Die Erdbeeren von Antons Mutter von Katharina Hacker, 2010, S. Fischer1.) - 3.)

Die Erdbeeren von Antons Mutter.
Novelle von Katharina Hacker (2010,
S. Fischer).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 18.5.2010:

Katharina Hacker schreibt übers Vergessen
Katharina Hacker erinnert in ihrer Novelle „Die Erbeeren von Antons Mutter“ an das Vergessen. Die Autorin erzählt von Menschen, die aus dem Alltag gefallen sind, die keinen inneren Halt mehr finden.

Die Erdbeeren von Antons Mutter wachsen auf einem Acker unweit ihres Hauses in Calberlah, jedes Jahr kocht sie Marmelade daraus und verschickt sie: an ihren Sohn Anton in Berlin, an ihre Tochter Caroline in den USA, als Erinnerung an familiäre Wurzeln. In diesem Jahr aber vergaß sie, Erdbeeren zu pflanzen. Und deshalb steht Sohn Anton auf dem Feld, mit kleinen Sträuchern in Plastiktöpfchen. Steht vor der Frage: „Ob es richtig war, mit einer Lüge jemanden zu trösten oder glücklich machen zu wollen?” Er setzt die Erdbeeren. In der Hoffnung, seine Mutter vergäße ihre Vergesslichkeit.

Hacker erzählt von Menschen, die aus dem Alltag gefallen

Erinnern wir uns (was bisher geschah): Anton kennen wir bereits aus Katharina Hackers Roman „Alix, Anton und die anderen” um vier kinderlose, karrieregeknickte Mittvierziger in Berlin. Die nun erschienene Novelle schließt daran an. Nun also ist Anton verliebt in Lydia; diese hat eine Tochter, Rachel, von einem Mann namens Rüdiger. Der war einst Fremdenlegionär; er und sein ehemaliger Mitsoldat Martin halfen Lydia aus der Alkoholsucht. Seither verfolgt Martin Lydia, die er noch weniger aus dem Kopf bekommt als seine traumatischen Nahkampferfahrungen. Am Ende steht Martin, das Hirn voll mit Vergangenem, auf dem Erdbeerfeld vor Antons Mutter, die an nichts mehr denkt. Auch nicht daran, die Erdbeeren vor Schnecken zu schützen.

Katharina Hacker erzählt von Menschen, die aus dem Alltag gefallen sind, die keinen inneren Halt mehr finden und daher den Unwahrscheinlichkeiten des Lebens ausgeliefert sind. Das Vergessen ist da nur ein weiterer Aspekt ihrer Entwurzelung. Erinnern wir uns (was bisher geschrieben wurde): von Urs Widmers „Paradies des Vergessens” und Martin Suters „Small World” über US-Jungstars (Stefan Merrill Block) oder Krimi-Altmeister (Henning Mankell) bis hin zur Bestsellerin Katharina Hagena. Die jüngere Literatur hat sich bewahrend, festhaltend, einer Volkskrankheit entgegengestemmt. Einem Leiden, vor dem alle gleich sind - selbst Walter Jens und Iris Murdoch, deren Angehörige ihr Schicksal schilderten.

Nichts wird verdeckt

Die Schriftsteller haben Innensichten simuliert, die Angehörige trösten können. Haben den Menschen beschrieben als Summe seiner Erinnerung. Haben Metaphern gefunden für das Verschwinden. „Es schneit in meinem Kopf”, so heißt eine Anthologie, in der Autoren wie Peter Stamm, Judith Kuckart, Arno Geiger, Ulrike Draesner an das Vergessen erinnern. Wie Schnee fiel auch in Katharina Hagenas Roman „Der Geschmack von Apfelkernen” eine unnatürliche, sommerliche Apfelblüte im Garten der Großmutter herab.

Bei Katharina Hacker aber fällt kein Schnee von gestern, wird nichts gnädig verdeckt; hier zeigt sich die brutale, eigensinnige Qualität der Autorin. „Ihre Gedanken glitten nicht ab, sie stolperten nicht, es war eher, als berührte sie etwas, das nachgab und sich dabei auflöste”, beschreibt Hacker das Leiden von Antons Mutter: „Die Berührung war unangenehm wie die mit einer faulen Stelle an einem Apfel, der makellos aussah.” Ein Satz, der in Erinnerung bleibt.

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Die Erdbeeren von Antons Mutter von Katharina Hacker, 2010, S. Fischer2.)

