Die Fahrt von Sibylle Berg, 2007, KiWi1.) - 2.)

Die Fahrt.
Roman von Sibylle Berg (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig in Die Zeit, 4.10.2007:

Die äußeren und die inneren Slums

Wer nicht meditativ veranlagt ist, langweilt sich rasch, wenn Ereignisse, Gefühle oder Wörter wiederkehren. Jeden Tag schlafen, aufstehen, arbeiten, essen, fernsehen, die gleichen Gespräche führen bis ans Ende der Tage. Oft folgt solcher Langeweile die Sinnkrise samt einer ganzen Reihe unangenehm quälender Fragen: Warum bin ich hier? Wo ist das Glück? Verpasse ich nicht gerade das Wichtigste? Wieso muss ich sterben? Hat das alles einen Sinn? Der neue Roman von Sibylle Berg, Die Fahrt, konfrontiert mit diesen Fragen, wörtlich und implizit, variantenreich, erbarmungslos. Sogar die vielen eingestreuten Fotos von Landschaften, Elendsquartieren, Hochhäusern, toten Katzen, die Berg auf ihren Reisen gemacht hat, scheinen so zu fragen. Durch viele Länder der bekannten Welt führt das Buch, es stellt aber auch unbekanntere Winkel vor: Goldgräberdörfer im Amazonasgebiet oder kirgisische Monsterstandbilder oder ein sektiererischer Spätkibbuz, in dem Mitglieder verschwinden und später als Skelette wieder auftauchen.

An höchst unterschiedlichen Figuren, deren höchst unterschiedliche Lebenswege sich kreuzen, zeigt Sibylle Berg, wie leidensreich und dumm die Menschen die Zeit, die ihnen auf Erden gegeben ist, vertun. In Short Cuts-Manier begegnet der Leser den Personen aus Ost und West, aus armen und reichen Ländern. In immer neuen kurzen Abschnitten, die jeweils ein Figuren- und ein Ortsname bezeichnet, tauchen sie auf, verschwinden wieder, begegnen sich. Ab und zu setzt Berg Kapitel gegeneinander, in denen dasselbe Ereignis von zwei Figuren je anders erlebt wird.

Fast alle suchen im Alltag oder durch den Ausbruch aus ihm verzweifelt nach Alternativen zu einem sinnleeren Leben, die es doch bei grundsätzlicher Betrachtung nicht gibt: Wir sind sterblich. Wir zerstören den Planeten. Wir sind einem Prinzip unterworfen, das uns einsam macht. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen und leiden unter unserem Wissen. Wir Angehörigen der Industrienationen ernähren uns im schrecklichen Wortsinn von ärmeren, chancenlosen Menschen, sogar auf Kosten der Nachkommen. Und: Wir sind nicht gut, nur ewig unzufrieden. Wenn man allerdings ums bloße Überleben zu kämpfen hat wie die Frau in den Slums von Bangladesch, deren kurzen Lebenslauf Berg verfolgt, dann sind philosophische Existenzfragen so fern wie ein voller Magen oder Würde.

Die wohlhabenderen der Figuren fliegen und fahren dennoch wie wild umher, um etwas zu finden, das ihnen wenigstens für Momente Geborgenheit, Ruhe, Sinn bieten könnte. Doch selbst dem Tsunami zu entkommen oder ein überstandener Piratenüberfall bescheren nur kurzfristig die Befriedigung, überlebt zu haben. Schnell stellt sich wieder Leere ein. Das Leben desillusioniert schon Kinder. Sibylle Berg wird nicht müde, dieses allgemeine seelische und materielle Elend zu beschreiben, die äußeren und die inneren Slums der heutigen Menschheit.

Grundsätzlich stellt sie aber alte Fragen, auf die Arthur Schopenhauer vor geraumer Zeit gute Antworten gab. Noch heute ist Die Welt als Wille und Vorstellung eine erhellende Lektüre, der Stil des Buches von vorbildlicher und heiterer Klarheit. Bergs Roman erinnert so oft an Schopenhauer, als hätte die Autorin zum philosophischen Werk Belegschicksale erfunden. Allerdings häuft sie so viele Beweise für die allgemeine Misere auf, dass diese bald zu einem formlosen Müllhaufen anwachsen, dessen Ausmaß erschreckt, dessen Einzelteile sich aber zu oft ähneln. » Egal« ist ein dutzendfach gebrauchtes Wort ihres Buchs.

Alle haben Angst, tigern herum, weinen und wollen nur weg

Wenn Minidramen auf wenigen Seiten oder gar Zeilen ablaufen oder Wahrheiten wie gehämmert die Seiten füllen oder ätzend klare Informationen unsere gewaltigen Verdrängungsanstrengungen für Momente überfordern, ist das eindrucksvoll. Aber Die Fahrt ist auch sprachlich so wiederholungsliebend, dass der Roman manchmal an Selbstparodie grenzt. Praktisch alle Figuren haben Angst, leiden an ihrer Existenz und extremer Langeweile, ertragen die Perspektiv- und Sinnlosigkeit nicht, hassen, vor allem andere Menschen und sich selbst. Alle tigern herum, alle weinen, alle wollen nur weg, ohne im Reisen etwas anderes zu finden als immer und überall Hässlichkeit, riesige Kakerlaken und die Erkenntnis, dass es daheim noch erträglicher war als in der Fremde. Ihre Gedankenströme gleichen sich und gehen dazu häufig in die Überlegungen der Erzählinstanz über, die an Bußpredigten erinnern.

