Die
Frauen.
Roman von T.C. Boyle (2009,
Hanser - Übertragung Dirk van Gunsteren,
Kathrin Razum).
Besprechung von Frank Dietschreit in der Westf.
Rundschau, 5.03.2009:
Architekt mit Hang zu starken Damen
Frank Lloyd Wright (1867-1959) hat die architektonische Moderne geprägt. In New
York baute er das Guggenheim-Museum, in Pennsylvania „Fallingwater", eine direkt
in einen Wasserfall platzierte Villa. Wright erfand die um eine Feuerstelle
angesiedelten „Prairie Houses". Und er schuf „Taliesin", eine in den Hügeln von
Wisconsin gelegene Wohnanlage, die mehrfach abbrannte und immer wieder aufgebaut
wurde.
Hier lebte und arbeitete Wright, hier scharte er eine Gruppe von Schülern und
Geistesverwandten um sich und lebte mit seinen Frauen. Denn Wright war nicht nur
ein verschrobener Visionär, er war auch ein Mann mit großer erotischer
Ausstrahlung auf starke, selbstbewusste Frauen. Wäre es nicht reizvoll, die
Biografie dieses Jahrhundertarchitekten aus der Sicht dieser Frauen zu erzählen?
T. C. Boyles Roman über Frank Lloyd Wright trägt den Titel „Die Frauen". Boyle
hat Bücher über James Harvey Kellogg, den Erfinder der Cornflakes („Willkommen
in Wellville", 1993), und den Sexualforscher Alfred Charles Kinsey („Dr. Sex",
2005) geschrieben. Jetzt setzt Boyle, der selbst in einem von Wright gebauten
Haus wohnt, die Fiktionalisierung amerikanischer Ikonen fort.
Denn der Roman über den Egomanen und Architekten, Frauenverführer und
Familienvater beruht zwar auf ausführlichen Recherchen, aber jenseits aller
verbürgten Fakten und Daten ist das biografisch weit ausgreifende Buch pure
Fiktion. Ein literarisches Spiel, um den Kampf der Moderne gegen ein prüdes und
bigottes Amerika zu zeigen und auf der Folie einer fiktiven Biografie ein
Gesellschaftspanorama zu entfalten.
Als fiktiven Erzähler erfindet Boyle den Japaner Sato Tadashi. Er kommt in den
1920er Jahren nach Taliesin, um dort seinem verehrten „Meister" über die
Schulter zu schauen. Dabei gerät er in eine Schule fürs Leben. In Taliesin sind
nicht nur Utopien geboren und begraben worden, sondern auch Menschen. Denn wer
gegen gesellschaftliche Konventionen verstößt, macht sich Feinde. Wer starke
Frauen um sich schart, muss damit rechnen, dass reaktionäre Männer verrückt
werden.
So wie Julian Carlton, der im August 1914 Taliesin in Brand setzte und ein
Massaker anrichtete. Unter den sieben mit einem Beil erschlagenen Opfern sind
nicht nur Kinder von Wright, sondern ist auch seine damalige Favoritin, Mamah.
Der Bericht des fiktiven japanischen Erzählers, der sich nicht an chronologische
Abläufe hält, sondern eher rückwärts erzählt und hin und her springt zwischen
Zeiten, Orten und Menschen, lässt sich diese mörderische Tat als Schluss-Pointe
nicht entgehen.
Neben der „Frauenrechtlerin" Mamah hat Wright noch viele Gattinnen und Geliebte.
Zum Beispiel Miriam, die exaltierte Morphinistin und Bildhauerin, die bei den
Bewohnern von Taliesin als „wahre Landplage" gilt. Oder Olgivanna, die
geheimnisvolle Tänzerin aus Montenegro. Die Frauen werden Einfluss haben auf
Wright, aber ihn nicht wirklich von seinem Kurs abbringen. Und der heißt:
radikale Selbstverwirklichung, die auch den Tod anderer Menschen in Kauf nimmt.
Die Frauen, so sehr er sie auch liebt, sind für ihn nur der Kraftstoff, den er
benötigt, um sich selbst zu erhöhen. Er saugt sie aus und lässt sie fallen, denn
sein Leben hat nur einen einzigen Sinn: bauen. Und um zu bauen, braucht er
Aufträge und Geld. Unermüdlich ist er deshalb unterwegs. Das rettet ihm sogar
das Leben: Als Julian Carlton mit dem Beil kommt, ist er nicht in seinem
geliebten Taliesin. Ihm bleibt nur, durch die Asche seines verkohlten Anwesens
zu stapfen und die Toten zu begraben.
Als Miriam, die spätere Gattin, davon in der Zeitung liest, denkt sie nur: „Der
arme, arme Mann." Sie will und sie wird ihn kennen lernen. Und, wie so viele
andere Frauen, an ihm verzweifeln.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]
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