Die Finkler-Frage von Howard Jacobson, 2011, DVADie Finkler-Frage.
Roman von Howard Jacobson, (2011, DVA - Übertragung Bernhard Robben).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 4.11.2011:

Jacobson: Fejgele ist kein guter Kosename
Ein Goi will unbedingt Jude sein, während sich ein echter Jude unbedingt schämen will: Howard Jacobsons "Die Finkler-Frage".

Er war niemand. Ein Mann, der sich vor allem nach einer Frau sehnt, damit sie stirbt und er um sie trauern kann ... das ist ja nicht wirklich etwas.

Und dass er bei Partys als Double engagiert wurde, damit ihn betrunkene Gäste mit dem US-Schauspieler Billy Crystal verwechseln (und sehr betrunkene mit Brad Pitt), zeugt auch nicht unbedingt von eigener Identität.

Aber dann wird Mister Julian Treslove, 49, aus London überfallen; und weil er sich einbildet, die Straßenräuberin habe "Du Jud" zu ihm gesagt, ist er plötzlich jemand.
(Die hat bestimmt nicht "Jew" gesagt, sondern wahrscheinlich "jewels", Schmuck, aber wenn er's unbedingt braucht ...)
Er, der Goi, will Jude sein.

Geht das einfach so? Macht es ihn zum Juden, dass er Musik liebt, italienische Todesarien? Hitler mochte auch Opern.

Kann nur jemand ein gutes Leben führen, der weiß, dass ein Heldsl ein gefüllter Hühnerhals ist - wobei unbedingt Oregano hineingemischt werden muss?
Julian Treslove sucht sich gleich einmal eine jüdische Geliebte. Zu der sagt er zärtlich "fejgele" - und wird lernen müssen, dass das Wort nicht nur Vögelchen, sondern, in diesem Zusammenhang unpassend, auch Homosexueller bedeutet.

Sinnieren mit Witz

Mit "Die Finkler-Frage" gewann der im deutschen Sprachraum bis dahin eher unbekannte Howard Jacobson - geboren 1942 in Manchester - im Vorjahr den Booker Prize. Damit wurde sein Witz ausgezeichnet, der in den Dialogen herrliche Blüten treibt.

Damit wurde auch die Gratwanderung gelobt, auf die sich Jacobson begeben hat. Denn er spielt mit Klischees und Vorurteilen, seine Satire sekkiert Juden und Nichtjuden, es wird über Gaza, Beschneidung, Auschwitz und Zionismus sinniert.

Viel anderes passiert ja nicht außer Sinnieren und Diskutieren, und wenn das auch niemals Schmonzes ergibt, so ist es doch in Ordnung, Lesepausen einzulegen und z. B. von Don Winslows allerneuestem Krimi "Zeit des Zorns" zu träumen.

Der Möchtgern-Jude im Buch hat zum Gedankenaustausch zwei Freunde. Beide Juden, beide verwitwet, der eine ein TV-Star, der sich wegen der Politik für Israel schämt.

Der andere ein Dandy und ehemaliger Hollywood-Reporter, sehr alt, sehr klug, aber mitunter derart gaga, dass er auf die Frage nach seiner liebsten Band antwortet: "Allradantrieb."

Dafür ist seine Lieblingsfarbe "Mozart".

Eine Komödie fürwahr. Aber die Tragödie steht bei Fuß. Wenn Julian Treslove unbedingt Jude sein will, no, dann muss er unbedingt etwas nicht so Angenehmes spüren: ewige Angst.

KURIER-Wertung: **** von *****

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