Die Filmerzählerin von Hernán Rivera Letelier, 2011, InselDie Filmerzählerin.
Roman von Hernán Rivera Letelier (2011, Insel - Übertragung Svenja Becker).
Besprechung von Birgit Nüchterlein aus den Nürnberger Nachrichten vom 2.5.2011:

Wohnzimmer-Geschichten ersetzen das Kino
Hernán Rivera Leteliers wunderbarer kleiner Roman „Die Filmerzählerin“

Eine wundersame Hommage an das Kino, die Kunst des Erzählens und die Macht der Fantasie ist der kleine Roman „Die Filmerzählerin“ des chilenischen Autors Hernán Rivera Letelier.

„Man muss nur mein Gesicht anschauen, dann sieht man gleich, dass ich kein Intellektueller bin. Ich sehe eher wie ein abgehalfterter Boxer aus. In meinem Gesicht trage ich die Kartographie der Wüste.“ Dieses Zitat von Hernán Rivera Letelier ist auf dem Cover seines kleinen Buches zu lesen. Es trifft zu, und es passt zu der autobiografisch gefärbten, liebenswerten Geschichte, die er erzählt. Nicht nur weil sie in einer Minenarbeitersiedlung in der Atacama-Wüste im Norden Chiles spielt, sondern auch weil sie es nicht nötig hat, die Dinge bis auf den Grund zu hinterfragen und einzuordnen.

Vielmehr geht es in einer lebhaft-leicht gewebten, Bilder schaffenden Erzählweise, die in Humor, Skurrilität und lapidarer Schrecklichkeit ein bisschen an Gabriel García Márquez erinnert, um die Macht der Vorstellungskraft.

In kurzen — im Übrigen schön übersetzten — Kapiteln, die mitunter gerade mal eine Seite lang sind, lässt Rivera Letelier vor den Augen des Lesers den ganzen Mikrokosmos eines ärmlichen Salpeterkaffs entstehen. Darin entfaltet sich die Gefühlswelt seiner kindlichen Ich-Erzählerin.

Keck und selbstbewusst ist diese María Margarita zunächst, die so wunderbar und lebendig die Filme aus dem schäbigen Kino der Siedlung nacherzählen kann. Mit ihrer überbordenden Fantasie und ihrem guten Gedächtnis ist sie die „beste Filmerzählerin der Familie. Später dann die beste der Häuserreihe und kurz darauf die beste im ganzen Minendorf.“

Die von Geldnot geplagten Nachbarn drängeln sich schließlich lieber in ihrem Haus als ins Kino zu gehen, und mit dem Trinkgeld, das sie durch ihr Talent verdient, kann sie ihre Rumpf-Familie über Wasser halten – die vier Brüder und den Vater, der nach einem Arbeitsunfall von der Hüfte abwärts gelähmt ist. Die Mutter, die alle insgeheim heftig vermissen, hat den elenden Ort verlassen.

Eine bittere Familiengeschichte, in die die Macht der Vorstellungskraft ein bisschen Licht bringt: „Mit der Zeit wurde mir klar, dass sich alle Leute gern Geschichten erzählen lassen. Für eine Weile möchten sie der Wirklichkeit entkommen und in der erdachten Welt von Filmen, Hörspielen oder Romanen leben. Man darf ihnen auch gern Lügen erzählen, wenn die Lügen gut erzählt sind.“ Cineasten wissen, was gemeint ist.

María Margarita, deren Initialen auf die Schwärmerei des kinobegeisterten Vaters für Marilyn Monroe zurückgehen, nimmt ihren Job ernst. Sie kann den Augenaufschlag der Monroe genauso imitieren wie den Gang Charlie Chaplins oder das Brüllen des Metro-Goldwyn-Meyer-Löwen.Umso tragischer für sie, als eines Tages das erste Fernsehgerät im Dorf Einzug hält. Es ist der Anfang vom Ende der Fantasie und der Träume.

Die Rezension von Birgit Nüchterlein mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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