden, künstlerisch äußerst fruchtbaren Liebe bedeuten sollte.

Wie über kaum eine andere Autorin des 20. Jahrhunderts kursieren über Elsa Triolet zahllose Legenden und die unterschiedlichsten biografischen Angaben. Sie war weder eine sowjetische Spionin noch eine prüde Genossin. Sie war auch keine geborene Brik - so hieß nur der erste Mann ihrer älteren Schwester Lilja, die als langjährige Geliebte Majakowskis berühmt wurde. Sie war die Tochter des jüdischen Anwalts Kagan, der sich in Moskau niedergelassen hatte. Durch ihre Mutter aus Riga wurde Deutsch neben dem Russischen zu ihrer zweiten Muttersprache.

1919 flüchtete sie vor den Wirren der russischen Revolution nach Westeuropa. Von dort zog sie zusammen mit André Triolet, dessen Namen sie bis zum Schluss behielt, nach Tahiti. Geplagt von Langweile und Rheuma kehrte sie jedoch schon 1920 allein nach Europa zurück. Erst nach London, dann nach Berlin, schließlich nach Paris, wo sie Aragon zuliebe bis zu ihrem Tod 1970 blieb. Gemeinsam reisten sie mehrfach in die Sowjetunion, ohne dass sie sich von der stalinistischen Realität je ihre Begeisterung für die kommunistische Idee hätten nehmen lassen.

Erst 1937, mit einundvierzig Jahren, wagte Elsa Triolet, Erzählungen auf Französisch zu schreiben. Bonsoir, Thérèse fand 1938 nicht nur die begeisterte Zustimmung ihres Mannes, sondern auch sogleich einen guten Verlag und wurde von Jean-Paul Sartre lobend besprochen.

Es ist das Verdienst der Edition Ebersbach, nach und nach die unbekannten frühen Erzählungen aus dem umfangreichen französischen Werk der Russin im Deutschen zugänglich zu machen. An eine Gesamtausgabe ist nicht gedacht, auch nicht an eine kritische Edition. Im Gegenteil: Die übersetzten Geschichten sind hier aus dem Zusammenhang der Sammlungen gerissen und ohne Einleitung oder Anmerkung abgedruckt. Erstaunlicherweise findet sich nicht einmal der Originaltitel. Nach Die Frau mit dem Diamanten, einer Erzählung, die Aragon besonders liebte, und Colliers de Paris kommen nun zwei Geschichten aus dem Band Mille regrets von 1942 heraus: feine psychologische Porträts von Frauen, die in einer tiefen Krise stecken.

Die Erzählungen sind ein Jahr nach der deutschen Besatzung Frankreichs entstanden - im Süden, wohin sich das von der Gestapo gesuchte Ehepaar Aragon geflüchtet hatte. Sie sind zwar klar im Zeitgeschehen angesiedelt, doch geht es jeweils um typisch weibliche Probleme, die angesichts des blutigen Krieges geradezu fehl am Platze wirken. Den Heldinnen selbst erscheinen sie als unsinnig, ohne dass sie sie deshalb vergessen könnten. Die Frau im Nerz (die französische Titelerzählung) erlebt das Vergehen von Schönheit und Jugend als Identitätsverlust, in Die Betrogenen (Le destin personnel) geht es um eine frustrierte Frau, die den früher angebeteten Mann ermorden will.

Aus politisch-historischer Sicht sind die Geschichten erstaunlich harmlos. Sie sind ebenso fern von den gleichzeitig entstandenen Gedichten Aragons aus Les yeux d'Elsa, in denen er zum Widerstand aufrief und die De Gaulle im Radio verlas, wie von Triolets eigenen, späteren Erzählungen zur Résistance. Es ist schwer zu sagen, ob sie mehr von der politischen Naivität der Autorin oder von der tiefen Verunsicherung Frankreichs nach der militärischen und moralischen Niederlage zeugen. Oder ob sie die Erinnerung an ein anderes Frankreich, an die alte menschliche Welt wachhalten und dadurch, wie Aragon meinte, die Franzosen aus ihrer Resignation aufrütteln wollten?

