Die flüsternden Seelen von Henning Mankell, 2007, ZsolnayDie flüsternden Seelen.
Roman von Henning Mankell (2007, Zsolnay - Übertragung Verena Reichel).
Besprechung von Ingeborg Sperl aus Der Standard, Wien vom 31.3.2007:

Erscheinungen am Lagerfeuer
Henning Mankells neues Afrika-Buch gibt sich poetisch und der Autor versucht sich selbst dabei zurückzunehmen

Von der Geschichte des Schwarzen Erdteils als Universalgeschichte der Menschheit handeln Hennig Mankells Traumgesichte und melancholische Anklagen. Er macht seine Impressionen nicht an konkreten politischen oder historischen Ereignissen fest, sondern lässt die Geschichten vorüberfließen, wie sie der alte Felisberto am Lagerfeuer erinnert.

Der Einstieg ist die Erzählung einer paradoxen Flucht. Eine Revolution steht bevor, die weißen Landinhaber setzen sich zur Küste ab, um eine Schiffspassage zu ergattern. Felisbertos Herr seit siebenunddreißig Jahren, Dom Estefano, fühlt sich verpflichtet, mit seiner Abreise zu warten, bis seine kranke Ehefrau gestorben ist, stattdessen wird ihn der Tod ereilen und Donna Elvira mit dem Schiff auf immer verschwinden. Für Felisberto bleibt die Welt des weißen Mannes schlicht unbegreiflich, da ist ihm die dauernde Anwesenheit eines Geistes viel plausibler. Samima, die längst verstorbene Urahnin seiner Sippe, ist immer noch gegenwärtig.

Die Trennung zwischen Dies- und Jenseits ist aufgehoben, die Geister sind wütend, langweilen sich oder können je nach Laune auch hilfreich sein. Auf jeden Fall treffen sie einander alle wieder bei Samima. Lukas, der sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Europa eingeschmuggelt hat und dort elend zugrunde gegangen ist, der Mann, der verantwortungslos handelt und den Kopf einer Frau in einer Mülltonne findet, Zeca, der Unglückliche mit dem Klumpfuß, der Künstler, der seine Skulpturen aus dem Holz der Bäume befreit, Kiko, der durch Zufall in eine Höhle fällt, die Frau, die bei der Feldarbeit auf eine Mine tritt und mitsamt ihrem Baby zerrissen wird, sie alle gehören zur Familie und tauchen auf wie in Träumen, vermischt mit lyrischen Passagen, welche die Schönheit des Landes und die Geduld seiner Menschen besingen.

Selten blitzt Ironie auf. Etwa in der Geschichte von Alberto, der beschließt, die alten Märchen und Lieder Afrikas zu sammeln, und dem dafür die weißen Ethnologen ein Entwicklungshilfeprojekt genehmigen würden. Allein, alles was Alberto finanziert haben möchte, sind Schuhe zum Wandern, und das ist doch wirklich zu wenig, um als ernsthaftes Projekt durchzugehen. Mankell versucht, sich selbst zurückzunehmen und die Stimmen der schwarzen Menschen flüstern zu lassen. Heraus kommt eine poetische Hommage, zwischen Weisheiten und Plattitüden oszillierend: Man kann die Unverbindlichkeit langweilig finden oder sich vom Bilderstrom anrühren lassen, das kommt auf die Geister an.

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