Die Erstausgaben der Gefühle von Paul Nizon, 2002, Suhrkamp1.) - 2.)

Die Erstausgaben der Gefühle.
Journal 1961-72 von Paul Nizon (2002, Suhrkamp, hrsg. von Wend Kässens)
Besprechung von Sascha Michel in der Frankfurter Rundschau, 10.10.2002:

Bücher, die noch zu lesen sind
Paul Nizon mit seinem Tagebuch zu Gast im Literaturhaus

Während der Buchmessenwoche kommen immer auch die im Literaturbetrieb weniger präsenten Autoren nach Frankfurt, die es immer wieder neu zu entdecken gilt. Paul Nizon, der im Literaturhaus sein Journal 1961 - 1972 mit dem wunderbaren Titel Die Erstausgaben der Gefühle (Suhrkamp) vorstellte, ist so einer: Während Nizon in seiner Wahlheimat Frankreich zu den wenigen anerkannten deutschsprachigen Autoren zählt, wird er in Deutschland kaum wahrgenommen.

Schon das Genre des Tagebuchs mit seinen Beobachtungsskizzen und Werkstattberichten ist nicht gerade dazu angetan, die Plotsüchtigkeit einer großen Leserschaft zu bedienen. Zwar handelt das Journal von nichts weniger als der existenziellen Krise des jungen Autors nach der völligen Ablehnung seines 1963 erschienenen Canto. Aber ganz im Sinne der in Canto formulierten Poetik gab es auch bei dieser Lesung von Nizon wieder einmal "keine Geschichte, keine Fabel, keinen Faden". Statt dessen: "Nur diese Schreibpassion in den Fingern. Schreiben, Worte formen, reihen, zeilen, diese Art von Schreibfanatismus ist mein Krückstock, ohne den ich glatt vertaumeln würde."

Wer sich auf diesen wuchernden Schreibfanatismus einließ, konnte sich zurücklehnen und dem Rausch(en) von Nizons Sprache überlassen. Natürlich tauchten auch immer wieder Wirklichkeitssplitter, großartige Bilder und Rudimente von kleinen Geschichten auf oder auch eine sprachgewaltige Verdammung von Häusern als monströsen "Stagnationskammern", die über Generationen hinweg immer neue Menschen verschlingen und in die man zieht, um darin allen Lebensmut an die Macht der Institution zu verlieren.

Und natürlich sprach Nizon auch über die Liebe: als "Einbruch" zweier Existenzen ineinander und als Wunder plötzlicher Freiheit. Es ist diese Freiheit, die die Liebe mit dem Schreiben verbindet, um das sich auch im neuen Buch von Nizon alles dreht. Immer wieder kam er auf das für ihn Elementare zu sprechen: auf die eigene Existenz als Schriftsteller, die Kunst, die von der Kunst kommt, auf die notwendige "Stafettenübergabe" literarischer Ahnen, auf die Bücher, die noch zu lesen sind, auf die eigenen "Buchgeburten" und die "obligate Leere" danach.

Im Zentrum der Lesung stand die Selbstvergewisserung eines Autors, für den Weiterleben vor allem bedeutet: immer weiter zu schreiben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 1002 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Die Erstausgaben der Gefühle von Paul Nizon, 2002, Suhrkamp2.)

Die Erstausgaben der Gefühle.
Journal 1961-72 von Paul Nizon (2002, Suhrkamp, hrsg. von Wend Kässens)
Besprechung von Niklaus Grubenmann in Rezensionen.ch, 2003:

Der Fall "Nizon"

Paul Nizons Journal Die Erstausgaben der Gefühle sammelt Notizen, Skizzen und Briefe aus den Jahren zwischen 1961 und 1972. In diesen Jahren erscheint auch Nizons erster Erzählband Die gleitenden Plätze und sein Roman Canto. Canto wurde, im Gegensatz zu dem Erzählband Die gleitenden Plätze, von der Kritik vernichtend aufgenommen. In einer Zeit der politischen Durchdringung der Lebensbereiche stieß ein Roman wie Canto, der "keine Meinung, kein Programm, kein Engagement" zu bieten hatte, auf Unverständnis. Vieles in dem Journal ist eine Reaktion auf das Unverständnis und eine Art der schriftstellerischen Rechtfertigung. Im Eintrag vom 28. Dezember 1963 heißt es: "Gestern Frisch getroffen: Hatte den Eindruck, dass er zu meinem Begräbnis gekommen war. Er hatte sich einige Tage in Zürich über den "Fall Nizon" informieren lassen, hatte festgestellt, dass ich es fertiggebracht habe, sehr viel Missgunst, Hohn, Unwillen auf mich zu ziehen. Ich fragte ihn, wie er die jetzige Situation des Canto beurteile. Er meinte, das Buch sei nicht untergegangen, nicht begraben, aber sehr mit Fragezeichen belastet, mit Infragestellung."

Das Journal ist der Versuch, sich entgegen der Infragestellung eine schriftstellerische Existenz zu ermöglichen. Skizzenhaft und auf einer sehr persönlichen Ebene kreisen die Einträge um die Problematik, welche Nizon später in seiner Essaysammlung Diskurs in der Enge vorbringen wird: Das Verhältnis der Schweiz zu seinen Künstlern. Im Eintrag vom 6. Juni 1969 heißt es zu dieser Schweiz: "Die Schweiz kann man als Avantgarde auffassen, insofern sie etwas vorwegnimmt, was dem ganzen westlichen Europa blüht: die Einübung in den Tod. Hier ist das Licht des Lebens schon lange erloschen, hier hat man schon lange Übung darin, lebend tot, das heißt ohne Zukunft zu sein, das heißt nur im eigenen Materialismus zu zersetzen und zu verwesen. Das heißt ohne Hoffnung und doch dick zu sein und hoffärtig und dünkelhaft."

Wer sich in Nizons Werk etwas auskennt, wird in diesem Journal viele Anspielungen und Verweise zu seinen Romanen und Erzählbänden finden. Auch gewährt das Journal Einblicke in die Arbeitsweise des Schriftstellers. Nizon selbst nennt das Journal ein Laboratorium: "Ich möchte darauf bestehen, dass ich ein Laboratorium unterhalte, eigentlich ein "Untersuchungslaboratorium", wie es mein Vater hatte. Es ist dasselbe, wenn er auch Chemiker war. Ich untersuche. Wie er." Das "Untersuchungslabor" bringt mit sich, dass das Journal sehr direkt und unvermittelt aus dem schriftstellerischen Alltag Nizons berichtet (dazu tragen auch die verschiedenen Briefe bei). Andererseits ist in einem Laboratorium der eine oder andere Versuch zum Scheitern verurteilt zudem wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, dass der Text etwas gar schnell durch das Lektorat gegangen ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen.ch]

Leseprobe I Buchbestellung 0304 LYRIKwelt © Niklaus Grubenmann