Die erste Person von Ali Smith, 2009, LuchterhandDie erste Person.
Roman von Ali Smith (2009, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 14.11.2009:

Ali Smith schreibt über "Die erste Person"
Kurzgeschichten mit langem Nachhall - die schottische Autorin Ali Smith denkt in ihrem aktuellen Buch "Die erste Person", schreibend über die Seele der Short Story nach. Dabei ist die Autorin auf der Höhe ihrer Kunst.

„Kurzgeschichten wollen lang sein.” So beginnt eine, die dann doch nicht lang ist, in der aber viele Geschichten stecken. Der aufreizende zweite Satz nämlich – „Diese handelt von zwei Menschen, die gerade zum ersten Mal miteinander ins Bett gegangen sind” – führt umstandslos zu Passagen über Reisende, die im Ferienort bestohlen werden oder zu einer Frau, der des nachts ihre Schwiegermutter erscheint oder zu einem Mann, der eine Katze verscheucht. Was sie eint? Die dritte Person. „Die dritte Person ist ein weiteres Augenpaar. Die dritte Person ist eine Vorahnung von Gott. Die dritte Person ist eine Möglichkeit, die Geschichte zu erzählen.”

Die dritte Person

„Die dritte Person” ist eine Kurzgeschichte von Ali Smith und typisch für sie: in ihrer Reflexion von Sprache und Schreiben, im Aufflackern des Irrealen, im scharfen Blick aufs Zwischenmenschliche. Oder: in der Aufzählung des Möglichen und des Auch-Möglichen – so lautet der englische Titel eines ihrer Bücher „Other stories and other stories”, andere Geschichten und andere Geschichten. Ali Smith, 1962 in Schottland geboren, lebt mit ihrer Partnerin in Cambridge, lässt sich aber weder in diese noch in die Short-Story-Schublade stecken: Ihre Romane wurden mehrfach für den Booker Prize nominiert, auf Deutsch erschienen bisher „Die Zufällige” und der großartige Reigen „Im Hotel” – leider eher unbemerkt als Taschenbuch. Der vorliegende Band ist nun auch der in England aktuelle, Ali Smith zeigt sich hier auf der Höhe ihrer Kunst.

Die Erzählungen arbeiten hin auf die eine, die Titelgeschichte: „Die erste Person”; sie nehmen dabei Umwege über ein im Einkaufswagen gefundenes Baby, ein Kino ohne Notausgänge, einen Streit über Beethovens Fidelio. Nachdem die Geschichte „Die zweite Person” beginnt mit einem „Du” („Du bist schon was Besonderes. Doch, bist du.”), hätten wir in „Die erste Person” ein „Ich” erwartet. Wir bekommen ein Augenzwinkern: die Geschichte eines hinsichtlich des Alters ungleichen Paares (dessen Gleich- oder Gegen-Geschlechtlichkeit, wie stets, offen bleibt). Wir bekommen trotzig hingeworfene, wiederaufgehobene Gefühle: „Du bist nicht die erste Person, die je an meine Tür geklopft hat. Nicht die erste, die mich zum Lachen gebracht hat. Du bist nicht die erste Person Punkt. Aber du bist sie jetzt.” Eine Kurzgeschichte, die lang ist – im Nachhall.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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