Die Flügel der letzten Kastanie von Stefan Heuer, 2006, Edition ThaleiaDie Flügel der letzten Kastanie.
Novelle von Stefan Heuer (2006, Edition Thaleia).
Besprechung von Jan Sedelies aus dem titel-magazin, 18.7. 2006:

Stumm im Strom der Sprachlosen
Der Protagonist dieser feinfühligen Novelle fällt aus seinem bürokratischen Leben – und erfährt eine neue Sicht der Welt

Manchmal ändert die Wahrnehmung der Dinge, die Dinge selbst. Doch welcher Mensch ändert schon seine Gewohnheiten, lässt sich auf Experimente ein oder rüttelt freiwillig am eigenen Weltbild? Der Protagonist der neuen Novelle „Die Flügel der letzten Kastanie“ des Burgdorfer Autoren Stefan Heuer braucht sich diese Frage der Freiwilligkeit gar nicht erst zu stellen.
Der Büroarbeiter mit detailliertem Tagesablauf, Hang zur Ungeselligkeit und pedantisch unspektakulärem Verhaltenskodex wacht eines Morgens auf und hat seine Stimme verloren. Einfach so. Einfach weg. Arztbe- und Erklärungsversuche scheitern. Die tadellos funktionierende Arbeitsmaschine fällt aus – und erfährt durch die Sprachlosigkeit eine neue Wahrnehmung der Dinge. Der Sprachlose ist nämlich nicht unbedingt der, der nichts zu sagen hat; vielmehr findet sich der Protagonist auf seinem Weg durch die Stadt einem „Strom der Sprachlosen“ gegenüber. Er beginnt auszubrechen. Entsorgt den durchchoreographierten Tagesablauf, die unsichtbaren Zwänge und entdeckt die Natur für sich; schaut den Kranichen zu, riecht am Löwenzahn und lässt sich durch unbekannte Straßen treiben. Schließlich verirrt er sich „im Labyrinth der Nebenstraßen“. Und auf der Suche nach Halt, in diesem neuen fremden Sein, begegnet ihm ein alter Mann, der mehr Fragen über Sinn und Unsinn zu seinem bisherigen Leben aufwirft, als beantwortet.

Der rege Autor und Kulturarbeiter Stefan Heuer zieht den Leser ganz behutsam in die immer phantastisch anmutende Geschichte hinein. Beschreibt der 34-Jährige anfangs genauso pedantisch den Tagesablauf des Protagonisten, wie dieser ihm folgt, entwickelt sich die Sprache mit dem zunehmenden Ausbruch der Handlung ins Phantastische auch in eine tiefe und passende Poesie. Wie ein lyrischer Krimi kommt die Suche nach der vielleicht richtigen Perspektive fürs eigene Leben daher. Ob der Wortkarge in „Die Flügel der letzten Kastanie“ am Ende dem Wahrnehmungswandel einen Lebenswandel folgen lässt, bleibt offen. Eindeutig und klar ist nur der Genuss, den die Lektüre verbreitet – wie leise Töne, die sich am Ende zu einem feinfühligen und bewegenden Gefühls- und Gedankenkonzert vereinen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

Leseprobe I Buchbestellung 0706 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © titel-magazin