Die Farben der Schneiderkreide.
Roman von Rainer Wedler (2004, Casimir-Katz-Verlag).
Besprechung von Matthias Kehle auf www.matthias-kehle.de:

Die Farben der Schneiderkreide

Er war eine Art badischer Felix Krull, der Schneider Karl Ignaz Hummel. Seine Geschichte wurde gründlich vergessen, bis der Schwetzinger Schriftsteller Rainer Wedler per Zufall auf ihn stieß, in allerhand Archiven recherchierte und daraus einen eigentümlichen und spannenden Roman gemacht hat. Aufgewachsen in einem ärmlichen Elternhaus, später in einer Besserungsanstalt, wird Hummel rasch zum Kleinkriminellen. Angesichts der Massenarbeitslosigkeit Ende der zwanziger Jahre und einer schwangeren Frau flieht Hummel Richtung Algerien, um Fremdenlegionär zu werden. Doch er kommt nicht weit. In Italien muss er unter widrigen Umständen umkehren. Bei der abenteuerlichen Rückreise mutiert er allmählich zu Oskar Daubmann, dem letzten Kriegsheimkehrer nach 16 Jahren heldenhafter Kriegsgefangenschaft in den Klauen des Erzfeides Frankreich. Mit diesem "Fake" fasziniert Hummel die badischen Massen.
Rainer Wedler rekonstruiert mit der Genauigkeit eines Historikers anhand der Akten über den Hochstapler, wie Hummel in den besten Hotels absteigt, wie er enttarnt wird und den Zweiten Weltkrieg in Sicherungsverwahrung zubringt (was sein Glück ist), schließlich das Happy End: Ein kleinbürgerliches Dasein nach dem Krieg. Wedler erzählt aber auch behutsam das Schicksal eines Unterprivilegierten, der sich mit jedem Befreiungsschlag tiefer in den Schlamassel zieht. Er erfindet dabei weit mehr, als er den Akten entnommen hat.
Knapp, lakonisch, mitunter fast primitiv ist Wedlers Sprache, und so entsteht ein lebendiges und mitreißendes Psychogramm eines schlichten Gemüts. Erschienen ist der Roman "Die Farben der Schneiderkreide" im Gernsbacher Casimir Katz Verlag. Ohne Zweifel hätte sich wohl kaum ein anderer Verlag bereit gefunden, diese abseitige, dafür aber um so interessantere Geschichte zu publizieren.

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Leseprobe I Buchbestellung 1004 I LYRIKwelt © Matthias Kehle