Die erdabgewandte Seite der Geschichte.
Roman von Nicolas Born (1976/2008, Mediathek).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 17.05.2008:

Die Liebe zum Scheitern

Noch im vergangenen Jahr hat sich die Region tief vor ihm verbeugt und Nicolas Born postum den Literaturpreis Ruhrgebiet zuerkannt. Ihm, der am Silvestertag des Jahres 1937 in Duisburg zur Welt kam - und seiner Tochter Katharina, die sich mit Hingabe der Pflege seines Werks widmet. Nicolas Born, bei Emmerich und in Essen aufgewachsen, ist einer der wenigen echten Dichter, die das Ruhrgebiet hervorgebracht hat - Ernst Meister, der andere, war Borns erster Lehrer. Seine Schule führte zur punktgenauen poetischen Verknappung.

Borns erster Roman indes "Der zweite Tag" (1965) erzählte keine herkömmliche Geschichte, sondern stellte in einer Art Reisebericht Situationen und Perspektiven, Erfahrungen und Gedanken, Typisches und Zufälliges nebeneinander.

Auch der zweite Roman, die 1976 erschienene "Erdabgewandte Seite der Geschichte" handelt von der Ratlosigkeit und Verwirrung eines Ichs in den späten 60er, frühen 70er Jahren. Es geht um den inneren Zustand des Erzählers. Der ist einer, der nicht bruchlos aufgehen kann im oberflächlichen Sinngefüge, das sich die Allgemeinheit gegeben hat, um nicht pausenlos von den tatsächlichen Sinnlosigkeiten irritiert zu werden.

Das Ambiente dieses Romans ist manchmal "das würgende Grau" des Reviers, vor allem aber das Umfeld der Studentenrevolte von '68 im wilden Westen von Berlin. Aber auch der Kater, der sich nach dem Versanden der revolutionären Pflasterstrände im Alltag einstellte: Die "Neue Innerlichkeit" - eine Fortsetzung des '68er-Narzissmus mit anderen Mitteln.

Das unablässige Selbstbeobachten bringt den Helden dieses Romans nicht weiter, nur weg von den anderen. Von Lasski, dem Freund, der ihn zu politisieren versucht und der plötzlich stirbt; von seiner Tochter Ursel, die zwölf ist und immer erwachsener wird; von Maria schließlich, die er liebt, die aber mit sich und ihrer Plattenfirma genauso viel zu kämpfen hat wie der Held mit seinen Gefühlen der Abhängigkeit und der Nutzlosigkeit. Ein Liebesroman vom Scheitern.

Resignation? Nicolas Born fand: "Ja, aber darin steckt auch schon die Überwindung dieses Drucks"; er wollte "weder, dass es dumpf zu Ende geht, noch dass sich ein Noteingang in ein neues Leben öffnet."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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