Die erste Stufe der Demut von Elisabeth Hauer, 2000, Literaturedition Niederösterreich1.) - 2.)

Die erste Stufe der Demut.
Roman von Elisabeth Hauer (2000, Literaturedition Niederösterreich).
Besprechung von Klemens Renoldner aus Rezensionen-online *LuK*, 2000:

Im Schatten von Stift Altenburg
Elisabeth Hauer erzählt Geschichte von unten

Für ihren jüngsten Roman hat die Wiener Schriftstellerin Elisabeth Hauer eine Fülle von Schauplätzen gefunden: die dunklen Stuben der niederösterreichischen Kleinhäusler, Ställe, Höfe und Felder zwischen den Dörfern an Kamp und Taffa, verschiedene Räume im Kloster Altenburg von Keller, Hof, Kirche, Bibliothek bis zur Prälatur, eine Mühle, nahe davon eine wundersame Flußbiegung, die kleine Herrschaft Wildberg, eine improvisierte Hütte an der Stelle eines versunkenen Dorfes und andere mehr. Auf vielerlei Wegen begegnen wir den Figuren dieses Buches, sie führen von einem Dorf zum nächsten, hinaus auf die Felder, zu verborgenen Treffpunkten, zur Arbeit ins Kloster und sie führen auch fort aus der engeren Heimat Niederösterreichs, nach Wien oder in die unbekannte Ferne.

Allen Schauplätzen dieses Romans ist eines gemeinsam: sie stehen in direktem oder indirektem Sinn im Schatten des grundherrschaftlichen Klosters. Als prunkvolles Repräsentationszentrum katholischer Macht thront es wie Kafkas dunkles Schloß über den Dörfern, fordert energisch Zehent und Robot der Bauern ein und übt als Zentrum der ganzen Region, auf das alle ringsum, nicht nur in ökonomischer Hinsicht verwiesen und angewiesen sind, eine große Faszination aus. Auf geheimnisvolle Weise führen alle Wege im Stift zusammen, sie verbinden in einem kunstvollen Geflecht die Geschichten, die die Autorin mit weit ausholender Geste höchst eindrücklich zu erzählen weiß.

Wer diesen Roman, der ein Stück österreichischer Geschichte des 18. Jahrhunderts aus der Perspektive des bäuerlichen Alltagslebens faßbar macht, liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Denn das an Details so überreiche Panorama der theresianischen und josephinischen Zeit, das in diesem Roman ausgefaltet wird, lebt von konkreten Biographien, nicht von abstrakten Erläuterungen zur regionalen Historie.

Ein bisher kaum gesehener Blick auf die abgeschiedene Welt der kleinen Bauern Niederösterreichs wird möglich. Das, was wir hier lesen, haben wir noch nicht gewußt, und wenn wir in Grundzügen über das Landleben im 18. Jahrhundert Bescheid gewußt haben, dann nimmt uns die Kraft der Darstellung schnell gefangen. Ein dunkles, schwermütiges, hartes und niedergedrücktes Leben wird hier geschildert. Frohsinn, Leichtigkeit des Lebens oder womöglich Glück sind selten erlebbar, Sorge, Mühsal, Krankheit und Tod prägen alle Lebensstationen. So viele früh verstorbene Kinder, so viel Schweigen zwischen Eheleuten, soviel stumme Verrichtung! Die Autorin setzt einen dunklen Mosaikstein nach dem anderen vor uns hin, bisweilen in unerwarteter Reihenfolge; doch dadurch weckt sie unsere Neugier, all den Verzweigungen ihrer Erzählung zu folgen.

Zwei Familiengeschichten halten die Fülle dieses Romans zusammen: Es sind die Geschicke von Elisabeth Leutgeb und Mathias Palt, 1759 und 1760 geboren, die den Hauptstrang des Romans bilden. Daß die beiden sehr spät, nach allerlei unglaublichen Verwerfungen und gegen alle sozialen Möglichkeiten dann doch noch ein Paar werden, hat nichts mit Kitsch oder der Sehnsucht nach einem happy end zu tun, wie überhaupt Beschönigung nicht die Sache der Autorin ist, im Gegenteil.

Im April 1759 kommt Mathias Palt im Dorf Frauenhofen als Sohn kleiner Bauersleute zur Welt. Johann, der Vater, weist das Kind ab. Er kann ohnehin kaum auf Menschen zugehen und mit diesem kleinen Balg will er nun gar nichts anfangen. Zudem läßt ihm die Mühsal der täglichen Fron wenig Zeit und Neugier für das Kind. Das wird sich in seinem ganzen Leben nicht ändern. Die Mutter, Maria Magdalena, gibt sich erdenkliche Mühe, Mathias trotz der endlosen Schufterei, die die bescheidene Wirtschaft erfordert, durchzubringen.

