Die Erinnerungen sehen mich von Tomas Tranströmer, 1999, HanserDie Erinnerungen sehen mich.
Biografie von Tomas Tranströmer (1999, Hanser - Übertragung Hanns Grössel).
Besprechung von Dorothea von Törne aus Die Welt, 12.6.1999:

Fallschirmsprünge aus Träumen
Tomas Tranströmer erinnert sich an Kindheit und Jugend in Stockholm

So kannten wir den schwedischen Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis noch nicht: balancierend zwischen Witz und Transzendenz. Wie er die Methode entwickelt, sich in einen leblosen Fetzen zu verwandeln. Wie er als Tagträumer eine Expedition quer durch Zentralafrika leitet, ohne auch nur einen Fuß auf den Kontinent zu setzen. Wie er Schmetterlingen und Käfern nachjagt und eine Bibliothek bevorzugt, nur weil dort die Bücher in die Dämpfe und Geräusche einer nahen Badeanstalt gehüllt sind. Lauter Welteroberungen, Überlebensstrategien und Schärfungen der Sinne für das spätere Lebenswerk.

Der 1931 geborene Tomas Tranströmer hat sich mit zehn Gedichtbänden nachhaltiger in die moderne Weltpoesie eingeschrieben als sein Landsmann Lars Gustafsson. Seine acht nüchtern und präzise auf prägende Kindheitserlebnisse beschränkten autobiographischen Miniaturen geben Aufschluß darüber, wieso das Ich in Tranströmers Versen immer wieder frei und unverletzt aus labyrinthischem Dunkel hervortritt. Alle Erfahrungen der Kindheit und Jugend - vom fünften Lebensjahr bis zum jungen Mannesalter - bieten sich dar als unsentimentales Erinnerungskonzentrat, das auf die Quellen und Grundmuster seiner Poesie weist.

Einen Alptraum durchlebt der Fünfjährige in einer Stunde der Einsamkeit und Panik, da er in Stockholm der Mutter auf dem Nachhauseweg von einem Konzert abhanden kommt und dennoch, wie von einem "geheimnisvollen Kompaß" geleitet, heimfindet. Geborgenheit und Stolz sind die frühesten Grunderlebnisse und Gefühle, aus denen der Autor später Verse entwickeln sollte, die wie tröstliche Haltepunkte in allen Wirrnissen wirken.

Durch ein "Purgatorium" geht er als 15jähriger einen Winter lang. Er überwindet Angst, Entsetzen und Grauen bei totaler innerer Isolation und nennt es seine wichtigste Erfahrung. Von hier aus erschließt sich die intensive Wirkung von Gedichten wie "Das Licht strömt herein" oder die befreiende Atmosphäre transzendenter Lichtgestalten in "Romanische Bögen".

Zwischen der ersten Todeserfahrung und den ersten Gedichten 1948 entfalten sich die Seelenräume des Autors. Der Elfjährige durchstreift als Biologe und Sammler das Naturhistorische Reichsmuseum. Als Kind geschiedener Eltern durchlebt er Außenseiterängste und entwickelt Strategien zur Erhaltung seines Selbstwertgefühls. Während des Zweiten Weltkriegs zeigt er politischen Instinkt und nötigt seine Mutter, die Lehrerin, zu demonstrativen Bekenntnisgesten.... Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.diewelt.de]

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