Die fernen Inseln von Klaus Böldl, 2003, S. Fischer1.) - 2.)

Die fernen Inseln.
Erzählung von Klaus Böldl (2003, S. Fischer).
Besprechung von Dirk Fuhrig in der Frankfurter Rundschau, 9.4.2003:

Der Textmaler
Klaus Böldl verneigt sich vor der nordischen Landschaft

Mit fiktionalen Erzählungen aus den exotischen Höhen des europäischen Nordens ist Klaus Böldl seit 1997 präsent. Seine spröde und analytische, genau beobachtende, aber auch elegante Sprache hat den 1964 geborenen Autor ebenso zu einer Besonderheit unter seinen Generationsgenossen werden lassen wie die scheinbar unwirtlichen Orte, an denen er seine Geschichten ansiedelt. In seinem Debüt Studie in Kristallbildung war Grönland der Flucht- und Rettungspunkt eines deutschen Zivilisationsflüchtlings. Südlich von Abisko spielte in Stockholm und Lappland, zwischen Großstadtwelt und den Einsamkeiten der skandinavischen Weiten. In beiden Büchern standen letztlich Liebesgeschichten im Mittelpunkt. Oder besser: Menschen, hinter deren vordergründigem Liebesschmerz ein Leiden an der modernen Lebensweise der technisierten Gesellschaften steht.

In seinem jüngsten Buch sucht Klaus Böldl nun erneut die Nähe des Polarkreises. Island und die Färöer-Inseln sind die Schauplätze. Waren die Handlungselemente in den früheren Texten bereits knapp bemessen, so sind sie in Die fernen Inseln völlig reduziert. Es gibt lediglich einen Ich-Erzähler, der bei seinen Reisen kaum auf Menschen trifft. Er wandelt durch Landschaften, deren Beschreibung er durch historische Exkurse und Berichte aus der in diesen Gefilden noch äußerst lebendigen Sagenwelt ergänzt.

Über die Person dieses Erzählers erfahren wir so gut wie nichts. Seine Herkunft und Lebensumstände bleiben im Vagen, seine Gefühlswelt ist inexistent. Nur das wird ansatzweise deutlich: Es scheint sich um einen Forscher zu handeln, der für kulturwissenschaftliche oder naturkundliche Studien auf diesen Inseln unterwegs ist. Welches Forschungsziel damit verknüpft sein könnte, bleibt dabei ebenso offen wie die Frage nach dem Auftraggeber, einer Universität oder anderen wissenschaftlichen Institution. Womöglich hält sich der Erzähler allein aus privatem Interesse in Nordeuropa auf. Womöglich will er ein Buch schreiben. Womöglich ist er mit dem Autor weitgehend identisch.

Mit seinem dritten Buch ist Klaus Böldl vom - immerhin rudimentären - Geschichtenerzähler ganz zum Reise- und Landschaftsbeschreiber geworden. Es scheint, als habe er die Handlungselemente aufs Äußerste verknappt, um sich besser dem reinen Naturerlebnis hingeben zu können, bei dem der Mensch nur stört: "Jedenfalls", so heißt es über die Färöer, "hat die menschliche Anwesenheit auf den Inseln etwas Unverfrorenes". Sie steht der Kontemplation inmitten eisiger Fjorde und schäumender Gischt im Wege: "Oftmals habe ich mir überlegt, dass man allein über diese Meeresfarben ein Buch schreiben können sollte, ein Buch, das den Leser mit einer alle vorkommenden Nuancen getreulich empfangenen Schilderung der Meeresoberfläche in den Bann schlüge. Denn schließlich ist die Farbe, einem Ausspruch Paul Cézannes zufolge, der Ort, wo unser Gehirn und das Weltall sich begegnen."
Es sind nicht allein die Farben des Meeres. Auch ",die ,Blauen Berge', die in einem dunklen, traubengleichen Blau herüberleuchten" oder "das schon leicht ins Kupferfarbene spielende Sonnenlicht", die "mit schimmerndem Schilfgras und zitternden braunen Ähren bestandenen Sumpfwiesen" oder die "graumetallenen Flugzeuge" - alles drängt zur prallen Koloration. Nicht umsonst zieht sich Paul Cézanne als eine Art Leitmotiv durch dieses Buch. Schon das Motto stammt von dem französischen Impressionisten, der von den Farben besessen war: "Aber ein grüner Flecken, passen Sie auf, das genügt, um uns den Eindruck einer Landschaft zu geben." So wie Cézanne liebliche französische Landschaften auf der Leinwand zum Flirren brachte, so versucht Böldl, die "ferne kristallische Eisweite" zwischen den Buchdeckeln zu einem synästhetischen Farb-Geräusch-Text-Kunstwerk zu verschmelzen.

