Die Endlichkeit des Lichts von Susanne Riedel, 2001, BerlinDie Endlichkeit des Lichts.
Gedichte von Susanne Riedel (2001, Berlin-Verlag).
Besprechung von Markus Kuhn aus dem titel-magazin, 2001:

Zwischen Psychoanalyse und Physik
Hochpoetisch, wortmagisch und voller Widersprüche. Ein weltfremder Dichter auf seinem Weg zum Medienstar.

Der einbeinige Alakar Macody ist ein seltsamer Kauz. Wohnt in einem Haus jenseits des Flussufers, in einer stillen Bucht, mitten in der Einöde. Ein Einzelgänger, der sich mit Pflanzen und Pilzen auskennt wie kein zweiter. Ein Naturbursche, würde man sagen, wenn er nicht mit dem Lyriker T.S. Eliot im eingebildeten Zwiegespräch stehen, sämtliche Dichter zitieren und eigene Gedichte verfassen würde. Ein verrückter Poet also? Ein durchgeknallter Philanthrop? Ja, vielleicht, aber wenn, dann einer des Medienzeitalters, einer der tagtäglich die „Brainonia“-Quiz-Show im Fernsehen verfolgt und minutiös mitzeichnet, welches Kleid die Moderatorin Verna Albrecht zu welcher Frisur trägt. Keine Frage, Alakar Macody, Titelheld von Susanne Riedels „Die Endlichkeit des Lichts“, ist eine literarische Figur par excellence. Individuell, unkonventionell, artifiziell und doch sympathisch und vom Text zu prallem Leben erweckt. Eine Figur voller Widersprüche, der man genauso gerne in innere Erinnerungswelten folgt wie bei ihrer Reise in die Wirklichkeit: Alakar ist gezwungen, seine Einsiedelei – in die er sich nach einer komplizierten Kindheit, einer gescheiterten Beziehung und missglückten Versuchen in der Arbeitswelt zurückgezogen hat – zu verlassen. Denn ein für ihn rein theoretischer Traum wird wahr: er darf neben der bewunderten Verna Albrecht in der „Brainonia“-Quiz-Show auftreten.

Susanne Riedel schreibt in einem hochpoetischen, lyrisch durchwirkten Stil, für den man als Leser sehr viel Zeit benötigt. Den verdrehten Gedankenwelten ihres Helden nachspürend, vermischen sich Metaphern mit Zitaten bedeutender Poeten, werden Anspielungen auf die Fernsehwelt mit lyrischen Versatzstücken angereichert, prallen vulgäre Dialoge auf Monologe über die Entstehung eines Gedichts. Dazwischen psychoanalytische Theoreme und physikalische Theorien, die Alakar als Kind eingeimpft wurden. Denn sein Vater war ein weltfremder Physiker, der ihn viel zu früh in die Heisenbergsche Unschärferelation einführen wollte, und seine Mutter eine überdominante Psychoanalytikerin, „die niemals bereit war, ihm auch nur die harmloseste Möglichkeit zum Pubertieren anzubieten. Das sollten andere tun. Beißende, unanalysierte Jungs.“

Riedels Text kann man nicht einfach so runterlesen. Er sperrt sich ganz bewusst einer oberflächlichen Lektüre. Genau das ist seine Qualität, aber auch seine Schwäche. Denn an einigen Stellen möchte man nicht alles wissen, was die Figuren denken, hat man das Gefühl in einer Gedankenflut zu ertrinken und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass einen der Handlungsfluss um die nächste Biegung treibt. An anderen wirkt die Geschichte zu effektbetont und konstruiert.

Zweite Hauptfigur ist Verna Albrecht, in deren Show Alakar Millionär wird. Sie, die auf dem Fernsehschirm so unglaublich souverän wirkt, ist privat eine gebrochene Persönlichkeit. Weder den Tod ihrer Zwillingsschwester, noch den ihres esoterisch-buddhistisch angehauchten Liebhabers, konnte sie überwinden. Auch in ihren Erinnerungskosmos taucht der Text ein. Zentral dabei die Identitätsproblematik angesichts einer gestorbenen Zwillingsschwester, die in ihr gerade deshalb weiterlebt, weil sie von der Mutter jahrelang verdrängt wurde. Die Starmoderatorin, Idol unzähliger Fans, wird im Laufe des Textes um so klarer als am Leben Scheiternde erkennbar, wie der weltfremde Alakar Macody zum neuentdeckten Medienstar wird. Ihr einziger Lichtblick: Zwischen den beiden entwickelt sich eine innige Beziehung. Die verstörenden Kindheitserlebnisse werden zumindest auf poetischer Ebene überwunden.

Mit „Die Endlichkeit des Lichts“ hat Susanne Riedel einen lyrischen Roman geschrieben, der Unvereinbares zu einem literarischen Stilteppich verschiedenster Klänge und Bilder verwebt. Ein Text für Liebhaber gedankenlastiger, gefühlsintensiver Figuren und einer so wortmagischer Sprache, dass sie einen fast erdrückt.

Textauszug:
Ohne jeden Zweifel verdiente seine Mutter das meiste Geld, aber selbst als Atomphysiker wäre sie erfolgreicher als sein Vater gewesen. Nur in einem waren sich beide ebenbürtig: Es galt, Lebensweisheiten in Söhne zu ergießen, die man ohne überflüssige Gedanken an die Folgen in die Welt zu setzten hatte. Der demütigende Geschlechtsakt, der zu Alakars Zeugung führte, mußte ein physikalisch-psychologisches Theorem gewesen sein, determiniert und dennoch unbestimmt wie die Plancksche Konstante.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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