Die Flatterzunge von F.C.DeliusDie Flatterzunge.
Roman von Friedrich Christian Delius (1999, Rowohlt).
Von Karl-Markus Gauss aus der Wochenzeitung, Zürich, 12.8.1999:

Was passiert, wenn ein Deutscher in Tel Aviv seinen Scheck mit Adolf Hitler unterschreibt? F. C. Delius zeichnet mehr als einen tatsächlichen Vorfall nach.

Vor ein paar Jahren entfuhr der deutschen Tonkunst ein Misston, der staatspolitisch so peinlich war, dass die Weltpresse von ihm berichtete. Da hatte ein deutscher Musiker, der sich mit seinem Orchester auf Israel-Tournee, also geradezu auf musikalischer Versöhnungsmission befand, zu volltrunkener Stunde seinen Scheck im Hotel mit «Adolf Hitler» unterzeichnet. Ob ihm das besonders witzig erschien oder er zwanghaft gegen ein tief verinnerlichtes Verbot verstossen musste, konnte er selber nie erklären; egal, was sich der Mann dabei dachte oder ob er überhaupt etwas dachte – der Skandal war gross, und auf der amtlichen Beschwichtigungsskala war die Alarmstufe 9,5 erreicht, was im Krisenplan das Entsenden eines Staatssekretäres sowie offizielle Gesten der Zerknirschung vorsieht; der Blechmusiker aber, der eine deutsche Schande schallend in die Welt hinausgeblasen hatte, wurde unehrenhaft aus seiner Truppe entlassen und der allgemeinen Verachtung übergeben.
Das neue Buch des 1943 geborenen Berliner Schriftstellers Friedrich Christian Delius handelt von diesem Fall und hat freilich die Bemerkung vorangestellt: «Die Figuren dieser Erzählung sind keinen realen Personen nachgebildet, sondern frei erfunden.» Es lohnt sich, ein wenig der juristischen, ästhetischen und persönlichen Dimension dieser Formulierung nachzusinnen. Delius war mit zwei Büchern bekannt geworden, die die Gerichte beschäftigten und für die die Germanistik den Begriff der «Dokumentarsatire» fand. «Wir Unternehmer» sammelte und sichtete 1966 die wirtschaftspolitischen Reden, die auf dem Parteitag der CDU/CSU im Jahr davor gehalten wurden und montierte sie so entlarvend aneinander, dass die Leser, wie Delius damals hoffte, «das Gruseln oder den Spott lernen» mochten.

Reale Prozesse, Fiktive Figuren

1972 erprobte er seine Methode im fiktiven Festbericht «Unsere Siemens-Welt», in dem er sich als Festredner zum 125-Jahr-Jubiläum des Hauses Siemens und diesem aus lauter überprüfbaren Dokumenten eine Geschichte des Unternehmens präsentierte, die Siemens nicht als die seine anerkennen wollte. Der Konzern strengte einen langjährigen Prozess an, der fast zum Ruin des Rotbuch-Verlages führte, und siegte letztlich mit dem für Unternehmen wie Gericht gleichermassen blamablen Urteil, dass ganze neun Stellen des Textes eingeschwärzt werden mussten. Wer sich einen Siemens-Kühlschrank kaufen möchte, sollte vorher diese gegen den Jubilar gewendete Festschrift lesen, damit er sieht, wem er sein Geld gibt.
Der Prozess hatte damals übrigens das Schicksal der deutschen Dokumentarliteratur juristisch besiegelt, und seither sind, auch wo es sich um unverkennbar faktengetreue Arbeiten handelt, Formulierungen, wie sie Delius seinem neuen Buch voranschickt, durchaus gebräuchlich. Allerdings war die Dokumentarliteratur nicht nur an der Justiz, sondern auch an ihrer eigenen ideologischen Enge, namentlich an dem dogmatischen Vorurteil gescheitert, der Mensch wäre ein restlos politisch definiertes Wesen, dessen wahre Geschichte aus den geheimen Zeugnissen der Macht zu erkennen und zu begreifen ist. In seinen drei Romanen «Ein Held der inneren Sicherheit», «Adenauerplatz» und «Mogadishu, Fensterplatz» hat Delius in den achtziger Jahren die Identität des Einzelnen wesentlich komplexer zu erfassen gesucht.
Nun wird die Wirklichkeit, die er vorher einzig in der politischen Ökonomie zu finden meinte, für ihn auch von den Träumen und Enttäuschungen, den privaten Wünschen und Sehnsüchten, den Obsessionen und Depressionen der Menschen gebildet. Die ästhetische Freiheit, die er so gewinnt, gibt dem Autor nicht die Lizenz, die Lebensgeschichten realer Personen nach Belieben zu verändern, wohl aber das Recht, reale Prozesse in fiktiven Figuren zu spiegeln, weiter zu denken, neu zu deuten.
Der Hinweis, dass seine literarischen Figuren nicht realen Personen nachgebildet seien – und das bei einem Buch, das sich seine Handlungskonstellation so ungeniert aus der medialen Öffentlichkeit greift! –, hat aber nicht nur eine ästhetische und eine juristische, sondern auch, sagen wir: eine persönliche Dimension. Denn Delius erzählt ja von einem Mann, der etwas Bestimmtes getan hat und dem seither Bestimmtes widerfährt, und über einen solchen Mann ist in der Presse monatelang berichtet worden. Das literarische Werk, wenn es sich nicht kalt seiner Verantwortung entzieht, hat daher auch jenem Menschen gerecht zu werden, dessen Geschichte es trotz aller distanzierenden Floskeln der Vorsicht nun einmal erzählt. Das Buch selbst gibt keine Auskunft, ob der Autor mit dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Musiker gesprochen, sich bei ihm über sein Leben, seine Erklärung des Geschehens kundig gemacht hat. Doch ist es anzunehmen, nicht nur weil Delius vieles über die Lebenswelt eines Berliner Orchestermusikers zu sagen weiss, sondern vor allem, weil ihm die zügig, mit feiner Ironie und dem Blick in deutsche Abgründe erzählte Geschichte zur Verteidigung eines von aller Welt verachteten Menschen gerät.

