Die Festung der Einsamkeit von Jonathan Lethem, 2004, Tropen-VerlagDie Festung der Einsamkeit.
Roman von Jonathan Lethem (2004, Tropen-Verlag - Übertragung Michael Zöllner).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Im Freilichtmuseum Kindheit
Epos mit Klappergeräuschen: Jonathan Lethems Brooklyn-Roman "Die Festung der Einsamkeit"

Jetzt also auch er. Es scheint, als wollten sich die amerikanischen Autoren der jüngeren Generation gegenseitig überbieten in der Produktion von Wälzern. Unter 600 Seiten geht zurzeit wenig. Und das Ziel ist klar - nicht weniger als die ganze Welt soll es sein, die diese Romane abbilden, oder zumindest die Nachkriegsgeschichte Nordamerikas oder etwas in dieser Art. Doch vielleicht ist es unfair, Jonathan Lethem dort einzureihen. Lethem ist ein sympathischer, kluger und ungeheuer origineller Autor, was seine bislang ins Deutsche übersetzten Romane dokumentieren. Und er hat mit dem jungen Tropen Verlag und dessen Leiter Michael Zöllner, der Lethems Romane brillant überträgt, eine ihm adäquate Adresse gefunden.

Die Festung der Einsamkeit ist Lethems bislang ambitioniertester Roman, ins Rennen geschickt mit eigener Homepage, aufwändig gestalteten Postkarten, die dem Buch beigelegt sind, und einer Menge prominenter Blurbs auf der Rückseite. Und es ist mit Sicherheit auch Lethems persönlichstes Buch, denn der 1964 in Brooklyn geborene Autor erzählt von einer Kindheit und Jugend der Siebzigerjahre. Im Mittelpunkt steht eine unmögliche Freundschaft zwischen dem weißen Dylan Ebdus, Sohn eines ehemaligen Hippiemädchens, das aus ihrem Sohn unbedingt den von sozialen Unterschieden unbeleckten Brooklyner machen wollte (ehe sie sich aus dem Staub machte), sowie eines weltabgewandten Künstlers, und dem schwarzen Mingus Rude, zentrale Figur unter den Kids auf der Straße, Gravitationspunkt, Vorbild, Anführer, Sohn eines berühmten Bluessängers.

Es ist ein großes Glück, den ersten, knapp 400 Seiten starken Teil des Romans zu lesen. Superlative sind mit Vorsicht zu verwenden, doch was Lethem hier gelingt, ist stellenweise unfassbar gut, denn er erzählt eine Kindheit so, dass wir, bei allen Brüchen, wünschten, es sei unsere gewesen, wenn wir denn gewusst hätten, dass es so etwas überhaupt gibt. Die Balance zwischen den festen Regeln der Straße und der Fragilität, des Provisorischen einer Adoleszenz, findet sich in einer multiperspektivischen Erzählhaltung aufgehoben, die allen Windungen des Aufwachsens gerecht wird - der Unsicherheit, der Angst, der Suche nach Identität. "Vielleicht", so heißt es an einer Stelle, "hieß ein Ding zu perfektionieren, es zu zerstören."

Lethem zeigt, dass es keine Lebensphase gibt, in der einen die Vergänglichkeit so schnell ereilt, wie die Kindheit, dass Konstanten geschaffen werden in der Wiederbelebung von Ritualen, durch das Herantasten an Moden, Codes und natürlich Mädchen. "Alles befand sich im Übergang, du kamst aus deiner Übergangs-Schule und versuchtest einen Kurs durch deine Übergangs-Nachbarschaft einzuschlagen, um es zurück zu deinem Übergangs-Zuhause zu schaffen, deinem eigenen Übergangshaus." Positionierung ist alles, in Brooklyn ohnehin. Es gilt, Individualität zu demonstrieren, in Form von Tags zum Beispiel, die man an jeder freien Stelle aufsprüht. Es geht um Macht und Dominanz, um Cliquen und die Vorherrschaft in diesen.

Dylan, der "White Boy", "Dill-Man", "D-Lone", "Dillinger", "Diggity Dog" und Mingus, "eine explodierende Bombe von Möglichkeiten", Beschützer und Fürsprecher des Außenseiters - sie trennen sich, verlieren sich aus den Augen, obwohl sie in der gleichen Straße wohnen. Wochen vergehen, und plötzlich finden sie sich wieder, beim Softball oder einfach so - Spielbälle jenes Zwangs, den man "Street Credibility" nennt. Die "Dean Street Crew", das klingt wild und gefährlich, und vielleicht ist es das auch, gemessen an einer Kindheit in Oberbayern, trotzdem aber festigt sich der Eindruck, in diesem Mikrokosmos habe alles seine höhere Ordnung.

Man kennt das als Klischee aus Gangstar-Rapper-Videos, die Yo-Man-Attitüde und das Slacker-Gehabe mit genau dem richtigen Begrüßungs-Handschlag und genau den richtigen Turnschuhen und genau den richtigen Comics in der Tasche. Was man nicht kennt, ist, wie Lethem darüber erzählt, wie er sich aus dem reichen Fundus der populären Kultur bedient, und daraus, in Brooklyn und aus einem Haufen Verlierer, einen geradezu klassischen Bildungsroman schreibt. Verschiedene Leitmotive durchziehen den Roman, allen voran die Musik, anhand derer auch soziale Paradigmenwechsel kenntlich gemacht werden, und die Welt der Comics - Die Festung der Einsamkeit, zunächst gemünzt auf Dylans Vater Abraham und sein Atelier, retrospektiv dann Sinnbild für die Kindheit an sich, ist Supermans Heimat.

