Die Erbschaft von Jacqueline van Maarsen, 2006, S. FischerDie Erbschaft.
Erinnerungen von Jacqueline van Maarsen (2006, S. Fischer - Übertragung Stefanie Schäfer)
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 5.12.2006:

Anne Franks Freundin
Jacqueline van Maarsen korrigiert Fehlinformationen

Eigentlich müsste dieses Buch „Die Erbschaften” heißen, denn Jacqueline van Maarsen beschäftigt sich in ihren „Erinnerungen der Jugendfreundin von Anne Frank”, so der Untertitel, mit mindestens zwei Vermächtnissen. Was die Autorin mit diesem Buch vor allem bezweckt ­ das Erbe und mutmaßliche Ansinnen der Freundin zu verteidigen oder aber das eigene Leben zu bewältigen und sich alle möglichen Kränkungen von der Seele zu schreiben ­, das weiß man am Ende noch viel weniger als am vermeintlich spannungsreichen Anfang.

Die Niederländerin Jacqueline van Maarsen, im berühmten Tagebuch als Jopie verewigt, war Anne Franks beste Freundin. Lange scheute sie die Öffentlichkeit, bis sie, unabhängig vom immer größer werdenden Ruhm Anne Franks, ihren eigenen Weg gefunden hatte. Erst vor einigen Jahren veröffentlichte van Maarsen mit den Büchern „Meine Freundin Anne Frank” und „Ich heiße Anne, sagte sie, Anne Frank” ihre Erinnerungen, auch um Missverständnisse und für sie offensichtlich fehlerhafte Darstellungen von Anne Franks Leben zu korrigieren. Nun beschreibt die Autorin in „Die Erbschaft” die Folgen dieser Freundschaft für sie selbst seit 1947, ihre Kontakte zu Vater Otto Frank, ihr Staunen über die Vermarktung Annes und ihr Entsetzen über die Geschichtsklitterung durch Menschen, die das Mädchen plötzlich gut zu kennen glaubten.

Aber bei diesen wirklich erhellenden Ausführungen blieb es nicht. Van Maarsen vermengte damit ihre eigene, nicht unkomplizierte Familiengeschichte, und zwar nicht nur, soweit sie mit den Franks zusammenhing. Auch die völlig unabhängige Geschichte, wie van Maarsen und ihre Schwester bei einer Erbschaft übers Ohr gehauen wurden, wird ausführlich und etwas weinerlich erzählt. Und diese unpassende Nebeneinanderstellung schmälert doch sehr die Informationen zur Anne-Frank-Forschung und die wichtige Kritik an der mitunter abenteuerlichen Rezeption ihres Vermächtnisses.

Respekt verdient van Maarsens Kampf um die richtige Haltung: Sie will sich mit der ungewöhnlichen Freundschaft nicht schmücken, niemals leugnet sie rückblickend ihre kleinen Probleme mit der extravertierten, anspruchsvollen Anne. Van Maarsen steht aber auch nicht mehr zurück, wenn sie Zeugnis über die Wahrheit ablegen muss. Immerhin gab sich wider besseres Wissen verschiedener Vertrauter ein Mädchen aus der Nachbarschaft später als enge Freundin aus und profitierte von einem Buch darüber. Oder ein Filmdokument wurde spiegelverkehrt gezeigt, um zu vertuschen, dass Anne aus dem Fenster der Nachbarn und nicht dem der Familie schaute.

Allzu oft betont aber van Maarsen, dass sie hier und dort lieber geschwiegen habe. Sei es aus Resignation oder aus Bescheidenheit, das bleibt unklar. Spät erst rückte sie in der Öffentlichkeit mit ihrem Wissen heraus - dass das bei vielen Beteiligten nicht auf Begeisterung stieß, kann nicht verwundern. Aber ganz allgemein, in vielen kleinen Episoden, strotzt dieses Buch vor Naivität. Es hätte, um sich nicht ständig selbst zu disqualifizieren, weniger als Bekenntnis, denn als nüchterner Faktenbericht angelegt werden sollen.

Dafür hätte spätestens das niederländische Lektorat sorgen müssen. Aber das übersah ja auch, dass Namen und Begriffe oder Umbenennungen nicht rechtzeitig, sondern häufig nachträglich erklärt werden und Verwirrung stiften. Gerade weil die Autorin so sehr ihre Zurückhaltung und Korrektheit betont, bekommt ihre Auflistung von Ungerechtigkeiten, die ihr und Anne Frank widerfuhren, einen merkwürdig beleidigt-rechthaberischen Anstrich. Das ist nicht nur schade, sondern höchst ärgerlich, weil man spüren kann, was für ein Buch mit dem Wissen dieser Zeitzeugin möglich gewesen wäre. Es hätte über die Person Anne Franks hinaus anschaulich machen können, auf welche Weise Geschichte in der Erinnerung zurechtgebogen wird.

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