Das Verhängnis einer Unterschrift

Tatsächlich zeigt Delius einen gebrochenen Charakter, der seinen ständigen Unmut über alles Mögliche, seine Freundin, das Orchester, die Welt im Allgemeinen und seine Existenz im Besonderen, zwar in Attacken von Wehleidigkeit, aber keineswegs in antisemitischen Ressentiments auszuleben pflegt. Wenn «Die Flatterzunge» auch die Rechtfertigung eines mit einer einzigen, furchtbaren Unterschrift berühmt gewordenen Mannes ist, so ist sie natürlich nicht die Apologie dessen, was er getan hat; wiewohl Delius auch darin, in der Unterzeichnung eines Schecks mit A. H., am Ende schon fast eine Handlung sieht, für die das deutsche Volk seinem schmachvollen musikalischen Repräsentanten zu danken hätte.
In dieser einen verhängnisvollen Nacht in Tel Aviv hatte sich der Musiker nämlich für fünf Sekunden angemasst, Adolf Hitler zu sein, und das ist es, was die Deutschen auf ihrem Weg aus der Geschichte und in den Wohlstand nach 1945 niemals getan haben: anzuerkennen, dass auch sie Adolf Hitler, dass auch sie der Nationalsozialismus waren, der ihnen nicht einfach auferlegt wurde, sondern den sie miterschaffen haben. Was aber, wenn jeder Deutsche «einmal für fünf Sekunden AH wäre ... Ich habe es mir ausgerechnet mit dem Taschenrechner: wenn alle fünf Sekunden ein Deutscher AH wäre, könnten es in einer Minute schon zwölf sein. In einer Stunde 720, an einem Tag 17 280, im Jahr 6 307 200 Menschen … Nach ungefähr dreizehn Jahren wären alle achtzig Millionen Deutsche einmal dran gewesen. Dann dürfen alle aufatmen, auch ich. Wenn es uns und der Welt gefällt, fangen wir dann noch einmal von vorn an, für die nächsten dreizehn Jahre. Aber vorher schieben wir noch die Österreicher ein.»

