Die Entdecker des Jahrhunderts von Magnus Mills, 2008, SuhrkampDie Entdecker des Jahrhunderts.
Roman von Magnus Mills (2008, Suhrkamp - Übertragung Katharina Böhmer).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau vom 28.11.2008:

Von Menschen und Sturköpfen

Die Gestalt des Abenteurers, der die Bequemlichkeit der Zivilisation hinter sich lässt und im Dienste der Menschheit das Wagnis auf sich nimmt, in noch unerforschtes Gebiet vorzustoßen, ist im Grunde nur noch eine historische Figur. Der britische Schriftsteller Magnus Mills, seit seinem Roman "Die Herren der Zäune" anerkannter Spezialist für unverwechselbar britischen Humor, hat diese Figur in seinem neuen Buch zum Leben erweckt, und das gleich zweimal: Zwei Expeditionen schickt er von demselben Ort auf die Reise, um den entlegensten Punkt der Welt zu finden.

Die Mitglieder der einen Gesellschaft tragen durchgehend englische Namen; die anderen scheinen aus dem skandinavischen Raum zu kommen - eine Reminiszenz an die Südpolforscher Scott und Amundsen, doch anders als diese liefern sich die beiden Expeditionen bei Mills keinen Wettlauf. Jedenfalls behaupten sie das. Was sie überhaupt wollen, bleibt lange völlig im Dunkeln - der Weg scheint das Ziel zu sein, wie so oft bei Magnus Mills.

Die beiden Expeditionen schreiten voran; die eine wählt den Weg durch ein Flussbett; die andere schlägt sich durch eine Art von Steinwüste. Angenehm ist beides nicht; zudem wird es immer dunkler. Das sind genau die Bedingungen, die Mills für seine Paradedisziplin braucht: Er bringt Menschen an einem Ort zusammen, wo sie einander nicht entfliehen können und betrachtet sie dann in all ihren Schrullen und bei ihren Versuchen, die Ordnung des Alltags aufrechtzuerhalten. Mills' Charaktere sind Sturköpfe, Eigenbrötler zumeist auch noch, also im Grunde bei einem auf Gemeinschaftssinn ausgelegten Unterfangen völlig fehl am Platz. Da läuft einer unbeirrt vorneweg; ein anderer weigert sich, eine warme Mütze aufzuziehen; ein Dritter gibt an, sich nur für die Reise gemeldet zu haben, weil er sonst gerade nichts Besseres zu tun gehabt habe. Besonders die englische Truppe zeigt relativ schnell Zerfallserscheinungen.

Mills' Stärke ist sein staubtrockener Humor, der sich vor allem in den Dialogen Bahn bricht. Seine Charaktere sind gefangen in Zwängen und Hierarchien; sie sind weder besonders freudvoll noch besonders tüchtig, und das, was sie tun, ist in diesem Fall nicht einem höheren Ziel oder irgendeiner Erkenntnis verpflichtet, sondern allein dem Umstand, dass etwas getan werden muss.

Und doch stellt sich während der Lektüre irgendwann die Frage, was Mills in diesem Buch eigentlich erzählen wollte. Es fehlen ein wenig die Pointen, es fehlt ein wenig an der Ironie, die man von diesem Autor erwartet hätte. Und dann, urplötzlich, reißt Mills das Steuer herum und führt seinen Roman zu einem völlig unvermuteten Ende, das mit dem Wort "abgedreht" noch ziemlich milde umschrieben ist und das an dieser Stelle selbstverständlich nicht verraten wird. Mills hebt seine "Entdecker des Jahrhunderts" am Ende in den Rang einer schwarzen politischen Parabel. Der nun offenbarte Zweck der Expedition lässt diese rückblickend in einem noch groteskeren Licht dastehen.

In der Times hat Mills erklärt, warum er zunächst sein Leben als Busfahrer aufgab, um als Schriftsteller zu arbeiten (er begann, ihm unsympathische Menschen an der Haltestelle stehen zu lassen) und warum er nun wieder als Busfahrer arbeitet (nur Autor zu sein, war ihm zu langweilig). Beide Berufe ähnelten sich, meint Mills: Man nehme stets Menschen mit auf eine Reise. Die Reise zum entlegensten Punkt der Welt war weit, doch Mills hat schon literarisch ergiebigere unternommen.

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