Die Fakultät von Pablo de Santis, Unionsverlag1.) - 2.)

Die Fakultät.
Roman von Pablo de Santis (2002, Unionsverlag - Übertragung Claudia Wuttke).
Besprechung von Kersten Knipp in Neue Züricher Zeitung vom 20.04.2002:

Borges lässt grüssen
Pablo de Santis durchkämmt die Themenwelt des Meisters

Mit welchem Erfolg auch immer der argentinische Romancier Pablo de Santis sein Literaturstudium im Ganzen abgeschlossen haben mag, sein Spezialgebiet «Erzähltheorie» dürfte er kaum anders als mit der Note «sehr gut» bestanden haben. Der Text als sprachliches Universum, die Macht der Fiktion über die Wirklichkeit, die Welt als Zeichenkette, der Tod des Autors unter dem Ansturm unendlicher Textlawinen: All dies muss de Santis gierig in sich aufgesogen und in allen denkbaren Theorievarianten wieder und wieder durchgespielt haben.

Am Ende hat er die Theorie dann in Fiktion verwandelt. «Die Übersetzung» hiess sein erster auf Deutsch erschienener Roman, der sich der tödlichen Kraft einer nicht entschlüsselten Geheimsprache widmete. Das nun ebenfalls auf Deutsch vorliegende Nachfolgewerk «Die Fakultät» nimmt den sprachphilosophischen Faden auf und spinnt ihn weiter durch das schummrige Zwischenreich von Einbildung und Wirklichkeit. Spielstätte der Halluzinationen: das Institut für nationale Literatur in der philosophischen Fakultät der Universität von Buenos Aires. Drei ehrgeizige Literaturwissenschafter sind den Werken von Homero Brocca, einem seit Jahren verschollenen Schriftsteller, auf der Spur. Ganz vorn im akademischen Wettrennen liegt Emiliano Conde, Direktor des Instituts: Das wenige, was von Broccas Werk überhaupt noch vorhanden ist, findet sich exklusiv in seinem Besitz; vor allem ist er der Einzige, der die übrigen auf mysteriöse Weise verschwundenen Werke des Schriftstellers jemals gelesen hat. Den Nachlass zu ordnen, die Varianten der einzig verbliebenen Erzählung zu ordnen, hat er den jungen Literaturwissenschafter Esteban Miró eingestellt, der im Roman zugleich die Rolle des Erzählers übernimmt.

Wiederholt hat man de Santis' Werk mit dem seines Landsmannes Jorge Luis Borges in Verbindung gebracht. Die Verbindung ist im vorliegenden Roman nicht nur möglich - sie ist zwingend. «Die Fakultät» nämlich ist nichts anderes als Borges' Roman gewordene Erzählsammlung «Fiktionen». Die grossen Motive des Bandes tauchen nahezu sämtlich in de Santis' Text wieder auf. Immer fraglicher erscheint etwa im Laufe des Romans, ob jener ominöse Homero Brocca überhaupt gelebt hat oder nicht ein blosses Hirngespinst von Conde ist. Zunehmend erscheint er so als Verwandter von Borges' ominösem Herbert Quaine, jenem unfassbaren Literaten, dessen Werke ein hartnäckiger Verehrer zu ordnen sucht - der sich so als Vorbild für de Santis' Emiliano Conde empfiehlt, der zahllose Schriften zu Leben und Werk Broccas auf den Wissenschaftsmarkt wirft, ohne über einen verlässlichen Textkorpus zu verfügen. Als einzig realen Textkorpus hält er die Erzählung «Substitutionen» in den Händen. Doch deren Titel deutet das Unheil an: Brocca hat das Werk von anderen systematisch um- und weiterschreiben, in alle Richtungen wuchern lassen und seinen ursprünglichen Kern so bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Und wer de Santis einmal auf die Spur gekommen ist, der sieht hier Borges mit seiner «Bibliothek von Babel» aus der Ferne winken, der Geschichte um einen unendlichen Textbestand, der de Santis' Phantasie von der entgrenzten Deutungsfülle der Brocca'schen Erzählung Pate gestanden hat. Brocca selbst wiederum entpuppt sich im Laufe des Romans mehr und mehr als eine Erfindung des akademischen Falschmünzers Conde, der so zu einem Wiedergänger des Zauberers aus Borges' Erzählung «Die kreisförmigen Ruinen» avanciert. Der hatte sich einen Menschen bis in die kleinste Einzelheit erträumt - um dann seinerseits in den tiefen Rang einer bloss ersonnenen Figur zu fallen....Fortsetzung

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Die Fakultät von Pablo de Santis, Unionsverlag2.)

