Die Flugschau von Brescia, 2002, Zsolnay

Die Flugschau von Brescia: Kafka, d'Annunzio und die Männer, die vom Himmel fielen.
Buch von Peter Demetz (2002, Zsolnay - Übertragung Andrea Marenzeller).
Besprechung von Hermann Schreiber aus Rezensionen-online *LuK*, 2002:

Sehnsüchte in fliegenden Kisten
Peter Demetz auf italienischen Abwegen

In der Nacht vom 14. zum 15. März 1939 fand in der Neuen Reichskanzlei in Berlin jene Besprechung statt, die das Schicksal der Tschechoslowakei besiegelte. Staatspräsident Emil Hacha, 1916 noch österreichischer Hofrat in Wien, hatte sich nach mannhaftem Widerstand den massiven Drohungen Hitlers fügen müssen, hatte doch das Münchner Abkommen vom Oktober 1938 Böhmen aller schützenden Gebirge und Grenzbefestigungen beraubt. "Kurz nach halb fünf Uhr morgens öffnete sich endlich die Tür", berichtet Christa Schröder, eine der beiden in Bereitschaft wartenden jungen Sekretärinnen, "Hitler trat beschwingten Schrittes über die Schwelle… Mitten im Raum stehenbleibend, sagte er im Überschwang eines unendlichen Glücksgefühls: So Kinder, jetzt gebt mir mal da und da - wobei er auf seine rechte und linke Wange zeigte - jede einen Kuß!… Dies ist der schönste Tag in meinem Leben!" ("Er war mein Chef.")

Zu jenem Zeitpunkt war Peter Demetz siebzehn Jahre alt; drei Jahre nach Kriegsende finden wir ihn in Yale, New Haven, Connecticut, der drittältesten amerikanischen Universität, und zum Unterschied von seinem ebenso berühmten Kollegen Eduard Goldstücker (1913-2000) wird Demetz sein Lehramt in der Fremde nicht mehr aufgeben und die Heimatstadt Prag nur noch als Besucher wiedersehen. "Ich liebe und hasse meine Heimatstadt, und meine widerstreitenden Gefühle sind durch meine Besuche dort in den Jahren nach dem Wechsel 1989 … nicht zur Ruhe gekommen… Viele meiner europäischen Kollegen, die sich gern böhmischen Themen zuwenden, haben es leichter, sie sind unbelastet von Erinnerungen, die einem das Herz schwer machen." Peter Demetz hat denn auch, verglichen mit anderen Germanisten, vergleichsweise sparsam publiziert; er wurde auch von den deutschen Verlagen nicht sonderlich verwöhnt, den kleinen Erstauflagen folgten keine Nachschübe, und so ist er durch Jahrzehnte vor allem als Verfasser des Buches über "Rainer Maria Rilkes Prager Jahre" in Erinnerung geblieben, 1953 in Düsseldorf erschienen, also vor einem halben Jahrhundert und dennoch unvergessen wie das zweite dieser Standardwerke, Johannes Urzidils "Goethe in Böhmen" von 1932.

Das, wofür der Yale-Professor zwischen Vorlesungen, Prüfungen und Vortragsreisen zu wenig Zeit hatte, leistete sich nun der Emeritus, das Reiten der Steckenpferde. 1996 erschienen, leider inzwischen schon wieder vergriffen, Essays und Erinnerungen unter dem Titel "Böhmische Sonne, Mährischer Mond". Ein Jahr darauf folgten die 600 Seiten von "Prag in Schwarz und Gold", und nun liegt vor uns, nach sichtlichem Zaudern nachgeschoben, Die Flugschau von Brescia. Kafka, d"Annunzio und die Männer, die vom Himmel fielen (gleichzeitig mit der amerikanischen Originalausgabe).

