Die Erzählungen I + II.
Erzählungen von Leo N. Tolstoi (2001, Artemis & Winkler, hrsg. Barbara Conrad).
Besprechung von Hannelore Schlaffer in der Frankfurter Rundschau, 3.1.2002:

Wohin geht das alles?
Tolstoi deutete seine Erzählungen gerne selbst. Und die Frage, ob Fleischgenuss zu Fleischeslust führe, beantwortete er entschieden

Ist Tolstoi nicht doch mehr Berichterstatter, Reformer, Prediger als Dichter? Diese schon so oft gestellte Frage drängt sich erneut auf bei der Lektüre aller seiner Erzählungen, zu der nun die neue Übersetzung in einer zweibändigen Ausgabe der Reihe "Winkler Weltliteratur" Anlass gibt. Die berühmteste Erzählung des russischen Autors, die 1891 erschienene Kreutzersonate, hat als Sujet ein Dreiecksverhältnis, wie es die Romanliteratur im 19. Jahrhundert von den Wahlverwandtschaften bis zu Tolstois eigenem Roman Anna Karenina und Fontanes Effi Briest in vielen Variationen durchgespielt hat. Nicht die Liebe, sondern die blinde Eifersucht ist die Version, die Tolstoi mit seinem Text dem literarischen Stoff hinzufügt. Das dramatische Ereignis der Ermordung der untreuen Ehefrau aber bettet er, als sei es nur ein Exempel, in Dispute ein, wie sie die Philosophen seit Platon benutzen, um ein Phänomen von allen Seiten zu beleuchten; außerdem fügt Tolstoi ein Nachwort an, das den Text auslegt. Hier meldet er sich nicht als Dichter, sondern als Zeitgenosse zu Wort, um gegen Unsittlichkeit und Lüge in der Gesellschaft zu polemisieren.

In der späten Abhandlung Was ist Kunst? (1899), an der er fünfzehn Jahre arbeitete, lehnt Tolstoi die Liebe als Thema der Prosa überhaupt ab, weil es zu viel Genuss bereite. Deshalb sind die Bekenntnisse des Ehemannes durchzogen von Unterweisungen an seine Zuhörer. Die Gesundheitsregeln, die Posdnyschew, der ergraute Eifersüchtige, in seine Lebensgeschichte einstreut, halten die Erzählung auf mit den altmodischen Überlegungen, ob Fleischgenuss nicht zu Fleischeslust verführe: "Wir aber, die wir täglich zwei Pfund Fleisch, Wildbret und allerlei erhitzende Speisen und Getränke genießen - wohin geht das alles? Es wird in sinnlichen Ausschreitungen verbraucht. Und wenn es dahin kommt und das Sicherheitsventil geöffnet ist - dann läuft alles gut ab; verschließen Sie es aber einmal, wie ich es eine Zeitlang verschlossen hatte, so entsteht sogleich Erregtheit, und wenn diese durch unser natürliches Leben noch gesteigert wird, so ist eine Verliebtheit reinsten Wassers die Folge."

Das Gewicht der Lehre, das auf der Erzählung dieses Ehedramas lastet, will heute kein Leser mehr tragen. Was also vermag für Tolstoi einzunehmen, dessen Sprache so schmucklos, dessen Polemik so ausgesprochen ist wie etwa in jenem viel gerühmten Porträt des Zaren Nikolaus I., das seine postume Erzählung Hadschi Murad enthält? Der Autor spricht auch da nicht durch die Gesten seiner Figur; immer wieder schiebt er sie beiseite, um selbst das Wort zu ergreifen und über das Unwesen dieses Tyrannen zu belehren. Auch Stimmungsbilder, wie man sie in der frühen Erzählung Der Schneesturm erwarten könnte, gelingen Tolstoi nicht. Die russische Nacht in Wind und Kälte dauert lang, und der gelangweilte Leser erinnert sich der eindrucksvollen Schneegebirge, mit denen Stifter das Herz zu schrecken weiß.

Und dennoch macht sich Tolstoi mit seiner bekehrenden Geste nicht lächerlich. Es fällt schwer, heute von sittlichem Ernst zu sprechen, seltsamerweise aber bezieht Tolstoi aus ihm seine ganze poetische Kraft. Die Erzählungen haben allerdings nur deshalb über die Belehrung hinaus eine Wirkung, weil sie dann doch einem tiefen Schrecken entspringen: der Erfahrung der Einsamkeit des Sterbens. Die Werke Tolstois, seine Erzählungen und vor allem sein Roman Krieg und Frieden, münden immer wieder in die Beschreibung von Todesangst und Todeseuphorie. Die Formen des Sterbens sind vielfältig: Es gibt Liebestode, Soldatentode, Kältetode, Kindsbettsterben, Krebstode, Tode aus physischem Verfall, Heldentode. Das Sterben kann lange dauern, wie das des Iwan Iljitsch in der Erzählung von 1886, mit der Tolstoi nach der Beendigung seiner beiden großen Romane sich wieder den Erzählungen zuwendet; es kann aber auch nur Sekunden dauern, wie meist bei den Gefallenen vor Sewastopol.