Durch die Vermittlung des Onkels, Abt Willibald Palt, kommt Mathias ins Stift Altenburg. Hier wird er nicht nur zur Gottesfurcht erzogen, von einem stupiden Klosterbruder Leander mit Gebets-Strafübungen gequält, er lernt auch Lesen und Schreiben. Die Geschichte des Klosters und die Vita des heiligen Benedikt ersetzen seine Schulbücher. Fran, der hilfreiche Laienbruder, der als Findelkind im Dorf aufgewachsen ist und dem Kloster für Hilfsarbeiten dienlich ist, wird sein treuester – und dem Leser bald vertrautester – Begleiter.

Aber dann stirbt der hilfreiche Willibald Palt im Alter von nur fünfzig Jahren, ein neuer Abt hält Einzug in der Prälatur, und der Erziehungsplan des Vorgängers wird kurzerhand aufgekündigt. Halbgebildet und belastet mit der überdrehten Vision seines Onkels, Mathias würde auch dereinst Abt im Kloster werden, wird das neunjährige Kind, das unter den Männern des Klosters ein Fremdling geblieben ist, wieder zurückgestoßen in die bäuerliche Welt.

Aber hier ist kein zu Hause zu finden. Die Eltern sind tot, und die zweite Frau des Vaters, die im bösen Dorftratsch verschrieene Faustina, die innnerhalb sehr kurzer Zeit zwei Mal Witwe geworden ist, will den Stiefsohn nicht bei sich aufnehmen. »Du hast hier nichts verloren. Du gehörst nicht mehr hierher«, sagt sie zu Mathias, der von Fran zum Elternhaus begleitet wurde.

Unvermutet verworfen aus dem Kloster, abgewiesen vom Hof seiner Kindheit, kommt Mathias vorerst bei seinem Großvater unter. Später wird er als Hilfsknecht des Klosterschäfers geduldet. In dem 34jährigen Schäfer Martin Kloibenstrunk, dessen jugendliche Vergangenheit schon von dubiosen Gaunereien überschattet ist, findet der 16jährige Mathias einen fremden Freund, der viel über Astrologie zu erzählen weiß, was den »Schüler« außerordentlich fasziniert.

Sehr zum Ärgernis der bäuerlichen Bevölkerung und der Grundherrschaft im Kloster lebt Mathias schließlich glücklich, aber anstößig genug, »in wilder Ehe« mit Eva, Faustinas Tochter, draußen in einer Hütte außerhalb der Dorfgemeinschaft. Eines Tages verschwindet Eva unvermutet mit dem Schäfer und kehrt nicht mehr zurück. Der geächtete Außenseiter hat nun auch noch den Spott zu ertragen.

Mathias freundet sich schließlich mit Elisabeth Leutgeb an, sie erwartet ein Kind von ihm, doch auch dieser Verbindung haftet der Makel des Asozialen an. Erst spät wird diese Beziehung legalisiert, Mathias kann am Hof der Leutgebs einziehen und nach dem Tod von Elisabeths Vater den Hof übernehmen. Jetzt erst kommt es, dank der Tüchtigkeit der beiden Bauersleute, zur sozialen Anerkennung im Ort, Mathias wird schließlich sogar Dorfrichter.

Nun wäre ebenso von den Geschichten der Eltern und Geschwister zu reden, von den Geschicken des Klosterbruders Fran und seiner verborgenen Liebe zur Müllerin Faustina, von Herrn Johann Gabriel von Selb auf Schloß Wildberg und seiner Lebensgefährtin Philomena, von Äbten, Gaunern und Soldaten. Elisabeth Hauer ist ihrer Chronistenpflicht aufs beste nachgekommen, das über 400 Seiten starke Buch beweist ihre schier unglaubliche Detailkenntnis. Der didaktische Zeigefinger ist der Autorin fremd, sie verspürt kein Bedürfnis, Thesen mit Moral zu unterlegen und zu illustrieren.

Dieser Roman macht ernst mit der Anstrengung, die uns nicht nur einige prominente französische Historiker so faszinierend vorgeführt haben, nämlich daß man Geschichte auch aus einem Blickwinkel von unten erzählen kann, ohne den gößeren Zusammenhang zu verlieren. Die Perspektive des Alltagslebens der kleinen Leute einzunehmen, die Biographien derer nachzuzeichnen, die doch schließlich die große Mehrheit eines Landes ausmachen, das wird von Elisabeth Hauer hier überzeugend versucht.

Dieser von Geschichten überbordende und mit so eindringlichem Atem gesteuerte Roman berührt nicht nur durch die Hingabe an die einzelnen Schicksale, sondern überzeugt auch durch die Schonungslosigkeit des Blicks, die Nüchternheit, mit der über mühselige Arbeit, Stummsein, Schinderei und Dreck, Krankheit, Hunger und Tod berichtet wird. Ja, sehr viele Menschen, viele Kinder sterben in diesem Buch, das uns durchaus ein düsteres, oft deprimierendes Bild dieser Zeit vor Augen hält. Die Konsequenz der Autorin verdient großen Respekt, sie pinselt keine verklärenden Bilder vom naturverbundenen Bauernglück.

