Die entführte Prinzessin von Karen Duve, 2004, EichbornDie entführte Prinzessin.
Gedichte von Karen Duve (2005, Eichborn).
Besprechung von Wolfgang Schneider in Neue Zürcher Zeitung vom 12.04.2005:

Das Schöne und Fürchterliche an der Liebe
Karen Duves Märchenroman «Die entführte Prinzessin»

Bei der «wilden Goronzie» handelt es sich um einen drei Meter hohen Baum mit einer einzigen, melonenartigen Frucht. Sie wird so schwer, dass der Ast, an dem sie hängt, sich langsam zu Boden neigt. Berührt sie ihn, platzt die Frucht auf und entlässt ein hellblaues Lämmlein mit vier Hörnern. Da es sich nie von seiner Nabelschnur zu lösen vermag, ist es dazu verdammt, bald als besonders wohlschmeckender Happen den wilden Tieren des Dschungels zum Opfer zu fallen.

Kurioses Gewächs

Karen Duve schildert das kuriose Gewächs über eine ganze Seite mit einer pseudobiologischen Versiertheit, als wollte sie dem «Lexikon der berühmten Pflanzen», das sie vor Jahren mitverfasste, eine besonders schillernde Art hinzufügen. Man kann die Goronzie, der in ihrem neuen Roman eine gefährliche Expedition gilt, darüber hinaus zum zwitterhaften Wappenwesen der Autorin machen. Denn der knorrige Baum des Realismus gedeiht in ihrem Werk so gut wie das blaue Lamm der Märchenpoesie.

Schon ihr bisher erfolgreichstes Buch verband die Muster des Thrillers mit phantastischen Elementen. Im Andersen-Jahr überrascht die Autorin nun mit einem Märchenroman - die Frösche des glitschigen «Regenromans» haben sich zu veritablen Drachen ausgewachsen. Ort der Handlung ist zum einen das Nordreich Snögglingduralthorma jenseits der schaurigen Schwefelnebel, wo zwischen raubeinigen, dem Suff und den Rentierwitzen ergebenen Kerlen die bezaubernd schöne Prinzessin Lisvana lebt. Zum anderen das absolutistische Musterländle Baskarien im sonnigen Süden, wo der melancholische Prinz Diego nur in Schwarz geht. Als er vom Ruhm Lisvanas hört, kommt eine abenteuerliche Handlung in Gang. Die Entführung der Prinzessin ist nur der Anfang eines Buches der phantastischen Einfälle, das durch seine Bizarrerien, viel Witz und pure Fabulierlust besticht.

Im herkömmlichen Märchen haben klar und einfach gebaute Figuren unmissverständliche Prüfungen zu bestehen. Nicht Reflexion ist von ihnen gefordert, sondern der aus dem Herzen kommende Handlungsimpuls - sofern sie von ihrem Schicksal nicht überhaupt in magischer Sicherheit geleitet werden. Duve dagegen verzichtet auf die kindgerechte Reduktion von Komplexität, auf das strahlend Klare und Deutliche, das die Protagonisten des Märchens umgibt. Sie schildert in phantastischen Kostümen und Dekorationen sehr heutige und angeknackste Charaktere, die die Zwiespältigkeit des wahren Lebens zu ertragen haben und sich regelmässig selbst im Weg stehen.

Der melancholische Prinz selbst hat eine verkorkste Mutterbeziehung. Weil die Königin seit je ihre ganze Liebe den Blumen zuwendet, ist er aus Protest zum Vegetarier geworden, «nicht, weil er Tiere liebte, sondern, weil er so viele Pflanzen wie möglich vernichten wollte». Und sein Widersacher und Konkurrent, der nordländische Ritter Bredur auf dem fleischfressenden Ross Kelpie, hat regelmässig Ärger mit seinem grimmig-versoffenen Vater Fredur Wackertun. Launenhaftigkeit und Eitelkeit kennen alle Figuren dieses lebensprallen Märchens.

Verhaltensforscherblick

Karin Duve hat einen Verhaltensforscherblick. Wie ein Konrad Lorenz die Graugans, so nimmt sie den Menschen ins Visier - allerdings ohne die warme Anteilnahme, die Lorenz dem Geflügel gegenüber jederzeit aufbrachte. So zumindest kannte man Karen Duve bisher. «Die entführte Prinzessin» zeigt nun, dass Mitgefühl eine entscheidende Kategorie für diese Autorin ist. Während sie sonst ihre Figuren schindet und quält, geht sie hier schonend, geradezu zartfühlend mit ihnen um.

Das führt nebenbei dazu, dass einige dieser Gestalten erstaunlich komplex geraten sind. Selbst zunächst scheinbar unsympathische Figuren gewinnen hinzu. Etwa der Zwerg Pedsi, der ein wenig an den Dûdu aus Thomas Manns «Joseph in Ägypten» erinnert, jedoch mehr als ein intriganter, kriecherischer Höfling ist. Er beeindruckt zwischendurch als fulminanter Pilzkenner, und schliesslich gelingt es ihm sogar, das Herz der angebeteten Hofdame Rosamunde zu erobern, die seine Avancen anfangs mit einem tief kränkenden «Du bist so verdammt klein» abschmetterte. ...Fortsetzung

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