Die Farben des Wassers von Uwe Kolbe, 2001, SuhrkampDie Farben des Wassers.
Gedichte von Uwe Kolbe (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 6.6.2002:

Ein Spur von Sicherheit
Uwe Kolbes neue Gedichte finden einen Ausgangspunkt

Ein Riss geht durch die Welt. Es ist nämlich keineswegs ausgemacht, wie über unsere Wirklichkeiten literarisch zu verhandeln sei. Welthaltigkeit erheben die einen zu ihrem Programm, packen Wahrnehmungen und Beobachtungen in ihre Texte, und geben diese als die genuine Form der Wirklichkeitserfassung aus. Die Form, die Sprache und die Fantasie machen die anderen zu ihrer eigenen Sache und problematisieren die Wörter, die vorgeben, Wirklichkeit zu benennen. Sie kommen nicht zusammen, die beiden Königswege der Gegenwartsliteratur, und wer einen Weg eingeschlagen hat, kreuzt schwerlich einmal den anderen.

Und dann tritt jemand wie Uwe Kolbe auf den Plan, und alles, was man sich so schön zurechtgelegt hat über die Möglichkeiten des Schreibens heute, steht mit einem Schlag in Frage. Denn da lässt sich einer nicht festlegen auf ein Programm. Mit jedem Gedicht bricht er aus, schafft sich neu seine Welt, die ihm anders als in Sprache nicht zu Gebote steht. Er spielt mit Formen der Tradition, und er schafft sich seine eigenen Formen. Er nimmt seine Biografie als Material, und er beschäftigt sich sprachkritisch mit den Möglichkeiten der Literatur. Er ist keinem Programm verpflichtet, das er sich einmal zurecht gelegt hat, sondern befindet sich mit jedem Gedicht neu auf dem Sprung. Das verleiht seiner Lyrik etwas ungemein Spannungsreiches. Und dass Literatur aus dem Experimentalstudio der Gegenwart bisweilen etwas selbstverliebt Stolzes anhaftet, mag man ihr durchgehen lassen.

Uwe Kolbe steckt als Individuum, das schaut und riecht, schmeckt und fühlt, das denkt und staunt, sich erinnert und Fragen stellt, mit Haut und Haaren in seinen Texten. Seine Gedichte sind ganz er. Womit er nicht zu Rande kommt, gibt Stoff ab für Lyrik, die am Ende recht ratlos dasteht. Dokumente der Hilflosigkeit, die Bescheid sagen, was los ist mit unserer Welt. Und weil er nicht weiter weiß, fängt Uwe Kolbe bei sich an und kommt immer wieder, bei aller Neugier, die Außenwelt in den Blick zu bekommen, bei sich selber an. Am Anfang war Uwe Kolbe, sein Blick, seine Fassungslosigkeit, seine Ratlosigkeit, und daraus entsteht ein suchendes, tastendes Schreiben, das Angst hat, die Welt der Dinge und Vorstellungen im Konkreten aufgehen zu lassen. "Spieglein, / ich schätze dein Schweigen", so endet das Gedicht "Doppelgänger" und benennt indirekt das Dilemma des Dichters, der so scheu und unsicher gar nicht sein kann, als dass ihm nicht aus dem Zweifel Sprache und damit eine Spur von Sicherheit zuwachsen würde. Selbst aus der Sprachlosigkeit schlägt er noch ein Gedicht.

Als Dichter hat sich Kolbe der Möglichkeit verschrieben. "Wie immer standen viele herum. / Henker des Sehens, / Hindrer des Ahnens, nette Leute . . ." Gegen den Augenschein und die Behauptungskraft der Tatsachen setzt Kolbe sprachliche Gegen-Wirklichkeiten. Seine Gedichte beginnen bevorzugt mit Setzungen, die etwas dingfest machen. "Ich werd mein Gedächtnis verlieren, / das ist vor allem gewiss." "Ein Frühlingstag, Himmel und Sonne klar." "Das straff gespannte Tuch der Lau, / ich sah es und träumte sofort." Damit beginnt eine Fort-Bewegung von der Eindeutigkeit in das Ungesicherte, ein Aufbruch aus Sprache in ein Reich, in dem feste Konturen der Auflösung zugeführt werden.

Das Schlüsselwort in Uwe Kolbes lyrischem Kosmos heißt "Vielleicht": "Vielleicht, doch ich kann es nicht so direkt aufschreiben, / vielleicht aber kann ich es anders auch sagen . . ." Das Vielleicht hält das Wissen in Schwebe. Es behauptet nicht gesicherte Tatsachen, sondern macht aus der Wirklichkeit eine Möglichkeit. Das Vielleicht setzt auch Denkspiele in Gang. Es probiert in der Fantasie aus, wofür es im gelebten Leben keine Entsprechung gibt. Mit dem Vielleicht kommt eine neue, andere Wirklichkeit in die Welt. Es ist eine schöpferische Kraft, die der Dominanz der handfesten Alltagsrealität eine entgegensetzt, die im Widerspruch zu ihr steht.

Im Gedicht "Der Glückliche" verlässt ein Ich den Boden der überprüfbaren biografischen Tatsachen. Plötzlich werden Erinnerungen fragwürdig. Im Lichte des Vielleicht werden Erfahrungen zu Phantomen. "Vielleicht lehnte ich es schon immer ab, zu flüchten / in Technik, und rannte vielleicht vor Begriffen davon, / auf Augen zu, Augen, die aus Romanen nicht blickten, sich selbst nicht durchschauten . . ." Es ist eines der schwächeren Gedichte, es klingt wie ein Zuspruch an sich selber, sich treu zu bleiben in seiner Rolle, aus der Rolle zu fallen und das Unwägbare allem Vorgefertigtem, Abgeklärten den Vorzug zu geben. Das Gedicht ist zu sehr Anleitung zum geglückten Widerstand, als dass es den Widerstand selber in die poetische Tat umsetzen würde. Aber es ist eine Fundstück, auf das Germanisten setzen werden, wenn sie daran gehen, der Nachwelt die Lyrik des Uwe Kolbe zu erklären.

Überhaupt werden sich Germanisten schwer tun, Uwe Kolbe zu fassen. Er entzieht sich gängigen Kategorisierungs-Versuchen. Früher war er ein deutscher Autor, mit deutschen Themen. Er war ein Teil der Geschichte, der Stellung bezog zu deutschen Verhältnissen. Jetzt ist Kolbe schwieriger zu verorten. Er ist zu einer frei schwebenden Existenz geworden, die allenfalls in Szenen einer Kindheit und Jugend eingebunden ist in den größeren Zusammenhang einer Gesellschaft.

Ziemlich verloren steht er da, dieser Dichter, der aus seiner Ratlosigkeit keinen Hehl macht. Viel mehr als sich und seine Sprache hat er nicht, um vorzustoßen in die Geheimnisse der Existenz. Wer auf Antworten aus ist, weil er Orientierung sucht in der verworrenen Welt, muss sich woanders umsehen. Wer erfahren möchte, wie jemand Worte dafür sucht, dass er aus der Welt gefallen ist, findet in Uwe Kolbe einen Kumpanen im Zweifel. Seine Lyrik ist Gegengift zum Geist der Zeit.

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