Die Flaschenpost des Herrn Debussy.
Roman von Michael Schulte (2007, Picus Verlag).
Besprechung von Lydia Schultchen aus der NRZ vom 1.12.2007:

Musikgeschichte in Flaschen

Ein junger Musikwissenschaftler jagt ein Phantom: Die Urfassung von Claude Debussys "La Mer", die eine eifersüchtige Geliebte im Jahr 1905 als Flaschenpost ins Meer geworfen hat - diese Partitur will er finden. Auf ihren Spuren reist der Student Michel von Deutschland nach Paris, New York und Texas. Die Zahl seiner Verfolger wächst ständig, denn der gutgläubige Michel weiht all seine Reisebekanntschaften in seinen ehrgeizigen Plan ein. So folgt ihm auf seiner Odyssee bald ein ganzer Trupp von Schatzsuchern, die alle hoffen, durch die Partitur reich zu werden.

Abraham Lincoln und ein Papagei als Lotse

Und diese Begegnungen sind in der Tat sehr merkwürdig: Zwei geheimnisvolle Pariserinnen und ein amerikanischer Detektiv, der sein Informantennetzwerk aus obdachlosen Kindern rekrutiert. Michel begegnet Abraham Lincoln, der seine erfolglosen Mordversuche an seiner Ehefrau beklagt und einem texanischen Millionär, der sein Geld mit Hotdogs verdient hat. Komplettiert wird der surreale Karneval von Debussys sprechendem Papagei, der im salomonischen Alter von über 100 Jahren die ganze Gesellschaft ins hawaiianische Waikiki lotst - mit durchaus eigennützigen Zielen, wie sich herausstellt.

Michael Schulte, Jahrgang 1941, veröffentlicht seit den 1970er Jahren Biographien, Romane und Erzählungen. Er ist ein Autor der Komik, als Gegenstand und als Effekt. Ständige Motive sind die Reise, Paris und Amerika. Als freier Autor und Übersetzer lebte Schulte zwischen 1982 und 1995 mehrere Jahre in den USA, heute wieder in Berlin. Er hat nicht nur wissenschaftlich über Karl Valentin gearbeitet, seine eigenen Texte sind auch von Valentin beeinflusst. Schultes jüngstes Werk, "Die Flaschenpost des Herrn Debussy", strotzt vor sonderbaren Zufällen und merkwürdigen Gestalten. Er entwirft ein Kaleidoskop aus Situationen, Zeiten und Perspektiven. Zwischendurch thematisiert Schulte seine Schreibstrategien; an anderen Stellen wird das Buch zum Briefroman.
Diese Geschichte ist keine, die mitten in fremde Welten hinein entführt, im Gegenteil: Lesend bleibt man außen vor und staunt. Historische Orte, Personen und Daten werden vermischt, zusammen mit phantastisch anmutenden Figuren der Gegenwart und absonderlichen Begegnungen - ein buntes, lustiges Panoptikum, völlig willkürlich zusammengesetzt.

Das Buch liest sich deshalb auch kaum in einem Zug durch. In kleinen Häppchen aber ist das Lesen kurzweilig und amüsant, fast jede Seite bietet neue Merkwürdigkeiten; besonders für Musikinteressierte, die ihren Claude Debussy und seinen Kollegen Erik Satie auf völlig neue Weise kennen lernen. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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