Die Fehler des
Kopisten.
Essays und Aphorismen von Botho Strauß
(1997, Hanser).
Besprechung von Hans Jansen in der WAZ, vom 1.5.1997:
Nachhall vom
Paradies
Botho Strauß hält Einkehr
An diesem Tag der Arbeit, an dem die bestallten Festredner die soziale Krise der Republik
beschwören werden, mag es sinnvoll sein, über das neue Buch von Botho Strauß zu
räsonieren. Denn es berührt auch die Befindlichkeit unserer Zweidrittel-Gesellschaft.
An Botho Strauß scheiden sich die Geister. Die einen halten seine frühen Erfolgsstücke
für seismographisch genaue Reflexe auf eine konsumkranke Mittelschicht; die anderen sehen
darin nichts als eitle Selbstbespiegelung. Seine Streitschrift vom anschwellenden
Bocksgesang zeigte freilich eine fatale Schieflage nach Rechts, wo sie etwa Aufbruch und
Anpassung der 68er reaktionär verhöhnte.
Das neue Buch Die Fehler des Kopisten (Hanser, 34 DM) schlägt sanftere Töne an. Es ist
eine Sammlung von Kurzessays und Aphorismen über die bedrängenden Verhältnisse der
Gegenwart, über Kunst und Politik. Eingebettet sind diese Gedankensplitter in eine knapp
konturierte Beziehungsgeschichte zwischen Vater und Sohn - ein Buch der Einkehr.
Der Ich-Erzähler hat dem Chaos der nach der Wende noch häßlicher gewordenen Hauptstadt
den Rücken gekehrt. In der Uckermark, unter dem ärmsten Himmelsstrich, hat er für sich und seinen fünfjährigen Sohn Diu ein weißes
Haus gebaut. Hier, zwischen Moränenkuppen und menschenleerer Senke, sucht er das einfache Leben, wie es einst
Ernst Wiechert gepredigt
hat.
Hier, wo die Goldammer den Eichen singt, will er seinen Sohn erziehen. Erziehen nach der
Weisheit der Alten und der Maßgabe des Natürlichen, fern aller faden Verlockungen der Fast-Food-Zivilisation. Zwölf Monate nur,
gespannt in den Zyklus der vier Jahreszeiten, bleiben dem Vater. Dann muß der Junge in
die Schule; der Einlernungszwang beginnt.
In diesen Passagen hat Botho Strauß einen Erziehungsroman in Kleinstformat geschrieben,
der das alte Motiv der Weltflucht in der Nachbarschaft zu Rousseau variiert, schwebend
leicht und poetisch vor allem in den transparenten Naturschilderungen - solange sich die Sprache nicht zu verstiegenen Metaphern aufschwingt.
Dazwischen liegen die Lektionen des Kulturkritikers. Strauß schont nichts und niemanden.
Er mißtraut dem Einglättungsmechanismus der Demokratie und der Eitelkeit eines
Kunstbetriebs, der die Fähigkeit zum Staunen verloren habe. Er spielt Brecht gegen Hegel
aus und verteidigt mit dem Papst (!) den Kanon alter Werte. Das ist mit Zitatenballast
aufgeschwemmt und oft artistisch gefaltetes Thesenpapier.
Aber wer wollte ihm widersprechen, wenn er über die Flüchtigkeit der herrschenden
Medienklasse nachdenkt, deren Opfer wie Kopien ihrer Idole nach Erfolg gieren: So viel
Vorgeschmack auf die Hölle. So wenig Nachgeschmack vom Paradies.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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