Die Farben des Karthographen von Elizabeth Bishop, Residenz-Verlag, 20011. - 2.)

Die Farben des Kartographen.
Gedichte von Elizabeth Bishop (2001, Residenz - Übertragung Margitt Lehbert).
Besprechung von Jan Wagner aus der Frankfurter Rundschau, 19.10.2001:

Das Zischen der Schildkröten
Exakt: Ein Band mit Gedichten von Elizabeth Bishop.

"Ich bewundere Verdichtung, Leichtigkeit und Geschick, die alle selten sind in dieser losen Welt", lässt Elisabeth Bishop einen "verirrten Krebs" in einer lyrischen Prosaminiatur sprechen und damit drei der Qualitäten benennen, die ihre eigenen Gedichte prägen. Auch ihr musste die Welt von frühester Kindheit an als "lose", als ein Ort bar jeder Sicherheit erscheinen: Der Vater der 1911 geborenen Dichterin starb bereits acht Monate nach ihrer Geburt, ihre Mutter erlitt mehrere schwere Nervenzusammenbrüche und geriet ab dem fünften Lebensjahr ihrer Tochter in ständige psychiatrische Behandlung. Elizabeth Bishop verbrachte ihre Kindheit und Jugend bei den Großeltern mütterlicher- und später, äußerst ungern, väterlicherseits und litt aufgrund der bitteren und sie prägenden Ereignisse viele Jahre lang an Hautkrankheiten, Bronchitis und Asthma. Umso überraschender erscheint es, dass sie in ihrer Lyrik - selbst wenn sie, wie in ihrem letzten Gedichtband Geography III von 1976, thematisch auf die eigene Kindheit zurückgreift - niemals in Sentimentalität oder gar Selbstmitleid verfällt. Seamus Heaney nannte sie deshalb "die zurückhaltendste und gesittetste unter den Dichtern", und Octavio Paz stimmt dem zu, wenn er schreibt: "Die enorme Kraft der Zurückhaltung, das ist die große Lehre, die Elizabeth Bishop uns erteilt."

Bishops Lyrik scheut die großen Gesten. Stattdessen vergewissert sie sich der losen Welt immer wieder aufs Neue durch exakte Beobachtung, durch eine Konzentration auf das Detail, das anderen leicht entgeht - ob es sich nun um die Beschreibung einer Landkarte, eines maritimen Gemäldes, einer Landschaft oder eines Seevogels handelt. Bishop geht es dabei nie um eine reine Aneinanderreihung von Geschautem; ihre Beobachtungen sind nicht nur exakt, sie dienen auch immer dazu, den innersten Kern der jeweiligen Szenerie bloßzulegen. Es ist ihre Genauigkeit, aus der, bei aller Zurückhaltung, tiefes Gefühl entsteht: Die Melancholie, die Bishops Gedichten unterliegt, ist eine präzise und darum umso eindringlicher. Wenn gemeinhin "unser Kinderblick durch Sehen, Sehen verloren" ist, so gewinnt Bishop ihn sich in ihrer Lyrik durch Sehen zurück. Die Fähigkeit, sich zu wundern, geht mit diesem Blick einher. In einem ihrer bekanntesten Gedichte fängt das lyrische Ich einen großen Fisch, dessen "Haut in Streifen / wie uralte Tapeten" herabhängt. Mehrere Haken in seinem Maul zeugen von den bisherigen Kämpfen des Riesen, "ehrwürdig / und unscheinbar". Nach einer langen und eindringlichen Beschreibung des Süßwasserveteranen endet das Gedicht mit dem Satz: "Und ich ließ den Fisch los." Indem Bishop die Natur mittels der Sprache - statt mit einer Leine - einfängt, bezeugt sie ihr den gebührenden Respekt.

1934 schloss Elizabeth Bishop ihr Studium am berühmten Vassar College ab, wo sie die Bekanntschaft von Marianne Moore gemacht hatte und in ihrem Beschluss bestärkt worden war, ein Leben als freie Schriftstellerin zu führen. Zahlreiche Wohnortwechsel und Reisen folgten - Europa, New York, Florida und vor allem Brasilien, wo sie lange Zeit lebte. Nicht umsonst also bestimmten von Anfang an die Themen Exil und Reise ihre Lyrik, wie schon die Titel ihrer wenigen Gedichtbände, etwa North & South (1946) und Questions of Travel (1965), verraten.