An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, daß die vielen oft sehr ärgerlichen Korrektur- und Satzfehler die Lektüre des Buches nicht gerade erleichtern. Dabei könnte der Roman ein Heimatbuch der Niederösterreicher sein, denen ein Stück ihrer Geschichte begreiflich gemacht wird. Dies zählt umso mehr in einer Zeit, da das bäuerliche Leben im oberen Waldviertel so sehr an Bedeutung verloren hat.

Elisabeth Hauers Roman endet, als Mathias Palt seine Frau Elisabeth und seinen Bruder Hans verliert. Der älteste Sohn Josef führt nun den Leutgeb-Hof. Im Ausgedinge, wieder mit sich allein, liest Mathias, wie schon als Kind im Stift, seine Bücher. Manchmal, wenn er an den Klostermauern vorbeigeht und quer über die Felder streunt, erinnert er sich an den Bruder Fran, der ihm auch in den Zeiten, da er wie ein Ausgestoßener draußen im Gestrüpp hauste, Bücher aus der Bibliothek besorgte, obwohl es ihm strengstens verboten war.

So enthält dieser Roman, der sich gewissenhaft an der Historie und den Realien des bäuerlichen Alltags orientiert, zugleich auch ein großes Plädoyer für unsere Existenz in einer geistigen Welt, für die lebenserhaltende Kraft der Phantasie jenseits von physischem Ungemach. Er ist zugleich eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher, an die Ausstrahlung der Klöster, die trotz ihrer so widersprüchlichen Rolle Entscheidendes für die Entwicklung dieser anderen Welt beigetragen haben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1203 LYRIKwelt © Rezensionen-online

***

Die erste Stufe der Demut von Elisabeth Hauer, 2000, Literaturedition Niederösterreich2.)

Die erste Stufe der Demut.
Roman von Elisabeth Hauer (2000, Literaturedition Niederösterreich).
Besprechung von Angelika Gayer aus Rezensionen-online *Sz*, Juli 2001:

Elisabeth Hauer erzählt in ihrem Roman das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts im bäuerlichen Milieu.
Hauptfigur ist Johannes Polt, ein Bauernsohn, dem es durch einige Zufälle und viele Rückschläge gelingt, das Leben eines reichen Bauern zu führen, und sogar Dorfrichter wird.

Die Geschichte des Johannes Polt ist mit vielen Handlungen und Ereignissen um Personen aus seinem Umfeld verwoben. Verwirrungen, Gerüchte, geheime Liebschaften, das alles hat die Autorin so kunstvoll wie erfolgreich in ihr Werk verpackt. Das Leben des josefinischen Wien bzw. Niederösterreich wird "originalgetreu" und zugleich aus der Distanz der historischen Vogelperspektive geschildert. Bigotterie, falsche Frömmigkeit, der Machtmissbrauch des Adels und der Geistlichkeit, die groteske Großbürgerlichkeit der "Haupt- und Residenzstadt Wiens", und nicht zuletzt die Figur des Joseph II. werden perfekt bis ins kleinste Detail auf subtiler Ebene herausgearbeitet.

Auch auf sprachlicher Ebene herrscht Subtilität gepaart mit Komplexität vor. Die Handlung rast aufgrund der Dichtheit der Sprache dahin. Immerhin werden fast vierzig Jahre in mehreren Erzählsträngen dargestellt.

Der Roman verliert durch wechselnde Erzählperspektiven nie an Lebendigkeit. Jede einzelne Figur wirkt mit ihren Eigenschaften und ihrer tiefen Gefühlswelt wie eine feine Holzschnitzarbeit. Ebenso verhält es sich mit der Beschreibung der Landschaft und des damaligen Wiens. Hauer gelingt die Gratwanderung zwischen hochwertiger Literatur und klischeehafter Schilderung einer legendären Epoche Österreichs. Die Mühe der Recherchen und das aufwendige Nachforschen in Archiven kann der Leser/die Leserin nur erahnen. Ein Höhepunkt der Handlung ist nicht unbedingt festzustellen. Es gibt laufend Wenden in den Familien- und Lebensgeschichten. Das Ende des Romans wäre als Höhepunkt passend, denn die erste Stufe der Demut, zugleich Hauptthema, wird erst gegen Ende des Buches erreicht. Insgesamt ein sehr wertvolles Werk, für das man sich unbedingt Zeit nehmen muss!

Elisabeth Hauer wurde in Wien geboren, studierte Germanistik und Romanistik. Seit 1981 ist sie als freie Schriftstellerin tätig.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks-Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 0310 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rezensionen-online