Es ist schwer, nicht ins Schwärmen zu geraten ob der Sinnlichkeit, mit der Jonathan Lethem diese versunkene Welt heraufbeschwört, über die Fülle an Details, die er stimmig miteinander verknüpft, über die Lesarten, die der Roman anbietet, ohne unter Überinstrumentierung zusammenzubrechen, vor allem aber über die Gänsehaut-Sätze, die Atmosphäre erzeugen, plausibel und ortsunabhängig, unwichtig, ob man im Jahr 1977 einem Jam beigewohnt hat oder überhaupt nicht weiß, was das ist: "Vielleicht wartete der Sommer nur darauf, daß sie wieder ihre Plätze einnahmen, so daß das Licht und die Hitze um sie herum Gestalt annehmen konnten. Der Block war wie ein Freilichtmuseum ihrer früheren Kindheitstage, der Schiefer wies noch immer dieselben Sprünge und Risse auf, das leerstehende Haus gehörte immer noch ihnen, wann immer sie es in Besitz nehmen wollten. (...) Wie magnetisch angezogen strömten die Dean-Street-Kinder aus den Haustüren zurück in den Block, ein unheimlicher Sog. Niemand von ihnen hatte geahnt, daß sie sentimental waren, bis sie Dylan und Mingus im goldenen Streiflicht sahen, das die Mitte des Blocks erfüllte, ein Traum vom vergangenen Sommer, der zur Geschichte wurde, ohne daß es jemand bemerkte."

In diesen Momenten wird Brooklyn tatsächlich zur ganzen Welt, wie versprochen. Doch das genügt Lethem nicht, und da beginnt die Crux des Romans, der leider eben nicht 400, sondern mehr als 600 Seiten hat. Denn der Schuss, der in Mingus Rudes Wohnung am Ende des ersten Teils fällt, muss aufgeklärt werden. Die Zerstörung des geheimnisvollen Ortes wird voran getrieben, Lethem wechselt die Erzählperspektive, springt in das Jahr 1999 und unternimmt die Dekonstruktion seines Romans. Wir begegnen dem Mittdreißiger Dylan Ebdus, Musikjournalist inzwischen, mittelmäßig erfolgreich, liiert mit einer Schwarzen und mitten in einer Identitätskrise.

Der Bruch ist wahrscheinlich sogar notwendig - er macht deutlich, dass nicht nur Dylan sich in der Illusion einer halbwegs geglückten Kindheit gewiegt hat, sondern auch Lethem uns mit ihm. So ist das nun einmal mit dem autobiografischen Schreiben: Die Zeit ist immer schneller als ihr Chronist. Alles ist zerbrochen, Freundschaften und Biografien, Mingus sitzt im Gefängnis, und Dylan Ebdus, mittlerweile in Kalifornien lebend, entpuppt sich als nicht sonderlich sympathischer Zeitgenosse, der das Booklet einer CD-Compilation von Barret Rudes alter Band mit üblem Popjournalisten-Gequatsche zumüllt.

Hat der Roman es verdient, auf diese Weise zermalmt zu werden? Oder war das vollkommen unausweichlich? Wahrscheinlich - der Wechsel zur Ich-Erzählung läutet auch den Genrewechsel ein, weg vom Epos, hin zur radikalen Selbstbefragung. In Dylan verdichtet sich die Gewissheit, jener Welt, von der der erste Teil erzählt, nie zugehört zu haben, dass sie nur als reine Erinnerungswelt Heimatgefühl verleiht, dass die eigene Identität von der Konstruktion eines "lebenden Ghetto-Gesamtkunstwerks" zusammen gehalten wird. Warum er so besessen sei von seiner Kindheit, wird Dylan im Streit von seiner Freundin gefragt. "Meine Kindheit", so die Antwort, "ist die einzige Zeit meines Lebens, die nicht, äh, von meiner Kindheit überschattet wurde."

Das zu zeigen, ist legitim, unverzeihlich ist aber der qualitative Absturz, den Lethem dafür in Kauf nimmt. Statt Charakteren finden sich überwiegend schwache Figuren, die zu Slapstick-Marionetten verkommen, und um Dylans Suche nach der verlorenen Zeit einigermaßen plausibel halten zu können, missbraucht Lethem für seine Nostalgieaustreibung einen im Wortsinn magischen Einfall, der im ersten Teil Dylan und Mingus zusammengehalten hat: ein Ring, geschenkt von einem schwarzen Landstreicher, dessen tatsächliche Eigenschaften nie vollends geklärt wurden und Auslöser waren für Episoden im Grenzland zwischen Realismus und Phantastik, muss nun herhalten, um Dylans Vergangenheitsprojekt überhaupt in Gang zu halten und schließlich den Showdown sicherzustellen. Die Vertreibung Dylans aus dem Paradies seiner Jugend bezahlt der Roman mit hörbaren handwerklichen Klappergeräuschen.

"So oder so", resümiert Dylan, "ich war hier fast fertig, die Proustsche Madeleine eines ,Play That Funky Music' war gegessen. Es waren nur noch ein paar Krümel übrig." Von der Festung der Einsamkeit bleibt mehr: eine der seit langem bezauberndsten Beschwörungen einer versunkenen Welt, die der Gegenwart doch sehr nahe ist. Auch wenn es diese Welt so nie gegeben hat.

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