Das persönliche Erlebnis des Krieges, zunächst als Soldat im Kaukasus, seit 1854 bei der Donauarmee im Krimkrieg, prägt das gesamte Erzählwerk Tolstois. In den drei Berichten über die Schlacht um Sewastopol (1855/56) versucht er, einen neuen Erzählstil zu entwickeln, der die Fiktion eng an die Erfahrung anschließt. Die Texte waren für eine Soldatenzeitung gedacht, die Tolstoi gründen wollte; er konnte daher mit einem Leserkreis rechnen, der die Kopie umso mehr schätzte, je näher sie der Wirklichkeit kam. Tolstoi konnte daher, und das sollte seinen Stil für immer prägen, auf eine stringente Handlung verzichten. Die Scharmützel, in denen der große Krieg auseinander läuft, fängt er in makabren Miniaturen ein.

Das 19. Jahrhundert hat in der Literatur eine erste Zeichenlehre entwickelt: die Physiologie, die skizzenhafte Beschreibung von Typen aus dem Großstadtleben. Das Studium von Erscheinung und Geste diente der Orientierung des Einzelnen in der anonymen Menge. Aus der Stadt überträgt Tolstoi nun das Genre der Physiologie aufs Schlachtfeld. Die Geste eines sterbenden Kriegers verrät, in welcher Verfassung einer dem Tod begegnet. Diese Geste aber ist der Wink, dem der Autor folgt, um einen Blick auch ins Innere seiner Figur zu werfen. Dort lauern die Dämonen Selbstbetrug, Seelenqual, körperlicher Schmerz, Hoffnung auf Erlösung, die die Erzählungen Tolstois so bedrückend machen.

Tolstoi entwickelt eine eigene Technik, um die inneren Schrecken festzuhalten: die Zeitlupenaufnahme in der Literatur. Der Tod hat es eilig in der Schlacht, der Kopf aber ist noch schneller mit seinen Assoziationen, die dem Ende ahnend vorausgehen. So dehnt der Dichter die Schilderung der Gedanken eines Soldaten von dem Augenblick an, wo er den Abschuss der Kugel vernimmt, bis zu seinem Tod auf fast zwei Seiten, wo dann endlich das Geschoss sein Ziel, den sterblichen Leib, erreicht hat: "Wen wird sie töten - mich oder Michailow? Oder beide zusammen? Und wenn sie mich trifft, wohin dann? In den Kopf, dann ist alles aus. Trifft sie aber ins Bein". So sinniert er lange vor sich hin, bis ihn endlich der Tod ereilt: "Dann begannen, rote Flammen vor seinen Augen zu lodern, und die Soldaten schienen Steine auf ihn abzuladen; die Flammen loderten immer heller und höher, und die Steine, die man auf ihn warf, drückten ihn immer härter. Er strengte sich an, die Steine von sich zu wälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte er nichts mehr. Ein Splitter mitten in die Brust hatte ihn auf der Stelle getötet."

Noch immer aber wäre die Trostlosigkeit dieser Bücher nicht so groß, wenn das Sterben, von dem sie erzählen, irgendeinen Sinn hätte. Hadschi-Murad, einer der Führer der kaukasischen Bergvölker, ist nicht zufällig die Figur, die Tolstoi ein Leben lang beschäftigte. Ins Zentrum der Erzählung rückt Tolstoi eine historische Quelle, die Lebensgeschichte Hadschi-Murads, die er einem Berichterstatter der russischen Feinde diktiert hat. In ihr ist der Rebell ein armer Gejagter und ein blinder Kämpfer, der in Familienfehden verwickelt ist und in Rache um sich schlägt, ohne jeglichen Gewissenskonflikt. Hadschi-Murad entlarvt sich als das gerade Gegenteil des rousseauistischen Traums vom guten Wilden, obgleich er immer wieder mit seinem ehrlichen, offenen Blick alle Frauen der russischen Besetzer für sich gewinnt, als er ihnen "vorgeführt" wird. Auch der Autor selbst verurteilt die naive Bösartigkeit seines Helden mit keinem Wort. Unkommentiert, wie sie bleibt, erscheint sie als Schicksal des Menschen schlechthin, als sinnloser Kampf ums Dasein.

Auch wo Tolstoi, wie im Morgen eines Gutsbesitzers, seine Erfahrung in der Heimat und im Frieden zum Thema einer Erzählung macht, erscheint der Mensch als chaotisches Wesen. Aber nicht Misanthropie, sondern Trauer trägt die Erfahrung. Tolstoi belehrt den Leser, nicht seine Figuren. Dem Leser versperrt er dadurch das beruhigende Gefühl des Mitleids. Die Herbheit des Tons (Übersetzungen geraten dadurch oft zu trocken, was diesmal aber weitgehend vermieden wurde) zeigt, dass der Erzähler verstummt über der Macht des Bösen und des Todes, denen der Mensch ausgeliefert ist.

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