Die Erlöser AG von Björn Kern, 2007, BeckDie Erlöser AG.
Roman von Björn Kern (2007,
Beck).
Besprechung von Janko Ferk in Die Presse vom 15.5.2010:

Altes Herz wird wieder jung
Björn Kern über den etwas anderen Vater-Sohn-Konflikt.

Björn Kern beschäftigt sich in seiner Literatur, so scheint's, mit Grundfragen, wenn nicht gerade der Menschheit, so doch der Menschen. Waren es in seinem „Erlöser-AG“-Roman (2007) noch die Ratlosigkeit und Unwissenheit in konvergenten Bereichen von Recht und Medizin, so behandelt er jetzt „Das erotische Talent seines Vaters“ und berührt Probleme der Liebe, bleibt aber auf literarischer Distanz zu den Sinnenfreuden. Jedenfalls ist er nie anzüglich oder zotig, womit gleich auf die Qualität des Buches hingewiesen werden soll. Mag sich der porträtierte Vater, wie der Autor meint, auch verhalten, „als durchlebe er seine zweite Pubertät“, Kern selbst hat die schriftstellerische Reifezeit offenbar erfolgreich hinter sich.

Philip, der Ich-Erzähler, hält Jakob, seinen Vater, für unfair, zumal er ihm die Pubertät gleichsam erspart habe. Nun aber müsse er sie mit dem Älteren durchleben. Philip kommt aus Berlin, um angeregte Tage am Bodensee zu erleben. Der Besuch erweckt jedoch den Eindruck von Beobachtung beziehungsweise Kontrolle und beginnt eher problematisch. Jakob hätte Philip vom Zug abholen sollen, was er vergessen hat.

Nach diesem ersten stellt der Vater den Sohn noch vor weitere Rätsel. Die sechzig hat er weit überschritten, aber es „schien, sein Alterungsprozess stagniere“. Er wirkte, „als würde er gar wieder jünger werden“. Jedenfalls war seine Virilität für den Jüngeren erschreckend, der Ältere war durchtrainiert, mit einer „beeindruckenden schwarzen Lockenpracht gesegnet“ und konnte sich der Belagerung durch Frauen kaum erwehren. „Ich werde verfolgt!“, meinte er, und zwar von den Gegnerinnen Alma und Karen, die „Angelhaken nach ihm auswürfen“, weshalb er „Angst hatte, zappelnd zu ersticken“.

Wie auch immer, Philip macht sich um seinen Vater Sorgen, zumal er nicht weiß, weshalb er so fit ist, wo er sich nächtens herumtreibt, und ob er gar Drogen nimmt. Seine Medizinen sind andere. Sie haben zwei Beine und laufen, wie erwähnt, hinter ihm her, was er männlich-geziert, aber erfolglos ablehnt.

Zweite Pubertät des Vaters

Apropos Erfolg, Björn Kern kann schreiben, nämlich farbig und unterhaltsam, sogar spannend und augenzwinkernd, wenn er die bürgerliche Welt, in der der Vater in die Pubertät gerät, verkehrt und so eine aktuelle Variante des nicht umzubringenden Vater-Sohn-Konflikts darstellt, um nichts anderes als die große Zuneigung zwischen ihnen zu artikulieren. In Kerns Buch macht sich nicht der verantwortungsvolle Vater Sorgen um den Sohn, sondern beunruhigt der späte Selbstverwirklichungstrieb des Erzeugers den Jüngeren, der angepasst und werktätig in der Hauptstadt lebt.

Kerns Buch ist – neben dieser Elternproblematik – über weite Strecken naturalistische Beschreibungsliteratur, heutig gewürzt mit Mittelmeerkulinarik, die der dritte Held des Buches, der Dottore, genannt Dotto, aufkocht und auftischt, und zwar so, als stünden ihm „alle acht Arme eines Tintenfischs zur Verfügung“. Der Roman des jungen Schriftstellers ist eine interessante „Mischung aus Nachlässigkeit und Eleganz“ und hat nicht nur in Dottos Gerichten „kulinarischen Tiefgang“. Bemerkenswert sind die – bisher eher unbekannten – Lösungskomponenten für einen Vater-Sohn-Konflikt.

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