In dem langen Titelgedicht des letzteren stellt sie die Frage, "Ist es ein Mangel an Vorstellungskraft, der uns / an vorgestellte Orte führt, nicht einfach zu Hause bleiben läßt?". An Bishops Gedichten beeindruckt neben der genauen Beobachtung vor allem ihre Imagination und die Lust an originellen Metaphern und Vergleichen - "In einer trüben Ära / des Wassers / singt der Bach laut / aus einem Brustkorb / riesiger Farne", heißt es im "Lied für die Regenzeit" -, so dass die Frage in Bishops Fall unbedingt verneint werden muss. Trotzdem prägte der Aufenthalt in Südamerika ihre Lyrik nachhaltig - insbesondere die Landschaft, der sie in vielen Gedichten ihr Augenmerk widmet und von der sie sich immer wieder inspirieren lässt. Das am Amazonas angesiedelte Rollengedicht "Der Flußmann" oder die kurzen Prosastücke "Regenzeit; Subtropen" belegen dies eindrucksvoll.

Zugleich gehörte Bishop zu den ersten, die den süd- und mittelamerikanischen Raum für die nordamerikanische Lyrik entdeckten und damit zugleich den kolonialen Blickwinkel korrigierten. "Gerade als ich dachte, ich ertrage es / keine Minute mehr, kam Freitag. / (Alle Berichte darüber sind völlig falsch.) / Freitag war nett. / Freitag war nett, und wir wurden Freunde. / Wenn er nur eine Frau gewesen wäre!", heißt es in dem Gedicht "Crusoe in England", in dem sich Robinsons Rückkehr als die eigentliche Katastrophe erweist. Schleppen sich auf Robinsons Insel anfangs noch Schildkröten als Projektionsfläche seiner Sehnsucht "vorbei, hochgewölbt, / und zischten wie Teekessel", so kommen mit Freitag eine neue Vertrautheit und eine neue Existenz. Ihr entrissen und zurückgekehrt, trinkt Crusoe den fremd gewordenen "echten Tee" und ist "von uninteressantem Gerümpel umgeben", erneut ein Schiffbrüchiger, doch diesmal in der sogenannten Zivilisation, die den Freund Freitag allerdings an Masern sterben läßt.

Elizabeth Bishop selbst, mit den bedeutendsten literarischen Auszeichnungen der USA bedacht, starb 1979 in Boston; ihr Einfluss im englischsprachigen Raum, gerade auch auf die jüngeren Generationen von Lyrikern, ist seither stetig gewachsen. Die nun vorliegende Auswahl, übersetzt von Margitt Lehbert, versammelt neben ihren bekanntesten Gedichten Beispiele ihrer formalen Gewandtheit, von Sestinen über Balladen bis hin zur amüsanten Stilübung "12-Uhr- Nachrichten", und bietet damit einen hervorragenden Einblick in das Werk dieser reisenden Lyrikerin voller Respekt und Einfühlungsvermögen, die ihre Entdeckungen auf so bestechend leise Art kartographierte: "Topographie zieht niemanden vor; Nord liegt so nah wie West. / Zarter als der Historiker wählt der Kartograph seine Farben.

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Die Farben des Karthographen von Elizabeth Bishop, Residenz-Verlag, 20012.)

Die Farben des Kartographen.
Gedichte von Elizabeth Bishop (2001, Residenz - Übertragung Margitt Lehbert).
Besprechung von Wilhelm Genazino aus Süddeutsche Zeitung, 6.12.2001:

Das bisschen, was wir umsonst bekommen
Zum ersten Mal auf Deutsch: Eine Auswahl aus dem Werk der großen nordamerikanischen Dichterin Elizabeth Bishop

Sylvia Plath huldigte ihr: „Wieder habe ich Elizabeth Bishop mit großer Bewunderung gelesen. Ihr Stil ist von hervorragender, immer überraschender, niemals starrer Originalität“. Octavio Paz bekannte: „Wie Wasser löscht sie einen doppelten Durst, den Durst nach Realität und den Durst auf Wunder“. Und Pablo Neruda schwärmte gar: „Elizabeth Bishop ist für mich die große nordamerikanische Dichterin“. Die prominenten Fürsprecher verstärkten nur in den Vereinigten Staaten die Reputation der Autorin. Bei uns ist sie bis heute eine weitgehend Unbekannte geblieben. Auch der 1990 von der Frankfurter Verlagsanstalt publizierte Erzählungsband „Der stille Wahn“ hat daran nichts geändert. Jetzt kommt, zum ersten Mal überhaupt, eine schmale Auswahl aus ihren vier Gedichtbänden zu uns.