Die fernen Inseln waren beim ersten Durchgang eine anstrengende Lektüre. Es ist nicht leicht, in Böldls trockene Sprache einzudringen. Erst nach und nach gibt sie ihren Reichtum preis. Dann blättert man immer wieder hinein, liest hier eine Passage und dort, und irgendwann fängt man vielleicht an, sich in Sätze zu verlieben wie diesen: "Nur manchmal drang bruchstückhaft das Brummen eines Mähdreschers herauf, einmal auch das Horn eines Schiffes, immer gleich wieder im Schweigen versinkend wie die Spitze eines Kirchturms in einem Flussnebel."
Böldls Buch ist wie ein Gemälde, das oft betrachtet werden muss, um es zu ergründen. 158 Seiten über die nördlichsten bewohnten Regionen dieser Erde - zum häufigen Lesen empfohlen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Die fernen Inseln von Klaus Böldl, 2003, S. Fischer2.)

Die fernen Inseln.
Erzählung von Klaus Böldl (2003, S. Fischer).
Besprechung von
Dorothea Dieckmann in Die Zeit, 5.6.2003:

Das Nichts zwischen den Dingen
Klaus Böldl fährt nach Island und schreibt eine fulminante Reisereportage

Dass man den Ort der Poesie auch zu Fuß erreichen kann, bezeugen die zahllosen literarischen Wanderungen von Petrarca bis Peter Handke. Reisende sind es, die in der schweigenden Dingwelt Zeichen und Wunder entdecken, ästhetische Bedeutsamkeit und metaphysische Verheißung. Reisen und Kunst sind verwandt; die Fremde führt zur Verfremdung, die Wahrnehmung des Anderen zu einer anderen Wahrnehmung. Weil sich die Fremde in der Globalisierung keineswegs auflöst, findet sich der romantische Entdeckerimpuls auch in der Gegenwartsliteratur.

Der Münchner Autor Klaus Böldl ist nicht der Einzige, den die Kenntnis einer abgelegenen Weltgegend zum Dichter macht. Anders aber als etwa der Sinologe und Übersetzer Hans Peter Hoffmann, der jüngst in seinem wunderbaren Erstling Der Nichtstuer die chinesische Kultur in einer ironischen Fiktion ganz ins Hiesige transformierte, folgt der Skandinavist Böldl der Natur in der Tradition von Novalis bis Stifter, wo Beschreibung und Beschwörung eins werden.

Die Reaktionen auf seinen ersten Roman Studie in Kristallbildung, der nach Grönland, und den zweiten, Südlich von Abisko, der nach Lappland führte, waren geteilt; was hier als konservativ-kontemplative Prosa gefeiert wurde, galt dort als bloßer Kunstvorsatz. Diesmal verzichtet Böldl auf die Fiktion und verbindet einen konventionellen Reisebericht mit träumerischen Reflexionen und Ausflügen in die historische Sagenwelt, betritt also das Terrain seiner nordischen Poesielandschaft gleichsam mit einem stützenden Spazierstock. So bleibt Bodenhaftung auch dann, wenn er mit der Fähre oder dem Flugzeug unterwegs ist. Sein Ausgangspunkt ist ein Appartement am Flughafen von Reykjavík, der „Tür in das nordatlantische Hinterzimmer der Welt“. Der seltsame Aufenthaltsort am Stadtrand vermittelt ihm eine „sonst selten erfahrbare Weltgesättigtheit“, das „Gefühl einer an Dezenz freilich kaum zu überbietenden Weltteilnahme“.

