Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Gioradano, 2009, BlessingDie Einsamkeit der Primzahlen.
Roman von Paolo Giordarno (2008, Blessing - Übertragung Bruno Genzler).
Besprechung von Liliane Zuuring in der WAZ vom 30.8.2009:

Paolo Giordano und die Schönheit der Zahlen
Er wurde als jüngster Autor mit dem italienischen Literaturpreis „Premio Strega” ausgezeichnet und sein Roman war 2008 der meistverkaufte in Italien. In „Die Einsamkeit der Primzahlen” zeigt Paolo Giordano, wie sich Naturwissenschaft und Literatur aufs Schönste ergänzen können.

Mattia und Alice haben sich alles zu offenbaren – und doch auch wieder nichts. Von der möglichen und doch unmöglichen Liebe der beiden Außenseiter, die „im jeweils anderen die eigene Einsamkeit wiedererkannt hatten”, erzählt Paolo Giordano berührend und beklemmend in „Die Einsamkeit der Primzahlen”.

Mattia fühlt sich schuldig am Verschwinden seiner behinderten Schwester. Schon vorher hatte sein Vater unachtsam Gewissensbisse geschürt mit der Vermutung, Mattia habe seine Schwester im Bauch getreten. „Osmotisch” dringen die Worte in ihn ein, lagern sich „in seinem Bauch ab. Er ließ es zu, dass sie dort mit der Zeit eine dicke klebrige Schicht bildeten.”

Alice, von ihrem Vater zum verhassten Skifahren getrieben, verunfallt. Er wollte sie zum Champion machen. Später hasst sie sich dafür, dass ihr alles, was sie erlebt, schicksalhaft vorkommt. Sie leidet unter der von ihr so genannten „Bürde der Konsequenzen”. Mattia wie Alice drohen im Kindheitstrauma zu vergehen, sie lernen sich auf dem Gymnasium kennen. Er verletzt sich selbst, sie leidet an Essstörungen. Eindringlich und unaufhaltsam lässt Giordano den Schmerz der Kinder, der Jugendlichen und der Erwachsenen in den Leser einsickern. Entscheidende, erst zeitlich weit auseinander liegende, dann schneller aufeinander folgende Begebenheiten schildert er in einzelnen Kapiteln, die immer dann abbrechen, wenn die Situation schier unerträglich der Katastrophe harrt. Doch die ist überflüssig, offenbart doch die Szene selbst mehr als genug über die seelischen Abgründe.

Mattia wird ein brillanter Mathematiker

Trotz aller Störungen gehen beide ihren Weg. Mattia wird ein brillanter Mathematiker, der selbst im Privaten die Schaukelbewegung von Ohrringen anhand „der drei cartesianischen Achsen zu analysieren” versucht. Alice wird Fotografin. „Wie mit angehaltenem Atem hatten sie die Zeit durchlebt, Mattia, indem er die Welt mied, und Alice, indem sie sich von der Welt gemieden fühlte, und dabei hatten beide festgestellt, dass dies kein großer Unterschied ist.” Privat isoliert sich Mattia also, Alice sucht ein bürgerliches Leben, heiratet sogar.

Hier zeigt sich der Physiker Paolo Giordano als hervorragender Menschenanalytiker – wie auch bei seinen Nebenfiguren, die oft nur kurz auftauchen, dann vom Autor vergessen scheinen, um plötzlich wieder bedeutsam zu sein. Selbst sie zeigen sich dem Leser in einer Komplexität, für die man ihren Schöpfer nur achten kann.

Eine gerade Zahl verhindert, dass sie sich berühren

Als Primzahlzwillinge sieht Mattia sich und Alice. Er hatte im zweiten Semester gelernt, dass einige Primzahlen speziell sind. „Primzahlzwillinge”, Paare von Primzahlen, die „nebeneinanderstehen oder genauer, fast nebeneinander, denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die verhindert, dass sie sich tatsächlich berühren.”

Der 1982 geborene Giordano erhielt für seinen Roman als jüngster Ausgezeichneter überhaupt den renommiertesten italienischen Literaturpreis „Premio Strega”. Was nicht heißen muss, dass die Geschichte bei den Lesermassen gut ankommt: Doch seine Geschichte besticht nicht nur durch direkte, schnörkellose Dialoge und einen poetischen, bildreichen Erzählstil, sondern auch durch Spannung. Und so war der Roman 2008 in Italien der meistgekaufte.

Giordano, als Physiker der wissenschaftlichen Abhandlung so mächtig wie dem literarischen Schreiben, beweist, dass sich Naturwissenschaft und Literatur aufs Schönste ergänzen können. Eine ungewöhnliche Bereicherung.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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