Die Fische von Berlin von Eleonora Hummel, 2005, SteidlDie Fische von Berlin.
Roman von Eleonora Hummel (2005, Steidl).
Besprechung von Hauke Hückstädt in der Frankfurter Rundschau, 16.03.2005:

Alinas Leute oder Väterchen Ofensetzer
Russlanddeutsche Kristallstunden: "Die Fische von Berlin", Eleonora Hummels feines Romandebüt

Keine neue Stimme. Kein ganz neuer Ton. Und wahrscheinlich auch kein neuer Late Show-Talkgast. Da ist nur eine wunderbar klare Kehle, unaufgeregte Grammatik und eine jüngere Autorin aus Dresden, genauer aus Kasachstan. Eleonora Hummel ist dort 1970 geboren. Ihre Wahlheimat ist "Elbflorenz", seit 1982, als sie gemeinsam mit ihren Eltern aus dem Nordkaukasus übersiedelte. Die Autorin verdient ihr Geld - und das für ihre Familie - als Fremdsprachensekretärin, jedenfalls noch, denn ihr Romandebüt mit dem halb verwunschenen, halb erfüllungslosen Titel Die Fische von Berlin lässt vermuten, dass der literarische Auftrag in Zukunft die tägliche Erwerbstätigkeit verdrängt.

Dies ist kein normaler Erstling mit den Symptomen von gegenwärtigen Erstlingen

Die Fische von Berlin, das ist keine irgendwie amüsierend wiedergegebene Familiengeschichte. Es stellt sich hier eine Autorin vor, die wohl nicht sagen wird, bald ein richtiges, also ersponnenes Buch schreiben zu wollen. Denn Hummels sich über 200 Seiten erstreckendes Erzählen in diesem ersten Roman könnte schon die Summe folgender Schöpfungen sein. Es scheint nicht so, dass dies der Schorf wäre, der aus dem Eiter geschöpft wird. Die Fische von Berlin ist kein normaler Erstling mit den Symptomen von gegenwärtigen Erstlingen: Kunstartigkeit, Partygemütlichkeit, Konsensgenügsamkeit. So klar ist dieser Roman, so wohltuend stark ohne Muskelspiel, so andeutungsvoll ohne überschuldete Anleihen, so stoffsicher. Und der Stoff ist schwer, weil er Millionen Opfer kennt, seine historische Beschaffenheit ist nicht gerade überbelichtet.

Zwei Bücher in den letzten Jahren stechen literarisch heraus, die sich auf sehr unterschiedliche Weise, aber jeweils ebenso ernsthaft wie Hummels Roman auf solche Herkunft und solches Ankommen einließen: russlanddeutsch nach Deutschland. Darum geht es bei Hummel um die Ursachen, die Grundlagen des Exodus, der Massenübersiedlungen von Russlanddeutschen nach Deutschland in den achtziger Jahren.

Die Lyrikerin und Romanvirtuosin Kathrin Schmidt hat mit dem Handlungskonstrukt Koenigs Kinder (2002), in das sie auch die Assimilierungsstricke einer kasachischen Aussiedlerfamilie knüpfte, den bedeutenden DDR- und Wende-Nachruf geschrieben - allerdings, für die sich gerade in fataler oder wahlweise ulkiger Historisierung gefallende Bundesrepublik hatte das zu wenig Spreewaldgurken, zu wenig "Untergang". Es war einfach zu kompliziert. Einen anderen Weg nahm die Journalistin Ulla Lachauer mit Ritas Leute - eine deutsch-russische Familiengeschichte, ebenfalls 2002 erschienen, die mittels der in Kasachstan aufgewachsenen Rita Pauls als liebevoll geduldete Sonde in den Mikrokosmos einer russlanddeutschen Familiensaga eindrang und damit exemplarisch Öffentlichkeit schaffte für die bundesrepublikanischen Spätauswirkungen des Supergaus stalinistischer Verfolgung und Verhetzung.

Eleonora Hummel erzählt davon auch, weniger verflochten und artistisch als Kathrin Schmidt und weniger vermessend und historisch einordnend als Ulla Lachauer. Hummel untertreibt und berührt die düstere Klaviatur allenfalls, nie drückt sie durch. Und doch ist der wimmernde Ton der großen Geschichte hörbar, die im Buch die kleine Geschichte eines Großvaters ist und der ihm zur Seite gestellten Protagonistin und Enkelin Alina. Alina Schmidt ist ihrem Pass zufolge Deutsche, doch spricht sie die Sprache ihrer Vorväter nicht. Sie ist in Kasachstan geboren, wächst dort auf und ist voller Fragen - Fragen, die sie an ihren Großvater richtet, den sie liebt, den sie, wann immer möglich, aufsucht, besucht.