Sibylle Berg stupst den Leser mit der Nase in den ubiquitären »Dreck« ein Wort, das noch häufiger vorkommt als »Mist«. Die Stimme des Romans gleicht der alttestamentarischer Propheten, die nicht aufhörten, ihren Landsleuten die Leviten zu lesen.

Für Berg-Novizen ist diese Sibylliade wohl von eindringlicher Wucht und voll erschreckender Neuigkeiten. Kunstvolle Vergleiche und Metaphern erfreuen, auch die Dynamik vieler Geschichten oder der reich instrumentierte Mix aus Jargon, Lakonie, Pathos und Quatschen.

Berg-Kenner ermüdet dagegen die sprachliche, stilistische und inhaltliche Auftürmung von Dingen und Formulierungen, die man aus ihren Reisefeuilletons, Reportagen und vorigen Büchern schon kennt, zumal sie sich im Roman selbst wiederholen.

Der Roman belegt gleichwohl die von Schopenhauer geliebte Erkenntnis der indischen Upanishaden: tat twam asi, »Das bist du!« Wir unterscheiden uns nicht kategorisch voneinander. Alles Individuelle ist nur Schein, ein Trick, um uns weiterzutreiben, um Sinn zu simulieren, wo keiner ist. Vielleicht zieht ja mancher Leser Konsequenzen daraus.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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Die Fahrt von Sibylle Berg, 2007, KiWi2.)

Die Fahrt.
Roman von Sibylle Berg (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 29.10.2007:

Der Rest ist Reisen 
Sibylle Berg ruft und ihr neuer Roman ist so etwas wie ein Weltbild-Kaleidoskop.

Gunners Frau liegt seit zwei Tagen tot im Wohnzimmer. Eine nicht unproblematische Ehe hatten sie geführt, nun werden die Probleme nicht kleiner, doch hergeben will er sie nicht an die Bestatter. Wir sind in Reykjavík, wo die zufriedensten Menschen der Welt leben, weil Island am dünnsten besiedelt ist. Andere Länder, andere Sitten. Wir sind im neuen Roman von Sibylle Berg, und diese Einstiegsidylle um zwei, die sich immer an den Händen gehalten hatten, damit es warm blieb, ist das Präludium für ein globales Vielpersonen-Puzzle Schlimmer geht immer. Nur gehen müssen sie. Irgendwohin, Gunner und alle anderen auch.

Die Berg ruft wieder, betreibt ein bisschen Recycling in eigener Sache, denn viele der hier gekonnt verzurrten Geschichten waren schon als Kolumnen erschienen. Aus knapp achtzig Episoden schafft sie ihr Weltbild-Kaleidoskop. Wieder sind ein paar Leute unterwegs und suchen das Glück. Nur gelacht wird weniger. Der Spaß ist relativ, weil man jenseits der 40 ist. Deswegen reisen sie alle, suchen irgendwo irgendwas. Eine Idee, einen Guru oder die Liebe, also alles, was sich in der Grauzone von nicht mehr jung und noch nicht alt bestenfalls in Routine und oft in Lebensmüdigkeit aufgelöst hat.

Sie sitzen in Büros und klettern auf „Einsamkeitspyramiden”, haben die Welt der „Hormontsunamis" hinter sich und in sich eine existenzielle Langeweile. Die Männer haben genug Geld, Übergewicht und Depressionen. Die Frauen auch. Dazu kommen Zellulite und Waschzwang. Singles, Passanten. Parallelwelten. Leben richtet sich nach den Ladenöffnungszeiten. Das Einzige, was von den 68ern geblieben ist, sind Mülltrennung und Therapiewahn. Der Rest ist Reisen.

Die Welt ist klein geworden und es gibt kaum noch Grenzen, die einem seinen Platz zeigen. Die Heimat ist im Netz verschwunden. Also machen sie sich auf den Weg von reich nach arm und umgekehrt. Vielleicht wird man ja doch noch Teil von einem Ganzen? Olga wartet in Kirgisien auf einen Mann aus dem Westen. Maria war in fast allen Ländern, zu denen es einen „Lonely Planet" gibt. Miki findet, dass Pornografie keine Kunst mehr ist, seit Mann Viagra hat. Brian, der Nerd, hat in einer Computerzeitung eine Weltreise gewonnen und will nicht weg ... 

Sie erzählt gnadenlos und gut

Einsame Planeten sind sie alle, und die Welt besteht zu 90 Prozent aus Dreck. Die Welt ist keine Schweiz, das erfahren sie von Tel Aviv bis Bombay. Sie hätten es vorher wissen können. Sibylle Berg erzählt gnadenlos und gut davon, wie alles mit allem zusammenhängt. Jede Figur hat mit ihr zu tun und sagt Dinge, die man sich anstreicht. an kann das Trägheitsgesetz überwinden, vorübergehend, sagt eine pessimistische Moralistin. Sie sagt es gut und scharf. Deshalb hören wir es und geben die Hoffnung nicht auf. (NRZ) 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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