Die Erdbeeren von Antons Mutter.
Novelle von Katharina Hacker (2010,
S. Fischer).
Besprechung von Dorian Waller in Der Standard, Wien vom 17.7.2010:

Am Ende bleibt das Dunkel
Über die allmähliche Verflüchtigung der Gedanken: Katharina Hackers meisterhafte Novelle „Die Erdbeeren von Antons Mutter“

Streitigkeiten mit ihrem alten Verlag Suhrkamp dominierten in den letzten Monaten die Berichterstattung über die in Berlin lebende Autorin Katharina Hacker. Auslöser war die gegen den Willen Hackers erfolgte Veröffentlichung ihres letzten Romans Alix, Anton und die anderen. Dieser sollte bei einem neuen Verlag erschienen, als Auftakt einer der Trägerin des Deutschen Buchpreises (für Die Habenichtse, 2006) überaus wichtigen Trilogie. Suhrkamp hatte jedoch auf eine Veröffentlichung im eigenen Haus bestanden und das in einem zweispaltigen Parallelstil verfasste Werk in ein Layout umformatiert, das von Hacker rundum abgelehnt wurde.

Mit Die Erdbeeren von Antons Mutter ist diese unschöne Geschichte zum Glück endgültig Vergangenheit. Katharina Hacker ist mittlerweile beim Fischer-Verlag heimisch geworden, der zweite Teil ihrer Trilogie über einen Freundeskreis von Berliner Mittvierzigern soll noch im Laufe dieses Jahres erscheinen. Bevor es so weit ist, legt die gebürtige Frankfurterin aber noch die wunderbare Novelle über Anton, seine Mutter und ihren Erdbeeracker vor. Dabei handelt es sich um einen kleinen Seitenstrang des Erzählgeflechts um Alix, Anton und die anderen. Hacker bedient sich zwar großteils ihrer bereits bekannten Figuren, ihre neue Geschichte soll aber ganz für sich selbst stehen und setzt dementsprechend auch keine Kenntnis des letzten Romans voraus.

Schmelzen und entgleiten

Der im Zentrum der Erzählung stehende Anton ist Arzt in Berlin-Kreuzberg und gerade frisch in die vor seine Füße geradelte Lydia verliebt. In ihr, die bereits eine kleine Tochter hat, sieht er nur allzu gerne sein zukünftiges Glück einer eigenen Familie. Zwei höchst unterschiedliche Wolken trüben jedoch Antons Heiterkeit. Bei der einen handelt es sich um Lydias Vergangenheit, einer nie näher definierten Mischung aus Depression und Alkoholismus, aus der sie erst ein gewisser Rüdiger, ehemaliger Fremdenlegionär und späterer Vater ihres Kindes, befreien konnte. Die zweite Wolke betrifft Antons „alte" Familie: die fortschreitende Demenz seiner Eltern.

Jedes Jahr hatte Antons Mutter Erdbeeren gepflanzt, um später Marmelade aus dem niedersächsischen Calberlah nach Berlin zu schicken. Als sie dieses Jahr auf das Aussetzen der Beeren vergisst, beschließt Anton, diese heimlich selbst zu pflanzen und seine Mutter glauben zu lassen, dass die Dinge ihren gewohnten Gang gehen. Doch wie der Geist der alten Frau allmählich von einem dunklen Nebel verschluckt wird, so droht auch ein riesiger Schneckenschwarm die Erdbeerernte mit langsamer Unerbittlichkeit zu vernichten. Mitunter wirken Hackers Versuche, Beschreibungen des zunehmenden Erinnerungs- und Persönlichkeitsverlusts in immer neuen poetischen Bildern des Schmelzens, Entgleitens, Verdunkelns auszudrücken, etwas gekünstelt. Dennoch vermag die Novelle mit ihrer kunstvollen Bauweise zu beeindrucken und gleichzeitig emotional zu berühren. Mit dem reichen Figurenpersonal ihres Berliner Mikrokosmos gelingt es der Autorin, auf knappem Raum eine überaus lebendige Welt, voller kleiner Nebenepisoden, entstehen zu lassen, die nie konstruiert wirken und zugleich im Dienste einer großen Geschichte von Prägung, Lebensentwürfen und der finalen Dunkelheit stehen.

Mit immer größerer Vehemenz schiebt sich beispielsweise Martin, der Freund Rüdigers, in die Erzählung. Aus der Fremdenlegion zurückgekehrt, findet er sich in der Heimat nicht mehr zurecht. Nachdem Lydia den erotischen, aber mit einer Aura des Gefährlichen umgebenen Rüdiger aus ihrem Leben verbannt, macht es sich Martin zur Lebensaufgabe, die von ihm ebenfalls Verehrte zu beschützen. Nach einer veritablen Stalking-Karriere wird er am Ende der Novelle mit Antons Mutter am Erdbeeracker stehen - und nicht nur in ihren Augen ein anderer als noch kurz zuvor sein.

Dass einiges offen oder - wie Lydias Vergangenheit - im Dunkeln bleibt, stört in diesem Fall nicht, sondern steigert vielmehr die Freude auf Hackers nächsten Roman über Anton und Konsorten. Die Erwartungen sind groß.