So beginnt der Roman Die Fische von Berlin. In einer kasachischen Stadt, die ihren Namen oft wechselte, doch ihren Ruf nie: "Weißes Grab". Die Erzählerin Alina erinnert sich an den Großvater, das Unausgesprochene, und an die Wege dahin, ins Unaussprechliche - die Mütze aus Biberfell, "eingemummt wie eine Larve in ihrem Kokon", auf den runden Sohlen von Filzstiefeln schlitternd und stelzend. Und darum könnte es Eleonora Hummel gegangen sein, um nicht weniger als um Formen des Aufsuchens. Das sollte uns für sie einnehmen, dass Hummel, die wir uns als eine bescheidene Person vorstellen müssen, sich auf ihr Set verlässt, auf den kleinen Halbkreis von ein paar kindlichen Beobachtungen: ein Foto, das das Großväterchen als jungen Mann barfüßig im Gras sitzend zeigt und datiert ist auf "Igarka, 1956" (Sibirien). Und ein Taschenmesser unter dem Kopfkissen des Großvaters, nicht tödlich genug, um die Bedeutung, die es erhalten wird, jemals ins Leere aufzuklappen, zu entladen. In das Enträtseln dieser einfachen Dinge, die den Großvater umgeben, ist die Erzählung von Alinas Familie gebettet, die sich um andere Fragen als Alina schert, die der Genehmigung ihrer Übersiedlung nach Deutschland (DDR) entgegenfiebert oder, wie Alinas Schwester Irma, die süße Flucht ins kleine Glück probiert. Hummel erzählt das aufladend. Ihre Sätze sind einfach, beinahe Diktat. Jede Szene ist für sich intim, aber nicht nackt. Alles Absurde, das der Zeitgeschichte und das des erlebten Alltags, setzt sich allmählich zusammen und ist und wird nie ausgestellt.

Vielleicht ist das die Kunst dieses Debüts: dass es da war, bevor es geschrieben werden musste; dass der Roman Die Fische von Berlin ein autobiografisches Unternehmen ist, ohne, dass wir es daraufhin prüfen müssen. Es ist zwingend erzählt.

Die ungeangelten Fische, die gründelnden Karpfen in dieser Geschichte ohne Trost

Alina, die kindliche und erwachsen werdende Erzählerin, erspürt durch die Berichte ihres Großvaters, die errungen werden müssen, die Geschichte ihrer Familie. Sie ahnt die Tragödien der "Säuberungen", der Deportationen, des Gulags, der Zwangskollektivierungen, der Repatriierung, der Trecks bis hin zur Gewissheit der KSZE-Vereinbarung von Helsinki, 1975. Man kommt ohne diese Schlagworte aus beim gemeinsamen Angeln mit dem Großvater, der, wie sie bald ahnt, kein humpelnder Kriegsheld war, sondern Deportierter, jemand, der am absurdesten Ort für diesen Beruf, in den kristallstarren Lagern Sibiriens den Beruf des Ofensetzers erlernt: die Hölle heiß machen. Und Füße dabei, dass die Zehen erfrieren.

Das alles erklärt vielleicht nicht den Titel dieses Romans, der glücklich klingt, aber unerfüllt bleibt. Denn die Fische von Berlin sind etwas, das Eleonora Hummel nicht aufzeigen, nicht finden kann. Es sind die ungeangelten Fische, die gründelnden Karpfen in dieser Geschichte ohne Trost, wenn die Enkelin nach Jahren dorthin kommt, wo ihr Großvater in der Jugend glücklich war, in die Umgebung von Berlin. Und sie findet dort zwar Seen, aber nie den beschriebenen mit den Kastanien ringsum. Die Fische von Berlin zeigt uns, dass die orale Tradition tiefer und weiter Zweige und Triebe in uns schlägt, als wir bereit waren anzunehmen. In jedem Fall zeigt dieser Roman, dass auf sie Verlass ist, dass Alina und ihre Leute nach Antworten suchen, für die wir nicht einmal Fragen wussten.

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