Ethik der Nassrasur von Ulrich Schödlbauer, Manutius-Verlag 19971.) - 2.)

Die Ethik der Nassrasur.
Erzählungen von Ulrich Schödlbauer (1997, Manutius).
Besprechung von Marianne Hoppe aus der Westfalenpost, Hagen, September 1997:

Hagener Professor zieht Kleingeister auf makabre Weise durch den Kakao
Ulrich Schödlbauers Prosaband "Die Ethik der Nassrasur" macht nachdenklich.

Seine Erzählungen sind bissig, voll schwarzen Humors und fast schon makaber. Sie sind Literatur über Literatur und triefen von boshaften Randbemerkungen über deren Erzeuger, die Literaten. Dr. Ulrich Schödlbauer, Professor für Europäische Literatur der Neuzeit an der Hagener Fern-Universität, hat im Manutius-Verlag Heidelberg Erzählungen veröffentlicht.

Der schmale Prosaband trägt den Titel der wichtigsten unter den neun Kurzgeschichten: "Die Ethik der Nassrasur". Der Autor, der beides ist - Literat und Literaturwissenschaftler - gießt seinen Spott über den modernen Kulturbetrieb aus mit seinem Personenkult und einem lächerlichen Kunstpreis-Unwesen. In einer kompliziert kunstvollen Sprache des Intellektuellen werden mit sadistischem Vergnügen Szenen der Selbstverstümmelung in allen Einzelheiten geschildert: Wie sich der Studienrat Oberer selbst köpft mit einer eigens von ihm dafür konstruierten Sensen-Guillotine in der Erzählung "Quadratur".

In Schödlbauers Prosa schwingt die Ahnung vom Untergang der Menschheit zwischen den Zeilen und nimmt in Katastrophen-Prognosen Gestalt an. Das wird schon im Vorspann "Moment" deutlich.

In der Titelgeschichte wird eitler Literaturbetrieb hinterwäldlerischer Kleingeister durch den Kakao gezogen. Am Stammtisch des Schriftstellervereins wird die Idee der Stiftung eines "Magnus-Menge-Remscheid-Preises für standhafte Literatur" ausgeschrieben. Gleich zwei Pegasus-Ritter sollen damit gebauchpinselt werden: Besagter Magnus Menge als Stifter und der total verkorkste Schreiberling Klaus Schwäger als Preisträger, beide als "Ruhrbarden" und "Lokalgrößen" deklariert. Vollmundig tönen sie am Stammtisch über Entstehung von Schrift und Druck, das Verhältnis von Büchern und Kultur oder die Beziehung zwischen Wissen und Macht.

Bei der Gelegenheit läßt es sich der Buchautor nicht nehmen, über "den neuen Typus des Literaten, der ohne Moral über Leichen geht", seinen Spott auszugießen und die Stellung der Intellektuellen im heutigen Staat zu hinterfragen. Das klingt dann so: "Die Intellektuellen, Geburtshelfer einer mündigen Kultur, die seit langem über ihrem Abgang brütet, weigern sich, diesen zu fixieren. Das läßt sie unernst, zurückgeblieben, ja kindlich erscheinen. An der Erarbeitung der Zukunft - einst ihre Domäne - sind sie allenfalls noch parasitär beteiligt".

Aber nicht nur die Intellektuellen bekommen bei Schödlbauer ihr Fett weg. Sein Rundumschlag trifft auch die Presse. Das Telefon-Interview einer Lokalzeitungsjournalistin mit dem Preisverdächtigen gerät zur blutigen Satire, denn der Dichterling ist auf dem Weg zum Telefon in sein Küchenmesser gestürzt.

Zum absoluten Höhepunkt wird dann die Laudatio bei der Preisverleihung. Das eloquente Wortgeklingel  des Festredners ist kabarettreif. Ihm fällt denn auch die Metapher von der "Ethik der Naßrasur" ein, die den Mann formt, der schreibt und weiß, daß es gerade die falschen Schnitte sind, die unter die Haut gehen. Des Dichters Werk wird als "erschöpfende De-Collage dessen, was ist" gefeiert. Nicht zufällig trägt die folgende Erzählung den Titel "Die Rede vom Müll". Auch in ihr mischen sich Satire, Kritik und Philosophie, Spott und Weltschmerz. Die bittere Ironie des Literatur-Professors macht nachdenklich.

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Ethik der Nassrasur von Ulrich Schödlbauer, Manutius-Verlag 19972.)

Die Ethik der Nassrasur.
Erzählungen von Ulrich Schödlbauer (1997, Manutius).
Besprechung von Jochen Hoerisch aus der Neue Zürcher Zeitung, 14.3.1998:

Literatur über Literatur hat (nicht erst seit Gottfried Kellers wundersamer Erzählung von den »Missbrauchten Liebesbriefen«) ihre unwiderstehlichen Reize. So auch die Titelerzählung dieses schmalen Prosabandes aus der Feder eines Autors, der beides ist: Literat und Literaturwissenschaftler. Sie berichtet von den Kalamitäten, die mit der Auslobung und erstmaligen Verleihung des »Magnus-Menge-Remscheid-Preises für standhafte Literatur« verbunden sind. Und stößt dabei auf dieselbe Kernfrage wie die anderen Erzählungen dieses Bandes: Was geschieht, wenn ein Lebensweg tatsächlich eine literarische Wendung nimmt, wenn »Leben« auf der Höhe oder in den Abgründen von »Lesen« statthat, wenn »jenes Prickeln (auftaucht), mit dem der Eintritt der Literatur in das Leben sich gemeinhin ankündigt«? Die ein wenig zu evidente Antwort: Alles bisher Selbstverständliche wird im besten Falle rätselhaft, zumeist aber katastrophisch. Aber an den Katastrophen anderer können Leser bekanntlich ihr Vergnügen haben. Denn sie leben ja, indem sie lesen.

... diese Botschaft vom Angekommensein inmitten des Aufbruchs, bei verschobenem Start, vor laufenden Kameras, sie genügt, um aus dem streitbaren galaktischen Zwerg eine Supernova zu machen, einen explodierenden Stern, aus der Bahn gerissen und ziellos durch ein urplötzlich geheimnisvoll von dunkler Materie erfülltes Universum taumelnd, angepeilt von Pulsaren und unter dem Schweigen hypergalaktischer Mauern dem Werk der Selbstzerstörung hingegeben, des Zurücktretens ins kosmische Glied, der Rückkehr ins unbewohnbare All. Wir sind vor Ort. Keiner hilft. Darauf muß man erst kommen.

Was geschieht, wenn ein Lebensweg tatsächlich eine literarische Wendung nimmt, wenn 'Leben' auf der Höhe oder in den Abgründen von 'Lesen' statthat, wenn 'jenes Prickeln (auftaucht), mit dem der Eintritt der Literatur in das Leben sich gemeinhin ankündigt'?

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