Beide Erzählungen sind Perlen psychologischer Charakterisierungskunst, denen Triolets Begeisterung für Tschechow anzumerken ist. In kurzen Sätzen zeichnet sie Gedankengänge, Erinnerungen, Erlebnisse und Gespräche ihrer Heldinnen nach. Auch wenn die eine zum Typus der poupée, die nur für ihre Schönheit und ihren Geliebten lebt, die andere zum Kleinbürgertum gehört, behandelt die Autorin sie weder kritisch noch abfällig, wie das Aragon getan hätte, sondern sie nimmt ihr Leiden am entstellenden Prozess des Alterns oder an der Einsamkeit inmitten liebloser Männer und fremder Kinder ernst. Denn sie kannte, wie aus ihren Tagebüchern hervorgeht, die Nöte nicht emanzipierter Frauen nur zu gut. Die von Aragon als Neue Frau verherrlichte Elsa entpuppt sich in ihrem französischen Frühwerk als eigenartig bürgerlich, dekadent.

Stilistisch sind die Erzählungen noch recht durchwachsen. Das hängt wohl damit zusammen, dass das Französische für Triolet eine Fremdsprache blieb und ihrer schriftstellerischen Verve enge Grenzen setzte. Vielleicht hat sie auch bei ihrem unruhigen, gefährlichen Leben in der Illegalität nicht die nötige Muße zu einer sorgfältigen Überarbeitung gefunden. Jedenfalls stechen manchmal aus ihrer an sich eindrucksvoll schlichten und präzisen Sprache, in der sie Figuren mit einem einzigen Satz zu charakterisieren vermag, Ausdrücke aus dem familiären Französisch allzu sehr hervor, das durch den von ihr so bewunderten Céline Eingang in den französischen Roman fand. Manche Metaphern und Vergleiche wirken erschreckend platt, etwa: "Der Wind geht zwischen den Mauern des Gartens hin und her wie der Löwe im Käfig", andere wiederum aufgesetzt, wie schlechte Imitate des surrealistischen Stils Aragons: "Der Schatten vor dem Haus hustete" oder "Das Meer grollte und zeigte seine weißen Zähne". Für solche Ungereimtheiten kann die Übersetzung natürlich nichts. Aber es wird sich mancher fragen, wie man es anstellt, eine leere Trage zu "hieven", und was man sich unter "klümpriger Haut" vorzustellen hat. Verzeihlich sind dagegen Bürokratismen wie "kriegsbedingt eingeführt".

Insgesamt nimmt der Erzählband ein für eine von der Literaturgeschichte zu Unrecht stiefmütterlich behandelte Autorin.

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2.)

Die Frau im Nerz. Die Betrogenen.
Erzählungen von Elsa Triolet (2001, Edition Ebersbach, Dortmund/2003, Wagenbach TB - Übertragung Lydia Babilas).
Besprechung von Thomas Laux aus der Neue Züricher Zeitung, 26.6.2003:

Eigenmächtig selbstverloren
Elsa Triolet im Doppelpack

Mit zwei Novellen - und bitte nicht: «Romanen», wie vom Verlag gravitätisch untertitelt - lässt Elsa Triolet (1896-1970) sich als eine Meisterin in der Zeichnung verschnörkelter Charaktere entdecken. Beide Geschichten haben die deutsche Besatzung im Frankreich des Zweiten Weltkriegs als Hintergrund, und beide Geschichten überraschen durch ungewöhnliche Auflösungen. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die sich besonderen psychologischen Herausforderungen gegenübersehen und ihre Entscheidungen einsam treffen; ihr seelisches Gleichgewicht ist prekär, ihre subjektive Überlebensstrategie eher versponnen. Hinter den abbröckelnden Seelenfassaden scheinen dann jäh auch die Abgründe auf.

In «Die Frau im Nerz» ist eine Frau gezwungen, ihren Nerz - letztes Relikt eines gehobenen Lebens im Luxus und der Distinktion - zu einem Spottpreis zu versetzen, ein obskur wirkender, indessen steinreicher Mann interessiert sich dafür. Der Subtext dieser Ich-Erzählung behandelt hingegen ihre frei flottierende Angst ums Älterwerden. In ihrer evasiven Grundhaltung unterliegt sie am Ende auch noch einem fatalen Trugschluss. In «Die Betrogenen» feiert die Hauptfigur Charlotte ihr Alleinsein schon ein wenig zu deutlich als errungene Freiheit, als dass man ihr ihren Überschwang vorbehaltlos glauben könnte. Sie flieht aus der Wohnung in Paris, wo ihre Familie sich lärmend eingenistet hat, und bleibt fortan auf dem Lande bei einem befreundeten Pärchen. Doch Stadtferne, hoch gehaltene Freiheit und scheinbar friedsame Bukolik können nicht verbergen, dass es hier noch einige offene Rechnungen aus der Vergangenheit gibt - etwa mit Jean-Claude, dem Gastgeber. Betrogen sind hier aber gleich mehrere Figuren auf einmal... Fortsetzung

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