Man schreibt das Jahr 1909. Kafka ist 26 Jahre alt, Max Brod 25, sein Bruder Otto erst 21. Die drei Freunde reisen gemeinsam an den in seinem nördlichen Teil damals noch österreichischen Gardasee, nehmen in Riva Quartier und erfahren dort von einem zu jener Zeit als Sensation zu wertenden Ereignis, einer Flugschau in der Nähe von Brescia, ein Katzensprung von Desenzano, der südlichsten Anlegestelle des Gardaseedampfers. Damit kann beginnen, was im Lebenswerk eines bedeutenden Germanisten kaum etwas anderes als ein Satyrspiel werden kann, aber eines, an dem auch der Leser Vergnügen findet, denn die drei jungen Männer aus der Moldaustadt haben bald interessante Gefährten: Einer von ihnen hätte beinahe noch das Erscheinen des Demetz-Buches erlebt, Luigi Barzini, eine Art Methusalem der italienischen Literatur, der zwei Weltkriege und Mussolini überstanden hatte, als schließlich seine Stunde schlug. Der berühmteste Flugschau-Zuschauer aber war Gabriele d"Annunzio, der damals seit einigen Monaten an einem Fliegerroman arbeitete, zweifellos einem der ersten seiner Art. Seinen Villenhaushalt in Florenz mit 36 Hunden, 31 Pferden und 200 Tauben hatte er eben aufgegeben, fuhr einen grellroten Fiorentina-Sportwagen und war nach vielen anderen Damen mit einer Contessa Mancini liiert, also einer Nachfahrin von Ludwigs XIV. geliebter Maria Mancini, einer Nichte des Kardinals Mazarin. Auch Giacomo Puccini war dem Motorsport leidenschaftlich ergeben; die von Peter Demetz getreulich reportierten Marken seiner bis dahin gefahrenen Wagen klingen kaum weniger gut als die Musik des Maëstro: Auf einen De Dion-Bouton folgte ein Lancia, dann ein Phaëton-La Buire und schließlich ein Dialfa Lancia (seine legendäre Harley Davidson mit Beiwagen erwarb Puccini erst später).

Für Puccini hatte Brescia eine besondere Bedeutung. 1904 war die Premiere von Madame Butterfly an der Mailänder Scala zu einem der größten Skandale in der Geschichte der italienischen Oper geworden; die schnelle Überarbeitung des Werkes durch Puccini selbst hatte noch im selben Jahr in Brescia einen großen Erfolg, der dieser Oper den Weg in die Welt bahnte. In den Tagen vor der Flugschau aber hatten sich bittere Schicksalsschläge ereignet: Elvira Puccini hatte die dem Komponisten schwärmerisch ergebene Doria Manfredi als Schlampe und Hure bezeichnet, worauf das schlichte Kind vom Land, das Puccini nach einem Autounfall aufopfernd gepflegt hatte, sich vergiftete und nach Tagen höllischer Schmerzen starb. Die Obduktion ergab, daß sie unberührt war; Elvira Puccini wurde zu Gefängnis verurteilt und von den Dorfbewohnern mit Lynchjustiz bedroht, und Puccini hatte in jenem Herbst 1909 nichts so nötig wie Ablenkungen, wenn er am Mädchen aus dem Goldenen Westen weiterarbeiten wollte.

Weiß man dies alles, so ist es nicht ganz leicht, es zu verschweigen; Demetz ergeht sich mit unbekümmerter Erzählfreude in diesen und vielen anderen Einzelheiten, vor, neben und nach den aufsteigenden, zum Teil abenteuerlichen Baumustern entsprechenden Flugzeugen. Ein Gelehrter bleibt eben um das Detail bemüht, auch wenn er statt von Dichtern und Büchern von Flugpionieren und ihren Konstruktionen spricht. Blériot kennt man wohl noch, er hatte zwei Monate vor der Flugschau in einem Monoplan mit 25 Pferdestärken den Ärmelkanal von Calais aus überflogen. Andere wie Calderara, Rougier, Glenn Curtiss und Mitstrebende sind heute vergessen, und daß Demetz sie uns am Ende des Buches beinahe lexikalisch vorstellt, um sie der Vergessenheit zu entreißen, hat ihm zumindest einer seiner stets achtungsvollen Kritiker vorgeworfen. Diese Seiten aber hindern uns nicht, unseren eigenen Honig aus dem Dargebotenen zu saugen: Die Ausführungen über d'Annunzio sind köstlich und auch für Österreicher ohne Harm zu lesen, insbesondere die Flugblattaktion des Dichters über Wien; das Kapitel über Kafka und seinen Brescia-Bericht ist nur eine Miszelle in der ausufernden Literatur über diesen Dichter, aber das dem kaum bekannten Bruder von Max Brod gewidmete Klagelied rechtfertigt allein schon Themenwahl und Darstellung, auch wenn es nur sechs Seiten sind, die uns an den Ende Oktober 1944 in Auschwitz ermordeten Otto Brod erinnern.

Lehrreich ist, wie mühelos dieser große alte Mann einer alten Wissenschaft aus seinem Fach heraustritt zu Aviatikern, echten und selbsternannten Helden, Galionsfiguren und Dandys einer Epoche, deren Ende schon nahe war, als man gemeinsam und wie in einem großen Rausch zur Eroberung neuer Sphären aufbrach.

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