Die Entschlüsselung von Barbara Frischmuth, 2001, Aufbau

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Die Entschlüsselung.
Erzählung von Barbara Frischmuth (2001, Aufbau-Verlag).
Besprechung von Julia Kospach aus Profil, Wien, 2001:

Des Dachses Kern

Im Gerangel um einen ausgestopften Dachs auf dem Fetzenmarkt von Grundlsee fällt ein verschnürtes Bündel aus dessen Bauch, das die Erzählerin aus Neugier an sich bringt. Selbige besitzt alle Attribute ihrer Erfinderin Barbara Frischmuth - ein Haus mit Garten in Altaussee, eine große Liebe zu Pflanzen und Tieren, ist eine ortskundige Einheimische, Schriftstellerin und des Türkischen mächtig.

Diese mit feiner Ironie begabte, in eine Vielzahl von häuslichen Ritualen verstrickte Frischmuth-Wiedergängerin wird in der Folge von zwei amerikanischen Wissenschafterinnen, dem Pfarrer, einem türkischen Historiker und einem einheimischen Professor bedrängt, das gefundene Bündel zugänglich zu machen. Es handelt sich um den Briefwechsel eines türkischen Dichters aus dem 14. Jahrhundert mit der örtlichen Äbtissin Wendlgard von Leisling. Die Briefe sollen entschlüsselt werden, die Gruppe verstrickt sich in einen Deutungswettstreit voller Zeichen und Rätsel. Eine feinsinnige, amüsant-spöttische, leicht verschrobene Geschichte.

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Die Entschlüsselung von Barbara Frischmuth, 2001, Aufbau2.)

Die Entschlüsselung.
Erzählung von Barbara Frischmuth (2001, Aufbau-Verlag).
Besprechung von Cornelius Hell aus Rezensionen-online *LuK*, 2005:

Heimat und Fremde / Zwei Romane von Barbara Frischmuth
Barbara Frischmuths Büchern wird nicht immer die Aufmerksamkeit

zuteil, die sie verdienen: Man lässt sich Zeit mit den Rezensionen, es gibt kaum Kontroversen. Dass Leserzahl und Interesse der Literaturkritik oft verkehrt proportional sind - Barbara Frischmuth ist ein gutes Beispiel dafür. Mag sein, dass manche Rezensentinnen und Rezensenten ihr nicht verzeihen, dass sie nicht bei den sprachkritischen Anfängen der "Klosterschule" oder bei den feministischen Positionen im Umkreis der Sophie-Silber-Trilogie geblieben ist. Die 1991 publizierten Poetikvorlesungen "Traum der Literatur - Literatur des Traums" und die Demeter-Trilogie wurden jedenfalls bei weitem nicht so intensiv rezipiert. Der Literaturbetrieb liebt feste Positionen, die Fronten zwischen Avantgarde und Erzähltradition sind in Österreich recht klar gezogen, und wenn jemand auch noch Ausflüge in literarische Gartenbücher macht, wird das schon gar nicht goutiert, sondern ist dem Ruf der Schriftstellerin abträglich.

Dabei hat sich Barbara Frischmuth keineswegs in eine Garten-Idylle zurückgezogen, sondern sich in ihren letzten drei Romanen ("Die Entschlüsselung" ist freilich nicht ausdrücklich als solcher deklariert) mit einem hochaktuellen politischen und kulturellen Thema auseinandergesetzt: mit dem Islam in Österreich und der Situation von Einwanderern. Barbara Frischmuth, die blendend Türkisch und Ungarisch spricht und die Türkei seit ihrem einjährigen Studienaufenthalt in der ostanatolischen Stadt Erzurum im Jahr 1961 kennt, ist wohl die am stärksten international orientierte Autorin der österreichischen Literatur und bringt in die von ihr dargestellte Thematik Kenntnisse und Erfahrungen ein, über die keine andere Autorin und kein anderer Autor verfügt.