Die Fakultät.
Roman von Pablo de Santis (2002, Unionsverlag - Übertragung Claudia Wuttke).
Besprechung von Thomas Laux in der Frankfurter Rundschau vom 8.08.2002:

Killerprofessoren
Pablo De Santis' akademische Satire "Die Fakultät"

Seit Dietrich Schwanitz' Campus-Roman wissen auch all jene, die eine Universität nie von innen gesehen haben, dass sie menschliche Intrigen und Abgründe ebenso in sich birgt wie jeder andere Arbeitsplatz in einem Großraumbüro. Wenn Sex, Neid und Mobbing immerzu möglich sind, warum dann eigentlich nicht gleich auch Mord und Totschlag? In dem neuen Roman des Argentiniers Pablo De Santis kann man einen deutlicheren Eindruck gerade der letztgenannten "Spielart" bekommen.

Der als Erzähler auftretende Esteban Miró erhält eines Tages einen Job im "Institut für Nationale Literatur" der geisteswissenschaftlichen Fakultät und findet sich dort bald in einer Szenerie von Verfall und Leere wieder. Ein Nachtwächter passt immerhin noch auf, dass die in Kisten verpackten Bücherschätze nicht geraubt werden. Zwei konkurrierende Wissenschaftler, die Professoren Conde und Granados, tauchen allerdings regelmäßig hier auf, um ihre Forschungen über das Werk des Schriftstellers Homero Brocca voranzutreiben. Eifersüchtig horten sie ihre Wissensfortschritte und versuchen meist mit intriganter Quertreiberei, den wissenschaftlichen Konkurrenten ins Abseits zu stellen. Kurioserweise ist das Werk Broccas überhaupt nicht beziehungsweise nicht mehr vorhanden, immer wieder heißt es, die Bücher Broccas seien vergriffen, "verloren" gegangen oder gestohlen worden, Brocca selbst solle schon zwanzig Jahre zuvor bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen sein.

Man hat es also mit der absurden Situation zu tun, über ein schieres Phantomwerk zu diskutieren, das bis auf Marginalien, Bruchstücke und ein wenig Sekundärliteratur im Verborgenen bleibt. Nichtdestoweniger sind alle Beteiligten von seiner Existenz überzeugt, der eine oder andere will es komplett gelesen haben. Esteban Miró wird von Professor Conde mit eingespannt, er soll bei der Deutung einer nun tatsächlich konkret vorliegenden Erzählung Broccas, "Substitutionen", mitwirken. Dafür wird sogar ein Kongress ins Leben gerufen, die stillgelegte Fakultät soll noch einmal richtig zum Leben erweckt werden. Immerhin hat es dort bis dahin schon einige mysteriöse Todesfälle gegeben, und einen der beiden Brocca-Apologeten, nur dies sei hier verraten, wird es später auch noch treffen. Bei aller kriminalspezifischen Verdichtung ironisiert De Santis den Literaturbetrieb, mokiert sich über jene Forscher, die stets mehr zu wissen glauben als der Autor selbst. Literatur wird als Feld ausgeklügelster Begehrlichkeiten dargestellt, Eifersucht, Narzissmus und Geltungssucht als Momente begriffen, die eine postulierte wissenschaftliche Seriosität ein ums andere Mal konterkarieren.

Ein wenig ermüdend sind die an Borges oder Kafka angelehnten Stilisierungen der Unheimlichkeit, ab und zu müssen beide Augen gar feste zugekniffen werden, um ein Mindestmaß an Kohärenz noch zu garantieren. Das Gemetzel unter Akademikern, Brutalitäten, die eben nicht mehr verbal, sondern durch schiere körperliche Gewalt ausgetragen werden, all das scheint dann auch für die genrespezifischen Möglichkeiten menschlicher Verkommenheit eher dick aufgetragen. In De Santis vorangegangenem Roman, Die Übersetzung, war das allerdings sehr ähnlich verhandelt worden. Wenn also diese meuchelnde Profanisierung unvermeidlich für sein Schreiben sein sollte, dann wünschte man sich als nächstes die Entweihung anderer ehedem geweihter Dinge oder Orte, und wir hätten schon mal einen Titel parat. Wie wär's mit "Das Plenum", oder besser noch: "Das Kanzleramt"?

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