Die Entdeckung Amerikas.
Gedichte von Rudolf Borchardt (2004, Lyrik-Kabinett, hrsg. von Gerhard Schuster).
Besprechung von
Hg in der Neue Zürcher Zeitung vom 4.12.2004:

Rudolf Borchardt entdeckt Amerika

In einer sehr schön gedruckten und ausgestatteten, vom Lyrik-Kabinett München veranlassten Publikation wird die Dichterin Edna St. Vincent Millay direkt und indirekt vorgestellt, nämlich einerseits in Originaltexten und durch Essays von Barbara Schaff und Friedhelm Kemp, andererseits als Lese-Erlebnis und Übersetzungsproblem Rudolf Borchardts, das von dem Herausgeber Gerhard Schuster erläutert wird. Die Amerikanerin Edna St. Vincent Millay (1892-1950) hat in den zwanziger, dreissiger Jahren als Lyrikerin wie als persönliche Erscheinung das literarische Publikum fasziniert, und Borchardt, der in seinem Urteil über Zeitgenossen, sofern er sie überhaupt zur Kenntnis nahm, grosse Strenge übte, hat zu seinem masslosen Erstaunen (wie aber hätte sein Erstaunen anders als masslos sein können?) festgestellt: «Die grosse europäische Poesie aller Jahrhunderte bis zu ihrem letzten, dem XIXten, hatte den Atlantik unterlaufen und war in Amerika in einer gewaltigen lyrischen Pyramide aus dem tauben Boden gebrochen . . .» Und ausserdem ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass die Gedichte dieser Autorin «unübersetzbar» seien; sein Kampf mit ihrer Unübersetzbarkeit ist das eigentliche Thema des Buchs. Die Texte machen nämlich jedem Übersetzer die Arbeit schwer durch kurze gereimte Verse und viele einsilbige Wörter, gerade diesem Übersetzer aber dazu noch durch eine biegsam-ironische Simplizität des Sagens, an der die von Borchardt zu Hilfe gerufenen Archaismen zuschanden werden. Eine lehrreiche Lektüre auch für den, der an die überragende Bedeutung von Edna St. Vincent Millay nicht unbedingt glauben kann.

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