Die Enten,
die Frauen und die Wahrheit.
Erzählungen und Miniaturen von Katja
Lange-Müller (2003, Kiepenheuer&Witsch).
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig in der Frankfurter Rundschau, 5.8.2003:
Mehr als eine
Wundertüte
Katja Lange-Müllers
neuer Prosaband "Die Enten, die Frauen und die Wahrheit"
Alle erzählten früher: in der Postkutsche und in
den Gasthäusern, in den Spinnstuben und beim Zu-Bett-Bringen der Kinder, auf
Wache die Soldaten und im Zwischendeck die Auswanderer. Das waren beileibe nicht
nur Märchen, wie sie die Grimms,
Bechstein und Hauff
sammelten, das waren Anekdoten, seltsame Lebensgeschichten, Legenden, Witze und
moralschwere Moritaten, die man dann - auf allfällige Melodien - gleich sang.
Gibt's heute nicht mehr. Vorbei! Jede und jeder nur mit sich, dem Handy, dem
Computer beschäftigt. Wer, und es lässt sich oft genug gar nicht vermeiden,
dann aber doch zuhört, was da am mobilen Telefon gesprochen wird, was in den
vielen E-Mails steht, der stellt fest, dass munter weiter erzählt wird: urban
legends, tückische Technikerlebnisse und Verkehrsgeschichten aller Art.
Ununterbrochen werden so Tag für Tag Milliarden Geschichten erfunden,
gestaltet, wiedergegeben; sehr viele davon langweilig, pointen- und inhaltslos.
Immer noch aber bleibt eine unübersehbare Menge schriftstellerisch
aufzubereitendes Material übrig, das buchstäblich auf der Straße liegt. Warum
lassen das fast alle Autoren liegen? Vielleicht weil sie zur Gattung Homo
sapiens gehören, von der Kurt
Tucholsky schrieb: "Man könnte den Menschen geradezu als ein Wesen
definieren, das nicht zuhört."
Katja Lange-Müller dagegen leiht ihr Ohr gerne, kann oft gar nicht anders als
nachzufragen, manchmal ihre Schultern anzubieten oder einladend zu schweigen,
bis die Geschichten aus den Menschen kriechen. Zum Glück ist sie nicht ganz
Ohr, weiß vielmehr den Mund gut zu gebrauchen, Herz und Verstand dito sowie,
nota bene, ihre Griffel, Federn, Tintenbälle, Tasten. Damit macht sie aus Gehörtem,
Erfundenem, Überliefertem Kunst. Sie kennt die Sozialreportage wie deren
Risiko, in schal-distanziertes Mitleid abzugleiten. Sie kennt den einzigen
Kleist und seine genial-hypotaktischen Siege gegen Herzensträgheit, bleibt aber
erfolgreiche Epigonin mit eigener Strategie. Sie kennt die Schrecken und Tröstungen
des Milieus und erhebt sich doch nicht zur Kiezrichterin. Sie kennt den
Eindruck, den sie macht, und kultiviert ihn: Ungekünstelt, doch kunstreich
spielt sie mit der Transparenz aufs biografische Ich. Das macht ihre Texte in Die
Enten, die Frauen und die Wahrheit so lebendig und sinnlich, so persönlich
und unmittelbar.
Wenn die "Backenbrecher" in der gleichnamigen "Berliner
Miniatur" Paletten mit ihren stählernen Gebissen zerkleinern, leidet man
mit den Anwohnern unter dem gewaltigen Lärmen und Jaulen, das sich anhört,
"als habe Rübezahl zwei gigantischen Werwölfen auf die Schwänze
getreten". Bis zur Magenreizung kann sich der Leser mit der Autorin
angesichts der Höhepunkte Berliner Gastronomie identifizieren: "Ja, und da
lagen sie nun, reglos und bleich und schlüpfrig zugleich / Am Strand / vom
‚Teichblick-Spezial-Teller'-Rand, diese - genau neun - Vortagswasserleichen
aus der edelsten Familie der Asparagusgewächse, mit Gesichtern auf den
zermatschten graugrünen Köpfchen, die vielleicht dereinst einmal hübsch
gewesen waren, niedlich und appetitlich, jetzt aber erinnerten sie, wie so
vieles in dieser Stadt, die sicher auch aus anderen hässlichen Gründen, so
viele Poeten inspiriert haben will, eher an ein expressionistisches Gedicht denn
an ein Gericht. - Und sachte versanken die sündhaft teuren Toten in der
Hollandaise oder Mayonnaise, jedenfalls einem schlammfarbenen Bett, angeblich
aus Fett und Ei." Unmittelbar und eindringlich stellt Katja Lange-Müller
Sachen und Wesen dem Leser hin, der den "Berlinerinnenpullover" so
genau vor sich sieht, wie den verstörenden nicaraguanischen Strandköter in der
Ghost-Dog-Story "An einem Strand".
Heterogen wirken die vierunddreißig Texte im neuen Buch nur auf den ersten
Blick. Zwar entstanden sie über einen langen Zeitraum, wurden zuvor in anderen
Fassungen schon veröffentlicht - einige in dem Roman Die Letzten -, gehören
ganz verschiedenen Gattungen an (von Erzählungen bis zu Beobachtungen aus dem
modernen Alltag in den "Biotopischen Zuständen" und "Berliner
Miniaturen"), doch alle eint der Lange-Müller-Stil. Er zeigt sich meist
bereits in der Haltung der Erzählinstanz, sehr häufig dem guten alten Ich. Da
wird genau beobachtet und fast altmodisch ausführlich beschrieben, was den
Sinnen zu tun gibt, nie jedoch kalt oder distanziert. Eine gefühlsstarke, ja
gefühlvolle Anwesenheit der Erzählerin spürt man durchgehend, weit entfernt
allerdings von Gefühlsduseligkeit. Ihre Freude an wohlkonstruierten
Wendepunkten ist so unverkennbar wie die am Kalauer, der sich durch lustige wie
traurige Szenen zieht: ob sie schreibt, dass etwas schon "einen Vesuv wert
wäre", oder von "der (Jacket)Krone der Schöpfung".
Das trägt mit dem durchweg anekdotischen Charakter viel bei zur aufgekratzten
Melancholie der Texte, ein Ton typisch für ein Berlin, das es angeblich nicht
mehr gibt: schlagfertig große Lippe riskierend und Mitmenschlichkeit. Dazu
kommt der Hang zu Schabernack, Humor und zu einer vom Russischen vertieften,
wohl dosierten Sentimentalität. Den Stil Lange-Müllers zeichnet aber auch ihr
geschmeidiger Satzbau aus, mal lang und vertrackt, mal schnoddrig lakonisch.
Zuletzt ist da noch ihr Faible für farbenreiche Wörter und für Stilimitation,
wobei sie Kleist oder Tierleben-Brehm
gleichermaßen nachahmen kann. Thematische Klammern wie Exkurse in Zoologie und
Botanik und der Blick auf die Ränder der Gesellschaft, auf besondere
Menschenschicksale, verbinden die Petitessen, Beobachtungen und Erzählungen zusätzlich.
So ist dieses Buch mehr als eine Wundertüte
voller Überraschungen und Kuriositäten, es gleich vielmehr einer
unaufdringlichen und gerade damit erfolgreichen Schule des Sehens. Es öffnet
die Augen für all die Alltagsgeschichten und -dramen, von denen die Menschen
immer wieder zu erzählen versuchen, aber nie so erfolgreich sind wie Katja
Lange-Müller.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
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