Die Eifersüchtigen von Sándor Máraii, 2015, Piper

Die Eifersüchtigen.
Roman von Sándor Márai (2016, Piper
- Übertragung Christina Kunze).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom
23.12.2015:

Sándor Márai zeigt den Zerfall einer Gesellschaft
Seit der Jahrtausendwende wird das Werk von Sándor Márai neu herausgegeben. Eine Betrachtung seines Romans „Die Eifersüchtigen“.

Die Zugbrücke zu den Ereignissen der Welt ist hochgezogen. Mit 36 Jahren lebt Péter Garren in schwereloser Verantwortungsenthobenheit mit der Scham des gebildeten Mannes. Er ist noch nicht wirklich eingerichtet im Leben und schon gelangweilt. Er macht Geschäfte im Imperium von Emmánuel, neuerdings auch mit Kriegsgerät, weil in der Welt der Warentausch organisiert werden muss. Doch eigentlich ist er ein Träumer, liebt das Theater und entweder Karola aus dem Volk, die barmherzige Schwester mit dem Silberblick, oder Edit, die Sängerin mit den Korkenzieherlocken. Im Salon prangen die Plüschsofas, hier liest man einander vor oder hört Musik. Die Welt bleibt draußen und drinnen ist alles wie ein Klimt-Gemälde, Blaustrümpfe, Bonvivants und ein schwüler Hauch von Bohème. Da trifft ein Brief ein, der alles verändern wird …

Wieder malt Sándor Márai, der gern mit Thomas Mann verglichene ungarische Erzähler des frühen 20. Jahrhunderts, seine Interieurs. Wie in Jahresringen wird sein ebenso umfängliches wie weltliterarisches Werk seit der Jahrtausendwende neu herausgegeben, und noch jeder Band ist ein Glücksfall, weil die Erosion des Bürgertums in immer neuen Facetten herauspräpariert wird als das Ende einer gefügten Welt, die nun ins Verderben taumelt. Wie Márai selbst, der k. & k.-Großschriftsteller, verlieren die Figuren ihren Ort und werden zu Umhergetriebenen, die in der Kunst einen letzten Halt finden und ansonsten ihre bürgerlichen Prägungen zu bewahren suchen. Das ist wie ein Kampf gegen Windmühlen.

„Die Eifersüchtigen“ ist 1937 erstmals in Budapest erschienen. Es ist ein dicht arrangiertes und weit wucherndes Kammerspiel über den Verlust des Zuhauses und der Herkunft. Es ist ein verzweifeltes Trostbuch mitten hinein in den Beginn einer internationalen Unordnung, ein pathetisch aufgeladener Abgesang, der wort- und bildmächtig den Zerfall einer Familie beschreibt und herleitet.

Gegenseitiges Belauern

Der Brief ruft Péter Garren zurück in seine namenlose Geburtsstadt. Hier liegt sein Vater Gábor und wartet auf den Tod. Anna, die einzige Daheimgebliebene, hat ihre Brüder ans Sterbebett gerufen. Sie ist ein spätes Mädchen. Als Lehrerin steigt sie Tag für Tag in ein Bad aus Mädchenkörpern, jetzt fühlt die Kinderlose Verantwortung, wächst an ihr und wird doch nichts weitergeben können. Der Vater stirbt lange, bald wird das Warten in ein gegenseitiges Belauern umschlagen. Es ist, als würde es nach 20 Jahren nur noch Misstrauen geben. Tamás, der weltreisende Bankrotteur, sucht wichtigtuerisch Zuneigung in Form von Geld, Edgár ist ein herablassender Befehlsgeber und Albert ein kleinbürgerlicher Pragmatiker.

Die Stadt – regiert von Fremden. Sie morden und organisieren die Verwaltung. Im Kaffeehaus sitzen Offiziere und durchreisende Pseudojournalisten aus der Hauptstadt. Die Stadt ist wie ein kranker Riese in allgemeiner Unpässlichkeit. Vorbei die Zeiten, als Gábor Garren wie eine graue Eminenz ihre Geschicke lenkte in einem vergangene Werte pflegenden Künstlertum, mit dem er das Erhabene verteidigte, „ein wenig Priester und Schamane“, ein demütiger Verfechter von Rousseaus Gesellschaftsvertrag.

Nervöses Warten aufs Erbe

Die nächste Generation nun wartet nervös aufs Erbe, jeder für sich, jeder würdelos allein, „abgestumpft im Mitleid“ und nur noch zu Gast dort, wo einst das Garrentum seine „nebelhafte Würde“ wahrte. Dieses große Vorbei ist Márais zentrales Thema, das er immer neu grandios variierte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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