Die
feine Nase der Lilli Steinbeck.
Roman von Heinrich
Steinfest (2007, Piper)
Besprechung von Thomas Klingenmaier in der Stuttgarter Zeitung vom
31.8.2007:
Die feine Nase der Lilli Steinbeck
Wenn ein Krimi ein Kühlschrank oder
ein Hund wäre, könnte man durchzählen und abhaken. Ein paar Eier, überzogener
Joghurt, zu wenig Milch, ein Rest Käse, ein Lämpchen, eine Isolierhülle und
ein surrender Motor: aha, ein Kühlschrank. Manischer Appetit,
Heiratsschwindlerblick, leicht ausfallende Haare, schamlose Flatulenz,
Parkettkillerkrallen, Wedelschwanz und eine Steuermarke: oho, ein Hund. Eine
ganze Schar von Polizisten, ein Privatdetektiv, mehrere Mordopfer, ein Entführter,
diverse Schießereien, Nötigungen, Überfälle: Heinrich Steinfests neuer Roman
"Die feine Nase der Lilli Steinbeck" hat genug Krimielemente, um die
Halbjahresproduktion eines Genreverlages damit auszustatten. Trotzdem ist er so
wenig ein Krimi wie ein Kühlschrank.
Aber was ist ein Krimi? Diese Frage bewegt ein paar Kritiker, manche Autoren und
vielleicht auch einige Leser, seitdem andauernd Romane auf den Markt kommen, in
denen zwar nach den Verantwortlichen für Mord und Totschlag gefahndet wird, die
aber angeblich "die Grenzen des Genres sprengen", auch mal "die
vertrauten Muster neu anordnen" und was Verlagstextern und Rezensenten
sonst so an Kein-Krimi-Umschreibungen einfällt. Nur ist mit solchen Phrasen
weder definiert, was einen Krimi ausmacht, noch erklärt, wie ihn was warum
sprengt, noch halbwegs beschrieben, was aus dem zerstörten Genrestück
hervortritt.
Um Steinfests skurrilen Abenteuerroman "Die feine Nase der Lilli Steinbeck"
vom Krimi zu unterscheiden, behelfen wir uns am besten mit einer schlichten,
offenen Definition. Dem Krimi geht es im Kern um eine Regelverletzung, um die
Zerschlagung der Sicherheit, die Gesetze zu schaffen suchen, manchmal auch um
die Unsicherheit und Drangsal, die aus der Anwendung der Gesetze entsteht. All
das spielt eine Rolle in Steinfests Romanen, aber nur als Bestandteil einer
Reise durch den Kopf des Autors.
Steinfest denkt sich Kunstwelten aus, deren Umfang, Vegetation, Klima und Bevölkerung
er schreibend entdeckt. Der Krimi ist das Boot, das er nutzt, um diese Welt
befahren und des Weiterkommens immer sicher sein zu können. Ein Verbrechen,
mehrere Ermittlerfiguren, mehrere Schurken - das schwimmt, das trägt, das drängt
voran. Aber wir sollen nicht aufs Boot schauen, sondern aufs Gewässer - also
die Sprache - und aufs Ufer - also die erzählte Welt.
Zu Beginn des Romans wird ein biederer Zoologe aus seiner Behaglichkeit
herausgerissen, von einem Apfel, der durch sein Fenster fliegt. Das Obst landet
im Biomüll, aber am nächsten Morgen ist der Mann verschwunden. Die Polizistin
Lilli Steinbeck findet sich nach wenigen Ermittlungsschritten draußen aus dem
Alltag, nämlich auf Dienstreise in Griechenland, und ein paar Fragen später
mittendrin in einer fantastischen Intrige, in der eventuell sogar die
griechischen Götter eine aktive Rolle spielen.
Steinfests Umgang mit Krimielementen ist keine moderne Respektlosigkeit, sie
folgt einer literarischen Tradition. Autoren des achtzehnten Jahrhunderts in
Frankreich, Daniel Defoe
in England und Johann Karl
Wezel in Deutschland, waren nicht unbedingt an kaufmännischem
Unternehmerdrang oder der christlichen Seefahrt interessiert, wenn sie ihre
Helden hinaus auf See schickten. Sie wollten ihre Figuren mittels Schiffbruch,
Versklavung oder Belagerung durch sogenannte Wilde in interessante Bedrängnis
bringen, um den gebannten Leser dann mit Ideen zur Welt traktieren zu können.
Die Welt, die wir auf der Steinfest-Tour zu sehen bekommen, will keinen Moment
lang fotorealistisch wirken. Das bizarre Terrain besteht aus schrägen
Behauptungen, weisen Einsichten, ulkigen Verallgemeinerungen, es ist die
punktgenau und anregend erstarrte Gedankenlava aus dem Vulkan von Steinfests
Zettelkasten. So schließt sich an die Erwähnung, dass Steinbeck problemlos
eine Waffe mit an Bord eines russischen Flugzeugs nehmen konnte, folgende
gehobene Grantelei über die Russen an: "Egal, wo auf der Welt sie
agierten, sie agierten immer frei von jedem Gesetz. Wobei es weniger so war,
dass alle Russen bestechlich waren. Eher war die Welt bestechlich, und die
Russen nutzten diesen Umstand in vollendeter Weise. Sie hatten den Kommunismus
ruiniert, sie würden mit dem Kapitalismus das gleiche tun. Das war ihre
Mission."
Wer so etwas mag, wird "Die feine Nase der Lilli Steinbeck" als große
Aphorismensammlung mit ironischer Krimiheftung lesen. Ein paar Beispiele noch,
beliebig herausgeblättert: "Der Umstand gleichen Alters macht die meisten
Frauen ungnädig und boshaft. Das gehört zu den Phänomenen, die sich aus der
Pubertät heraus bis ans Lebensende erhalten." Oder: "So ein Flughafen
war ein verdammter Ort. Es wird die Zeit kommen, da die Menschheit von Flughäfen
aus ihren Gang in die Hölle antritt." Oder: "Ohne Stil und Aufwand hätte
nichts einen Sinn. Das Leben wäre ein Kartoffelsack."...Fortsetzung
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