In dem 1998 erschienenen Roman "Die Schrift des Freundes" ist es ihr hervorragend gelungen, eine von Krimi-Elementen angereicherte Handlung mit einer hintergrundreichen Expedition in die Subgesellschaft der Aleviten in Wien zu verbinden und die moderne Computerwelt mit der alten Tradition der Kalligraphie zu konfrontieren. Randständige religiöse Traditionen abseits orthodoxer Dogmatiken spielen auch in dem Band "Die Entschlüsselung" von 2001 eine Rolle: es geht um einen mysteriösen Briefwechsel zwischen dem anatolischen Derwisch, Dichter und Zahlenmystiker Nesîmî mit Wendelgard vom Leisling, der Äbtissin eines nicht mehr existierenden Benediktinerinnenklosters. Versteckt sind diese Texte in einem ausgestopften Dachs, der auf einem Fetzenmarkt am Grundlsee seinen Besitzer wechselt. Durch Zufall fällt er der Erzählerin in die Hände, in der sich Barbara Frischmuth durch viele Details ihrer eigenen Biographie selbst zu erkennen gibt. Bei der Entschlüsselung des geheimen Papiers geraten ein türkischer und ein österreichischer Wissenschaftler, der Pfarrer sowie zwei Vertreterinnen feministischer Studien in Konkurrenz - eine Möglichkeit, philologische Faktenhuberei, feministischen Ernst und esoterische Keltenverehrung ebenso aufs Korn zu nehmen wie den amerikanischen Blick auf Österreich. Dahinter blitzt das eigene Anliegen auf: die Archäologie verdrängter Weiblichkeit, vor allem in religiösen Traditionen.

Immer zweifelhafter wird, ob es zwischen Nesîmî, der im 14. Jahrhundert als Ketzer verfolgt wurde, und Wendelgard, einer Leitfigur aufmüpfiger christlicher Frauen, überhaupt einen Briefwechsel gegeben hat, oder ob es sich eher "um eine Sammlung geheimer Schriften aus beiden Traditionen, die auf irgendeine Weise kompatibel waren und von Esoterikern verschiedenster Provenienz geschätzt und verwendet werden konnten", handelt. Die Erzählerin versteht es, die Fäden zu schnüren und am Schluss wieder aufzulösen; sie verabschiedet sich von den Figuren ihres Buches, um es als Huldigung an einen türkischen Gelehrten, den sie nur aus seinen Schriften kennt, zu deklarieren.

Barbara Frischmuth hat in dieses Buch mit leichter Hand ihre biographische und poetische Welt verpackt: die Beschäftigung mit Türkisch und die bodenständigen Gartenerfahrungen, Anklänge an Romantik und Märchentradition, das selbstbewusste und genussvolle Ausloten weiblicher Lebenswelten und eine Österreich-Kritik, die grelle Thesen meidet, aber einen klaren Blick für Details hat. Das unauflösbare Ineinander von vorgefundenen und imaginierten Texten, von Recherche und Fiktion sowie die Skepsis gegen die Verschriftlichung der Welt gehören zu den Stärken dieses Buches. Seine Problematik liegt in seinem Lokalkolorit und in Alltagsdetails, die sich gelegentlich verselbständigen. Und das Handlungsgerüst vermag die interessanten Inhalte und Zusammenhänge nicht immer zu tragen.

Vielleicht ist das der Grund, dass sich Barbara Frischmuth in ihrem jüngsten Roman ganz auf den Plot verlässt: keine Mythen und Märchen, keine untergründigen religiösen Traditionen, nur eine Handlung, die ganz von heute ist. Ein Frischmuth-Markenzeichen prägt das Buch allerdings doch: starke Frauengestalten - auch wenn jede auf ihre spezifische Weise scheitert. Da ist einmal Anna, Titelfigur und Angelpunkt aller Beziehungskonstellationen; in den Erzählungen der anderen Frauen sind die Mosaiksteine verpackt, aus denen sich ihr Leben rekonstruieren lässt. Sie hat in Berlin studiert und dabei Ali kennen gelernt, einen Türken, der aus seiner Heimat fliehen musste. Aus Liebe zu ihm hat sie alles aufgegeben, mit ihm ist sie zurück gegangen in die österreichische Provinz, um gemeinsam ein Gasthaus zu führen, was bald schief gehen musste. Plötzlich ist Anna verschwunden - Ali ist allein geblieben mit den beiden Kindern Inimini und Omo. Angesichts dieser Tragödie taucht Irene auf, Annas Mutter, und sorgt für einen fulminanten Romanbeginn: Sie steigt auf einen Baum, von dem sie nicht mehr allein herunterkommt. Nach und nach bekommt die in den Ästen zappelnde Großmutter Konturen: Sie ist immer einem Phantom von Liebe nachgelaufen, hat Anna bei Zieheltern gelassen, um einem Mann nach Berlin zu folgen und findet sich jetzt schwer mit ihrem Altern ab. Und da ist noch Emmi, Irenes Schwester, eine Lehrerin, die fehlende Erotik bald mit Essen kompensiert und sich für Anna aufgeopfert hat. Die Perspektiven dieser Frauen konstituieren den Roman - zusammen mit der von Inimini, die in vieler Hinsicht die interessanteste ist. Halb Österreicherin und halb Türkin, steht sie zwischen den Kulturen und glaubt, sich entscheiden zu müssen. Sie entscheidet sich für den Koran-Unterricht: gegen ihre österreichische Umgebung, aber auch gegen ihren Vater, der Alevit ist - einmal wird das Wort erwähnt, aber sein Hintergrund bleibt in diesem Buch ganz ohne Konturen. Welche Erfahrungen sie dabei macht, was sie im islamischen Religionsbuch vorfindet und wie sie sich damit auseinandersetzt, wie sie ihre Haltung verteidigt und dann doch auch kritisch gegenüber den Verhaltensregeln des Islam werden kann, wenn sie sich angenommen fühlt und nicht verteidigen muss - das gehört zu den fulminanten und erkenntnisträchtigsten Kapiteln des Romans.

