Die eine und
die andere.
Komödie von Botho
Strauß (2005, Münchner Residenztheater).
Besprechung von Sabine
Dultz im Münchner
Merkur, 28.01.2005:
Auf zum letzten Gefecht
"Die eine und die andere":
Botho Strauß am Münchner Residenztheater uraufgeführt
Jetzt beginnt wieder das große Rätseln. Botho Strauß hat ein Stück geschrieben - "Die eine und die andere". Und wie immer bei ihm verbergen sich hinter der Oberfläche geistreich-leichter Unterhaltung die Tiefenschichten von Vergangenheitskritik und Zukunftsskepsis, gemischt mit christlichen Zeichen, antiker Symbolik, abendländischer Bildung. Nicht alles, das sei hier vorausgeschickt, muss sich dem Betrachter gleich erschließen, muss auf Anhieb entschlüsselt, nicht jedes Geheimnis sogleich gelüftet werden. Das Vergnügen des Zuschauens ist auch ohne dies gewiss. Und dass darüber hinaus Strauß sein Publikum mit einer Menge Fragen entlässt, die nicht platt beantwortbar sind, das ist nun einmal sein Gütesiegel.
"Die eine und die andere" - soeben in
der Regie von Dieter Dorn am Münchner Residenztheater uraufgeführt - ist eine
komische Tragödie. Ist die nüchterne, oft virtuos-satirische, dann wieder
melancholisch-illusionsverlorene Abrechnung des 60-jährigen Dichters mit seiner
Generation. Und die Bestandsaufnahme dessen, was jene Proklamateure der
Selbstverwirklichung, die an der objektiven Wirklichkeit versagen, als Erbe
hinterlassen: Kinder um die 30, die, auf der vergeblichen Suche nach Anerkennung
und Liebe, nicht erwachsen werden können.
"Die eine und die andere" ist damit auch ein Stück über Deutschland
nach der Wende, über geplatzte Hoffnungen, irrige Träume, versunkene Zukunft.
Und es ist ein Stück des großen Frauenkenners Strauß über zwei alt gewordene
Weiber, Zirkel-Königinnen von einst, die sich bei ihrer unvermuteten
Wiederbegegnung noch einmal in Hochform bringen zum letzten Gefecht um einen
Mann. Dass dabei immer auch die Realität des Theaters mitschwingt, dass Strauß
auch die Geschichte zweier Schauspielerinnen erzählt - das macht den
zusätzlichen Reiz des Stücks aus.
Und nun die Inszenierung. Dorn ist ein Spezialist für Strauß, ein grandioser
Boulevardier mit intellektuellem Tiefgang. Wie immer bei diesem Regisseur und
seinem kongenialen Ausstatter Jürgen Rose: Die Bühne in ihrer ganzen Weite
einsehbar, hell, also kontrollierbar. Wechselnde Prospekte setzen die Ortsmarken:
Berliner Straßenecke, schäbiges Landhaus, Oder-Auen, die Bäume kahl.
Davor das brillante Quartett der vier Hauptdarsteller. Zunächst die Alten. Eine
weibliche Großmacht hoch zwei. Gisela Stein und Cornelia Froboess. Die Stein
führt spielerisch vor, wie sie uns Lissie, diese arbeitslos gewordene
Architekturkritikerin, malt. Elegant, angriffslustig, kokett, mit der Attitüde
intellektuellen Hochmuts und aufgesetzter Jugendlichkeit als Schutzschild. Mit
nur winzigen Akzenten bringt die Stein sie in die Nähe der Komischen Alten, um
sofort darauf die Tragödie durchblitzen zu lassen. Hinreißend, wenn sie mit
ihrem alten Fiesta vor der Pension vorfährt und ihr lang gezogenes "Stöööre
ich?" rausschrillt. Genüsslich kostet Stein Strauß' Sprache aus. Wenn
sie, die Sprachvirtuosin, nur das Wort "Münzwaschsalon" in den Raum
stellt, bekommt man schon eine Ahnung von dem Mann, über den sie sich da lustig
macht. Oder wenn sie zum Schluss "Trotzdem . . . Wie? Na, wer weiß"
orakelt, bringt sie die gegen Ende ins Schlingern geratene Aufführung wieder
auf die schöne Bahn der Komödie.
Nymphe, Narr und Held
Das ganze Gegenteil - Cornelia Froboess als Insa.
Anders als die Stein schlüpft sie nicht ihre Rolle hinein, sondern umgekehrt,
sie holt die Figur zu sich heran. So sehen wir die Froboess als die wir sie
längst kennen - und staunen dennoch über ihre Kraft, ihren Witz, ihren Mut zu
sich selbst. Auf ihrem Medizinball sitzt Insa wie auf einem Thron, der Seligkeit
der jungen Jahre nachsinnend, den Schnulzen, dem Tanzen. Zu viel Weißwein, der
sie vom Sockel der Erinnerung rutschen lässt auf den harten Boden ihrer
60-jährigen Tatsachen. Bei so viel Egozentrik bleibt nichts für die Tochter
Elaine, keine Liebe, kein Gefühl für deren Seelenkrüppelei. Nur der harte
Blick für ihr Versagen. Gespickt freilich mit sämtlichen Witzen, die sich aus
allseits bekannten Mütter-Töchter-Beziehungen speisen. Da ist die Froboess in
Hochform. Und das ist sie auch im Schlagabtausch mit der Stein. Eine Siegerin in
diesem Match der Rivalinnen ist nicht auszumachen. Unentschieden auf höchstem
Niveau.
Da befindet sich auch das hervorragend spielende Paar Juliane Köhler als Elaine
- eine Mischung aus Blaustrumpf und Nymphe - sowie Jens Harzer als Timm zwischen
Narr und Held. Zwei große, realitätsferne Unglückskinder, die vergeblich ihr
Heil probieren in der Teilnahme an obskuren Kunstaktionen wie Abendmahl und
Kreuzigung. In selbst zugefügten Verletzungen. In der Suche nach dem Vater, der
sie verlassen hat. Oder in der körperlichen Ertüchtigung. Für Elaines
Training zum 100-Meter-Sprint hat ihr Jürgen Rose eine über die ganze Bühne
gezogene Aschenbahn geschaffen. Ein grandioses Bild. Und wenn Köhler an den
Start geht: der einzige Moment des Abends, an dem die große Resi-Bühne
wirklich optimal ist.
Ansonsten erweist sie sich in ihren riesigen, den Spielfluss verzögernden
Ausmaßen eher als Nachteil. Dass die Spannung nicht durchgehend anhält, ist
dennoch dem Regisseur zuzuschreiben. Wie wichtig die Besetzung auch der
winzigsten Rollen mit guten Schauspielern gewesen wäre, zeigen die positiven
Ausnahmen: Stefan Wilkening und, welch noble Geste, Thomas Holtzmann. Dass der
Sachse Dorn schließlich die merkwürdige Campingplatzfigur (Burchard Dabinnus)
in ein schlechtes Imitieren des Sächselns treibt, dass er dazu eine Art
Schlusschor-Horde von ungefähr 40 Statisten die Pension stürmen lässt, ist so
unkomisch wie überflüssig. Da haben Stein und Froboess Mühe, in ihrem Finale
an zwei Frühstückstischen der Aufführung wieder ihren Rhythmus zu geben - und
sie noch einmal hochzureißen. Viel Beifall für einen insgesamt wunderbaren
Abend.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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