Die
Erfindung des Lebens.
Roman von Hanns-Josef
Ortheil (2009, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Ingeborg Jaiser aus dem titel-magazin
vom 2.11.2009:
Unordnung und frühes Leid
Ein stummer, von familiären Traumata geprägter Junge findet
schrittweise aus seiner quälenden Isolation heraus. Hanns-Josef Ortheil hat mit
diesem berührenden Entwicklungsroman den literarischen Höhepunkt seines
weitreichenden Oeuvres gesetzt.
Köln in den frühen 50er-Jahren. Ein kleiner Junge verkriecht sich in dem langen,
dunklen Flur einer Mietwohnung, beschäftigt sich mit den immer gleichen
Ballspielen und beobachtet dabei stets aus den Augenwinkeln heraus die stille,
meist mit Lektüre beschäftigte Mutter. Einmal pro Tag begleitet er sie hinaus
ins Leben, zu kleinen Besorgungen in den umliegenden Läden und zu unliebsamen,
eher alibihaften Besuchen des nahen Kinderspielplatzes. Dabei kleben Mutter und
Kind in ungewöhnlicher Symbiose aneinander: Ihre Stummheit verbindet sie
tiefgreifend und scheinbar unabänderlich.
Hüter der Mutter
Die Mutter ist am Tod ihrer vier Kinder emotional zugrunde gegangen und hat die
Sprache verloren, nachdem der zweitgeborene Sohn durch einen verirrten
Granatsplitter kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in ihren Armen gestorben
ist. Johannes – ein Einzelkind mit vier toten Geschwistern – imitiert als
kleiner Junge instinktiv das Verhalten der ihm nahe stehenden Person. Ein früher
Beschützerinstinkt und eine schier unglaubliche Empathie verbinden ihn mit der
schwer traumatisierten Mutter. Und da der Vater als Geodät den ganzen Tag außer
Hause verbringt, schultert der kleine Johannes die schwere Last, Begleiter und
Hüter seiner kranken Mutter zu sein.
Diese enge Verbindung wird erst durch die Einschulung des Jungen gekappt. Doch
seine Stummheit und sein scheinbarer Autismus passen nicht in den normierten,
geschlossenen Klassenverband. Der „Idiot“ hat gefälligst in der letzten Reihe zu
sitzen. Erst als Johannes von der Schule fliegt, heckt der sonst sehr
zurückhaltende Vater einen ungewöhnlichen Plan aus. Er lässt sich für einige
Monate beurlauben und zieht mit seinem Sohn in die ländliche Region des
Westerwalds. Dort besitzt die Familie väterlicherseits eine Gastwirtschaft mit
Bauernhof. Fernab der verhassten Großstadt, geschult durch befreiende
Naturerlebnisse, blüht Johannes sichtbar auf. Und siehe da: Ein durch den Vater
entwickeltes, individuelles Lernverfahren bringt dem Jungen Schritt für Schritt
das Reden nahe. Als die Mutter im Herbst zu Besuch kommt, hat sich nicht nur ihr
Sohn gewaltig weiterentwickelt – auch sie selbst findet ihre Sprache wieder.
Drama des begabten Kindes
Da sich Johannes mittlerweile als begnadeter Klavierspieler erwiesen hat, wird
ihm der Besuch eines Musikinternats im Süden Deutschlands empfohlen. Doch auch
hier scheitert das begabte, aber immer noch gehemmte und emotional
eingeschränkte Kind. Die erzwungene Nähe zu seinen Mitschülern stellt eine für
ihn unüberwindbare Einschränkung dar. Schließlich beendet Johannes seine
Schulzeit in Köln und verbringt danach einige Zeit in Rom. Die italienische
Hauptstadt ist es auch, die den inzwischen über Fünfzigjährigen zu einem
Rückblick und zum Festhalten seiner Lebensgeschichte veranlasst. Diese
Rahmenhandlung stellt auch die umfassende Klammer des weit angelegten Romans
dar.
Eindringliche Bilder
Zehn Jahre hat Ortheil an seinem Meisterwerk geschrieben. Und man kann vermuten,
dass es ihm nicht immer leicht gefallen ist. Selten war eines seiner Bücher so
schonungslos authentisch und autobiografisch angelegt wie dieses. In einem
Interview gesteht Ortheil gar, dass ihm das Heraufbeschwören der düsteren
Vergangenheit stellenweise so nahe ging, dass er sich übergeben musste. Doch der
Leser wird von einer behutsamen, tastenden, aufrichtigen Sprache durch die
Geschichte geleitet. Vollkommen unprätentiös und in klarer Offenheit entstehen
Bilder und Szenen, deren Eindringlichkeit geradezu filmischen Charakter hat. So
wirkt das Buch wie ein langer, überdeutlicher, letztendlich sehr versöhnlicher
Traum – aus dem man nur ungern erwacht.
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