Soweit also eine reine Frauengesellschaft, denn wider Erwarten kommen Ali und Omo nicht zu Wort, sie bleiben schemenhafte Schattenfiguren. Gerade Ali, der türkische Alevit in der österreichischen Provinz, dem österreichische Moralvorstellungen ebenso fremd sind wie der gängige Islam, müsste viel zu sagen haben, und Barbara Frischmuth wäre wahrlich die Autorin, die ihm eine Stimme geben könnte. Einen Mann aber braucht es doch, um die abwesende Anna überhaupt ins Bild zu rücken: M., ein Fotograph, der Anna bei einem Interview über kulturverschiedene Paare kennen lernt. Er, der scheinbar Einfühlsame, dessen Romantik schnell in Gewalttätigkeit umschlägt, als Anna nicht so ist, wie er es erwartet, hält die verschwundene Anna präsent und ermöglicht es, das Buch mit Krimi-Ingredienzien zu würzen.

Die Romanze mit M. endet in Rausch und Gewalt, Anna kommt zurück und hat eine Aussprache mit Ali, von der nichts in den Romantext dringt, und am Schluss haben alle Frauen etwas gelernt: Anna ist von der Selbstaufgabe geheilt und will in Berlin ihr Studium abschließen, Irene heiratet eine Jugendliebe und akzeptiert ihr Altern, und Emmi speckt ab und lernt wieder leben, nachdem sie einen Schlaganfall überstanden hat. Inimini bewahrt auch in der Religion ihren Eigensinn und, das zeichnet sich ab, wird nicht nur im Studium ihren Weg machen. Nur M. tut sich selber mehr leid als die Brutalität, die er ausgeübt hat.

Man kann dieses optimistische Ende als aufgesetzt empfinden, aber das eigentliche Problem liegt in der Grundkonstruktion - in der Mischung von Rollenprosa und auktorialem Erzähler. Die fünf Figuren werden nämlich nicht nur in der Innenperspektive gezeigt, sondern immer auch von außen. So sind es eben nicht fünf Stimmen, deren Ensemble den Roman ausmacht, sondern fünf Perspektiven, die gewechselt, aber eben auch unterlaufen werden - vor allem durch eine ziemlich einheitliche Sprache. Dazu kommt, dass etliche Alltagsdetails oder etwa vieles von der Vorgeschichte des Herrn M. durchaus entbehrlich wären. Einen Vergleich mit "wie wenn" (statt "als ob") und andere Kleinigkeiten hätte das Lektorat herausfiltern müssen.

Doch bei allen Einwänden: Barbara Frischmuth gestaltet überzeugend die Ambivalenz von Fremde und Heimat, sie hat einen genauen Blick für die islamischen Immigranten der zweiten Generation und die Situation zwischen zwei Kulturen; ihre Sache ist weder die Glorifizierung des Fremden noch die inflationäre holzschnittartige Österreich-Kritik. Und sie kann Frauenfiguren gestalten, die gerade in ihrer Ambivalenz und den kontrastiv aufeinander bezogenen Lebenskonzepten überzeugend sind. Barbara Frischmuth hat ein hochgradig relevantes Themenfeld, auf dem ihr niemand das Wasser reichen kann.

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