Die
exilierte Sprache.
Essays und Reden von Imre
Kertész (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Katrin
Schuster im Münchner
Merkur, 12.01.2004:
Gefrierende Wörter
Essays und Vorträge von Imre Kertész
Nicht gedenken, sondern nach vorne blicken
Weil er mit einem seltsamen Gefühl der Schuld verbunden ist, weil
die Frage nach dem Warum nicht beantwortet werden kann. Des Überlebenden
"Dasein ist eine Panne, ein purer Zufall, der ständiger Rechtfertigung
bedarf, obgleich er tatsächlich nicht zu rechtfertigen ist". Den gelben
Stern wird man nicht los.
2002 bekam Imre Kertész den Nobelpreis für Literatur, die von ihm in Stockholm
gehaltene Rede beschließt den Band seiner Essays und Vorträge "Die
exilierte Sprache". Wenn der Holocaust darin als vordringliches Thema
erscheint, so ist dies nicht Gedenken, sondern stets Blick nach vorne.
"Über Auschwitz nachdenkend, denke ich vielleicht paradoxerweise eher
über die Zukunft als über die Vergangenheit nach."
Erinnerungsfeierlichkeiten erlebt er oft als "institutionalisiertes
Vergessen", angewidert wendet er sich ab von der gekünstelten Empörung,
von "Holocaust-Konsum" und "dinosaurierhaftem
Spielberg-Kitsch".
Auschwitz war ihm nie Vergangenheit, auch deshalb sind Kertész' Analysen so
bestechend aktuell. Im Januar 2001, viele Monate vor dem Zusammenbruch der
westlichen Sicherheit in Form des World Trade Center, schrieb er: "In
unseren ungläubigen Zeiten sind biblische Kriege im Gange, Kriege zwischen
,Gut’ und ,Böse’."
Weil er nirgends jemals zuhause war, weil er nie
eine Sprache sein Eigen nennen konnte, weil der Holocaust die Wörter alle
entleert hat durch die Rede von "Arbeit macht frei" und der
"Endlösung", wurde er zu einem Kämpfer für Europa, der kulturelle
Werte schöpfen will aus der Erfahrung Auschwitz. Der die Sprache des Künstlers
gegen die von Ideologien des Kapitals infizierte setzen will.
"Wie wenig da gediehen ist, zeigt die nun schon fast zehn Jahre andauernde,
besorgte Herumrechnerei, wie viel die Europäische Gemeinschaft eine
Osterweiterung kosten würde, was zwar von nüchternem Verstand, aber von
verkalkten Gefäßen und einem steinharten Herzen zeugt."
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0104 LYRIKwelt © Münchner Merkur