Der Posaunist von Jericho

Ein Mann schreibt auf, was immer ihm durch den Kopf geht und für seinen Prozess wichtig sein könnte. Ob das Arbeitsgericht, vor dem er seinen Arbeitgeber, das Orchester der Berliner Oper, auf Wiedereinstellung klagt, an seiner vernichtenden Lebensbilanz interessiert sein wird? Rekapitulierend erkennt «der Teufel von Berlin, der Hund von Tel-Aviv», als der er seit jenem Vorfall gilt, dass er schuldig ist. Aber nicht dessen, was er in Israel getan hat, und das für ihn ein einziges Missverständnis bleibt, sondern dass er aus sich nichts Rechtes zu machen wusste. «Mein ganzes Leben bin ich ein Idiot gewesen.»
Unter den Bläsern sind die Trompeter die Stars, aber auch die Fagottisten gelten noch etwas. Ihm war einst die Posaune «zugefallen», einfach weil der erste Lehrer, zu dem er ging, genügend Trompeten- , aber keinen Posaunenschüler hatte. Für die Posaune sprechen eigentlich nur zwei Dinge: die Posaunen von Jericho und dass die Posaunisten gemeinhin gute Küsser sind; zumindest glauben das die Posaunisten. Das hängt mit ihrer Spieltechnik zusammen, die eine flinke Zunge erfordert, sonst schafft niemand die rasanten Passagen bei Richard Strauss, der «auf die Flatterzunge viel Wert gelegt hat. Die Zunge beim Blasen zwischen den Lippen flattern zu lassen und damit ein schnarrendes oder prasselndes Vibrato erzeugen …»
Ja, Richard Strauss schrieb Musik, bei der auch die Posaunisten einmal brillieren können, aber: War Richard Strauss nicht ein Nazifreund? Und hat es Richard Strauss geschadet, dass er einer war? Also: Warum soll jetzt ausgerechnet ein kleiner Posaunist büssen, obwohl der doch ganz gewiss nie ein Nazifreund gewesen ist? Das Berliner Orchester und die Opernmannschaft waren jedenfalls mit einem unverfänglichen Programm nach Israel gekommen, «Die Zauberflöte» wurde gegeben, damit am Ende das Gute siegt, und Donizettis «Liebestrank». Kaum betrat das deutsche Orchester israelischen Boden, fühlte sich ein jeder schon in eine besondere Rolle gedrängt: Man ist Botschafter eines Deutschlands der Kultur, man «ist auf Verständnis und Liebsein getrimmt, und jede Bewegung, jeder Schritt, jeder Satz steht unter dem Diktat des Bitte-recht-freundlich und Wir-reichen-euch-die-Hände …» Doch die viel beschworene Normalität, die Deutschland sich durch sein demokratisches Wohlverhalten in Europa längst verdient zu haben meint, ist in Israel nicht zu haben.
Der Posaunist freilich, ja, ausgerechnet der fühlt sich wohl in Israel. Endlich Jericho sehen, den Stolz jedes Kindes, das Posaune lernen musste! «Die wilde Mischung aus Orient und USA, Lärm, Beton, Staub, Schnelligkeit, Ruppigkeit, das pralle Leben am Strand und in den Läden, all das gefiel mir. Weil es mit unseren Täter-Opfer-Spielen nichts zu tun hatte.» Gerade, weil es ihm gefällt und er selbst sich frei von deutscher Abgründigkeit glaubt, wird es der Posaunist und kein anderer sein, der jenen fatalen Fehltritt macht. Seine Kollegen bewegen sich in Israel vorsichtiger, das Land ist ihnen fremd, sie sind ihrer selbst nicht sicher und darum auf der Hut. Der Posaunist hingegen ist nicht auf der Hut, er fürchtet sich nicht, weder vor dem fremden Land noch davor, hier irgendetwas falsch machen zu können.
Und dann ist da dieser Kellner, der ihn den ganzen Abend mit seinem anmassenden Benehmen reizt. Achtlos nimmt er die Bestellungen entgegen, und trotz der inständigen Bitte des Posaunisten, dem allgemeinen Orchestersaufen etwas dirigierenden Überblick entgegenzubringen, legt er die Getränkebons weiterhin in rasender Schnelligkeit ab. Ein paar Stunden später ist der Posaunist überzeugt, dass der Kellner nicht souverän, sondern schlicht unaufmerksam ist, und um es zu beweisen, unterzeichnet er seinen Scheck mit A. H. Der Kellner merkt es tatsächlich nicht, aber am nächsten Morgen ist die Welt nicht mehr dieselbe.
Dass er daran Schuld trägt, das zu verstehen weigert sich der Posaunist. Er, der sich immer als Opfer – der Frauen, der Kollegen, des Lebens selbst – fühlte, soll ein Täter sein? Nicht er, Richard Strauss war doch der Nazifreund! So vieler Vergehen er sich in seiner intensiven Selbstbefragung auch überführt, gerade das politische Delikt, dessen er geziehen wird, ist nicht darunter. Bald steht er, ein Ausgestossener, vor den Trümmern seiner Existenz. Nichts ist so geblieben, wie es war, alle Lebensillusionen sind zunichte, noch sein stolzester Teil, die Flatterzunge, erfährt er, wurde von der Geliebten als besonders ekles Organ empfunden. Einer, der nicht einmal das gute Deutschland repräsentieren wollte, ist jetzt ausersehen, für das Böse zu stehen.
Was ihm noch bleibt? Israel natürlich! Mit einem bösen Blick für das Komische im Tragischen und einem milden für das Tragische im Komischen entwirft Delius die Biografie eines Mannes, der sich kaum als Deutscher fühlt, aber am Ende deutsches Verhängnis repräsentiert. Es ist gar nicht so leicht, ein argloser Deutscher zu sein.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

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