Elizabeth Bishop (1911–1979) hat eine von schweren Erschütterungen gekennzeichnete Kindheit durchlebt. Ihr Vater starb, noch ehe sie ein Jahr alt war. Die Mutter kam mit dem Verlust nicht zurecht und wurde sechs Jahre später in ein Sanatorium für Geisteskranke in Halifax eingeliefert. Elizabeth wuchs bei den Großeltern mütterlicherseits auf. Schon während der Pubertät zeigte sich, dass das Trauma der Mutter auch ihr eigenes Leben beeinträchtigte. War die Mutter überfordert mit dem Tod des Ehemannes, so die Tochter mit der Einweisung der Mutter in die Heilanstalt. Es war der Tochter während Jahrzehnten nicht ein einziges Mal möglich, die verwirrte Mutter in der Anstalt zu besuchen. Man kann nur ahnen, wie sich im Gemüt der Tochter die Schrecken häuften und wiederholten. Wahr ist, dass sie ein Asthma davontrug, von dem sie sich bis zum Tode nicht befreien konnte. In ihren Gedichten spürt man untergründig die Schicksalsschläge, aber entsprechende Schicksalserörterungen bleiben aus. Elizabeth Bishop nahm ihre Leiden unter Verschluss und flüchtete in die Natur. Genauer: In die Naturerfahrung, also ins Reisen und Schauen. Nach ihrem Universitätsabschluss (1934) machte sie sich auf den Weg, flog immer wieder nach Europa (vor allem nach Irland und Italien), aber auch nach Afrika (Marokko), Mexiko und Brasilien. Abgesehen von einigen Jahren als Dozentin (von 1971 bis 1979 an der Harvard University) blieb sie ihr Leben lang Nomadin.

Gern saß sie an Meeresufern und erfand für sich eine geheimnisvolle Zwiesprache zwischen Mensch und Natur. Ihre lyrische Sprache ist nicht hermetisch abgeriegelt, nicht verrätselt und nicht künstlich verfremdet. Im Gegenteil, Elizabeth Bishop spricht klar aus, was sie sieht, denkt und phantasiert. Das Ergebnis sind wunderbar einfache (nicht: simple), liedhafte Erzählgedichte, die (oft in der Form des Selbstgesprächs) das Inne- und Einswerden des Menschen mit den Segnungen der Flora und Fauna thematisieren. Ausgangspunkt ist dabei fast immer „das bisschen, was wir umsonst bekommen, das bisschen, das uns auf Erden anvertraut ist. Nicht viel.“

Das Geheimnis der Gedichte besteht darin, dass Elizabeth Bishop dieses „bisschen, das uns auf Erden anvertraut ist“, sehend und dichtend in einen Riesenschatz verwandelt. Sie ist eine Dichterin, die „an Versunkenheit glaubt“, und also hat sie Muße und Stille, zum Beispiel den „allerkleinsten grünen Kolibri der Welt“ zu sehen („immer, immer entzückend“) oder sich vom Tanz der Glühwürmchen begeistern zu lassen: „...beim Aufsteigen leuchten sie, schweben zusammen auf dieselbe Höhe – genau wie Perlen im Sekt“.

Dabei war Elizabeth Bishop nie in Gefahr, im Tropenkoller die Schwere des gelebten Lebens auszublenden. Mitten im Zauber der Ferner mahnt sie sich: „Denk an die lange Reise nach Hause. Hätten wir zu Hause bleiben sollen, um an hier zu denken? Was für eine Kinderei ist es, dass wird, solange wir auch nur einen Funken Leben in uns haben, entschlossen davonstürmen, um die Sonne mal von der anderen Seite zu sehen?“

Leider zeigen nur wenige der in diesem Band versammelten Gedichte die lyrische Potenz der Autorin. Die Übersetzerin Margitt Lehbert, die den Band auch zusammengestellt hat, hatte kaum ein Gespür für die wirklich singulären Schöpfungen der Elizabeth Bishop; sie schweigt sich darüber aus, von welchen Auswahlkriterien sie sich hat leiten lassen. Sie sagt den Lesern nicht einmal, welche Gedichte sie welchen der vier Lyrikbänden der Elizabeth Bishop entnommen hat. Die Übersetzungen selber sind nicht frei von Holprigkeiten und Entgleisungen. Muss man (zum Beispiel) ausgerechnet Elizabeth Bishop mit dieser bürokratischen Zeile verunstalten: „...unter den Blättern tunnelieren Insekten?“ In der Übertragung des Gedichts „Unter dem Fenster: Ouro Prêto“ verwendet die Übersetzerin in drei aufeinander folgenden Versen gleich dreimal das blasse Verb „kommen“; muss man begründen, warum eine solche Uneleganz jedes Gedicht verdirbt?

Nur zwei der Gedichte sind mit Daten versehen; man fragt sich, ob es sich dabei um Entstehungs- oder um Veröffentlichungsdaten handelt, und warum zu allen anderen Gedichten die Daten fehlen. Gab es keine oder sind sie (aus welchen Gründen auch immer) weggelassen worden? Auch das Nachwort von Evelyn Schlag klärt uns nicht auf. Überhaupt das Nachwort! Es ist tatsächlich nur zwei Druckseiten lang und zeigt vor allem, dass die Verfasserin hin- und hergerissen war zwischen einem biografischen Aufriss, einer erläuternden Bibliografie und einer Skizze der Rezeptionsgeschichte; sie entschied sich für ein konzeptloses Durcheinander und rundet damit das Bild der Hilflosigkeit dieses Buches ab.

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