Frauen im Sommernebel auf der Landstraße

Dabei befindet sich der einsame Beobachter, dessen Daseinsgefühl sich so gravitätisch äußert, fast außerhalb der Welt, auch als er in eins der kleinen Flugzeuge steigt und von Island auf die Färöer-Inseln fliegt: „Nur Reisen an der Peripherie entlang sind in diesem überhaupt nur aus Rändern bestehenden Kosmos denkbar.“ Zwei Kapitel auf den kleinen Nordatlantik-Inseln werden von zweien auf der großen eingerahmt. Und noch an diesen Rändern ist es das Randständige, Flüchtige, dem Böldl seine Konzentration schenkt, etwa den wenigen Menschen, denen er in mondkargen Regionen begegnet. Da filzt ein Beamter mit kupferroten Haaren und Brauen sein Gepäck, „die grauen Augen so wäßrig, daß ich Angst hatte, es werde aus ihnen auf meine Hemden und Pullover tropfen“. Und als ein Sommernebel den Horizont verschluckt, wirken zwei Frauen auf der Straße „wie aus dem Leben geschnitten und auf ein weißes Blatt Papier geklebt“.

Weit mehr also als nur „Kunstvorsatz“: Innerhalb einer Sprachlandschaft, die der Autor dem Relief der Wirklichkeit minutiös, mit dem Eifer eines plastischen Künstlers anschmiegt, leuchten solche sparsam verwendeten Bilder buchstäblich ein. Dies ist kein Feuerwerk von Eindrücken, keine Show der Superlative, sondern der Versuch, das sperrige Element der Sprache für die Nuancen von Licht und Farben, die Vielfalt der Erscheinungen von Wolken, Meer, Himmel, Fels und Gras biegsam und geschmeidig zu machen. Mit nüchterner, fast pedantischer Umständlichkeit tastet Böldl in gedehnten Sätzen die Leere, die Stille und die Ereignislosigkeit ab, umstellt Steilküsten und Gletscher, Bootsschuppen und Ufersteine mit ausgesuchten Adjektiven und dosiert diese wiederum mit (leider allzu vielen) Einschränkungen und Relativierungen.

Eine kühle Vermessungstechnik ist da am Werk und eine altväterliche Sprachreife, die, auch wenn sie manch weiche Stelle hat (von der „letztendlichen Unterlegenheit des Menschen“ ist da die Rede oder von einem „Gefühl gedämpften Halblichts“), von weither an die schöne Sorgfalt eines Raabe oder Keller erinnert.

In diesen Duktus, der Erzählen und Beschreiben gemächlich verschränkt, fügen sich die alten Reiseberichte und Sagen, die ohne jedes Raunen assoziiert werden, zwanglos ein. Ob Sandbänke, Tankstellen, Trolle oder Wiedergänger, da gibt einer Kunde von dem, was durch seine offenen Sinne die Existenz berührt, einer durchdringenden Realität auf der Landkarte, der Netzhaut und der Membran der Gedanken: „Am späten Vormittag hatte die Sonne an Kraft gewonnen, die milchigen Hochnebel binnen einer halben Stunde auszulösen, und alles war in jene nordatlantische Überdeutlichkeit gerückt, von der man aus der Erinnerung nicht mehr sagen kann, was den stärkeren Eindruck gemacht hat: die vor Wirklichkeit strotzenden Dinge oder das wie selten sonst wahrnehmbare Nichts zwischen diesen Dingen, in das man ja irgendwann eingehen wird.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © D.D./Die Zeit