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Die Erdbeeren von Antons Mutter von Katharina Hacker, 2010, S. Fischer3.)

Die Erdbeeren von Antons Mutter.
Novelle von Katharina Hacker (2010,
S. Fischer).
Besprechung von Wolf Peter Schnetz in den Nürnberger Nachrichten vom 3.08.2010:

Am Ende bleibt die Illusion
Katharina Hackers neuer Roman dreht sich um Demenz

In der Erzählung „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ beschreibt Katharina Hacker die fortschreitenden Anzeichen von Demenz

„Die Wahrheit war eine unangenehme Nachricht. Die Wahrheit war, was man nicht wahrhaben wollte“, heißt es in der neuen Erzählung von Katharina Hacker, mit der sie – nach einem Verlagswechsel von Suhrkamp zu Fischer – ihren Erfolgsroman vom Herbst 2009 „Alix, Anton und die anderen“ fortsetzt. Der 43-Jährigen gehen viele Vorschusslorbeeren voraus: Unter anderem hatte sie 2006 den Deutschen Buchpreis für den Roman „Die Habenichtse“ bekommen. 15 Jahre hatte sie für den Suhrkamp Verlag als Übersetzerin (aus dem Hebräischen) und als Autorin gearbeitet. Als sie dann aber die typographische Vorstellung entwickelte, ihre neuen Bücher zweispaltig zu setzen, sodass beim Lesen ein Springen bei parallelen Erzählhandlungen möglich wird, kam es zum Bruch. Der Verlag bestand auf einem Druck in herkömmlicher Form, die nun auch S. Fischer übernommen hat. Als Leser registriert man es dankbar. Der Leser ist geschult genug, um unterschiedliche Erzählstränge richtig einordnen zu können, auch wenn sie nicht direkt nebeneinander stehen.

Erdbeer-Marmelade

Der Titel gibt zunächst Rätsel auf: „Erdbeeren für Antons Mutter“. Welcher Erkenntnisgewinn könnte damit verbunden sein? Die Auflösung liest sich einfach. Am Rand eines Provinzstädtchens besitzt die Familie Weber einen großen Garten. Dort pflegte Hilde Weber, die Mutter in dieser berührenden Familiengeschichte, alljährlich Erdbeeren zu pflanzen, um ihrem Sohn, einem jungen Arzt in Berlin, dann Marmelade zu schicken. Ein schlichtes Ritual. Ernst wird es, als die Mutter zum erstenmal die jährliche Gewohnheit vergisst, ohne selbst etwas davon zu bemerken. Sie ist überzeugt, nichts habe sich verändert.

Als Anton auf Umwegen vom Malheur erfährt, übernimmt er die Pflanzaktion, ohne seine Mutter zu „erinnern“. Er lässt sie in dem Glauben, sie habe alles richtig gemacht. Die Wahrheit behält er für sich. Hier stellt sich eine Schlüsselfrage: Können Lügen bei der Bewältigung einer Krankheit helfen?

Katharina Hacker bietet keine Lösung an. Sie schiebt die Katastrophe hinaus. Erschwerend kommt hinzu, dass auch der Vater bereits an Demenz erkrankt ist. Er will davon nichts wissen. In der Not wird Antons Schwester Caroline, die in den USA lebt, zu einer Reise in die Heimat bewegt. Sie soll sich um den Alltag kümmern, da Anton seinen Arztberuf in Berlin nicht aufgeben kann. Um diesen Erzählkern ranken sich einige Geschichten, die den Lesestoff erweitern. Anton liebt Lydia, eine allein erziehende Arztkollegin, mit ihrer Tochter Rachel. Zwei ehemalige Fremdenlegionäre werden in das Beziehungsgeflecht eingebunden: Rüdiger und Martin, die Lydia vor Anton abschirmen wollen. Das wirkt ziemlich konstruiert. Lydia ist ihr Idol.

Was bleibt, ist eine Geschichte der „Herzbrüchigen“, wie Katharina Hacker den „Liebes-Verrat“ nennt. Das eigentliche Thema, das hätte vertieft werden können, liegt im Schattenreich des Vergessens: „Sie schaut dich bloß an, weißt du? Sie schaut dich an und denkt nach. In ihrem Kopf ist alles dunkel ... egal, was ihr passiert in ihrem Leben, sie erinnert sich nicht mehr daran. Die Erdbeeren, hat sie gesagt, die Erdbeeren liebe ich am meisten.“ Die Ernte ist zur Illusion geworden. Schnecken haben alle Früchte abgefressen. Alles entgleitet. Katharina Hackers Versuch, sich dem Thema Demenz im Lebensalltag literarisch anzunähern, berührt, ohne wesentlich neue Erkenntnisse zu vermitteln.

Die vollständige Rezension mit Abb. finden Sie in den Nürnberger Nachrichten.

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