Die durchsichtigen Hände von Xaver Bayer, 2008, Jung&Jung1.) - 2.)

Die durchsichtigen Hände.
Erzählungen von Xaver Bayer (2008, Jung und Jung).
Besprechung von Michaela Schmitz, 20.08.2008:

Samadhi – oder der Stufenpfad zur Erleuchtung

"Die Zeit zwischen dem Erwachen und dem Ausgeschlafensein (...) trifft das Bewusstsein wehrlos und nackt an;" so Peter Handke in seinem ersten Roman "Die Hornissen". Während die Sinne schon feinste Veränderungen wahrnehmen, sind Gedanken und Körper noch vom Schlaf gelähmt. Das Erwachen sei eine "Notzeit" und zugleich eine "Zeit der Einsicht", so Handke. Genau diese bedrohlichen und zugleich erkenntnishaltigen Schwellenzustände des Bewusstseins versucht Xaver Bayer in seinem neuen Erzählband "Die durchsichtigen Hände" künstlich zu simulieren.

Mitten im Pulverdampf eines inszenierten Scheingefechts erklärt seine Hauptfigur in der Geschichte "Napoleon", worum es dem Autor geht: "Es lässt sich nicht einfach beschreiben, aber worauf ich hinauswill ist, dass nach dem Grad der Steigerung der Dickichthaftigkeit der Situation, der ich ausgesetzt war, sich in mir auch ein Gefühl von Seinshaftigkeit ausdehnte, eine Mischung aus extrem geschärften Sinnen und einer wohltuenden Dumpfheit." Vergleichbaren Momenten setzt Xaver Bayer seine Figuren auch in den übrigen Erzählungen aus.

In "Der Nichtsdestotrotzraum" meint die Hauptfigur, gequältes Klagen und Stöhnen aus einer der Nachbarwohnungen zu hören. Sie wähnt sich den Geräuschen in ihrer Wohnung schutzlos und handlungsunfähig ausgeliefert. Wilde Phantasien brutaler, aber auch erotischer Szenen entwickelt die Figur über die Ursache der Klagelaute. Schließlich erstarrt sie, halb ängstlich, halb erregt, in grotesker Position mit dem Ohr an der Wand. Obwohl sie unzählige logische Gründe dafür findet, warum sie nichts gegen eine durchaus mögliche Folterprozedur unternehmen kann, fühlt sie sich schuldig. Aber diese Geschichte, erklärt der Erzähler, ist nur ein Beispiel, eine Parabel. Für das eigentlich Gemeinte findet er folgendes, beinahe kafkaeskes Bild: "Der Raum, in dem ich mich befinde, hat viele Ausgänge (...) und trotzdem gelingt es mir nicht hinauszukommen."

Vergleichbar ausgeliefert und handlungsunfähig fühlt sich die Hauptfigur der Geschichte "Der Innenhof des Komplexes" in einer vollständig anderen Situation. Der Gast eines Künstlerfestes bedient sich gerade am Buffet, als er eine auf ihn gerichtete Kamera bemerkt. Beschämt von der Belanglosigkeit der eigenen Erscheinung, zieht er eine Grimasse und leert theatralisch einen Löffel mit Schnittlauch auf seinen Teller. Sich so dem Fernsehpublikum präsentiert zu sehen, steigert sein Gefühl der Peinlichkeit ins Unerträgliche. In ausufernden Gewaltphantasien stellt er sich die blutige Ermordung des Kameramanns vor. In der realen Situation ist er nicht einmal zu einem klärenden Wort in der Lage, als er ihm auf der Toilette begegnet. Am Abend der Fernsehsendung sitzt er vor dem abgeschalteten Fernseher und stilisiert sein Leiden zum quasireligiösen Passionserlebnis.

In der Erzählung "Samadhi" steigert Bayer die "Dickichthaftigkeit der Situation" ins Absolute. Die Hauptfigur verliert im Verlauf der kurzen Geschichte erst komplett ihr Gehör und ihr Augenlicht, und ist später nicht einmal mehr zu sprachlichen oder körperlichen Willenskundgebungen fähig. Als körperlose Monade schwebt der erinnerungs- und gegenwartslose Geist schließlich einsam und verloren im Nirwana; der kosmische Film läuft auf der Leinwand seines inneren Bewusstseins ab. Für den Yogi ist der "Samadhi" Ziel seines Weges zur Erleuchtung: vollkommen von der äußeren Sinneswelt abgekoppelt und frei von körperlicher Begrenzung steigt er zum kosmischen Bewusstsein auf. Dieser Stufenpfad der Erkenntnis wird in Xaver Bayers Leidensgeschichte zur zynischen Parodie.

"Samadhi" bezeichnet im Sanskrit einen Bewusstseinszustand, der über Wachen, Träumen und Tiefschlaf hinausgeht und in dem das diskursive Denken aufhört. Diesen im Augenblick des Erwachens ahnbaren Schwellenmomenten ist Xaver Bayer in seinen zweiundzwanzig Versuchsanordnungen auf der Spur. Sein sprachlich unauffälliger, dennoch ganz eigener Stil voll bizarrer Ironie und philosophisch grundiertem Zynismus geben den ganz unterschiedlichen Wach-oder-träum-ich-Szenarien ihre unverwechselbare Atmosphäre. Aber mit den mal sehr kurzen, mal einige Seiten langen Erzählungen ist es wie mit literarischen Häppchen. Manche schmecken einem, die anderen nicht so gut. Aber eins haben sie alle gemeinsam: Satt wird man davon nicht.

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Die durchsichtigen Hände von Xaver Bayer, 2008, Jung&Jung2.)

Die durchsichtigen Hände.
Erzählungen von Xaver Bayer (2008, Jung und Jung).
Besprechung von Kathrin Kuna in DUM - Das alternative Magazin, 2009:

Nach drei Romanen ist dies Xaver Bayers erste Erzählsammlung. Eingeleitet werden Die durchsichtigen Hände durch ein Zitat aus dem Roman Lesabéndio des deutschen Phantasten Paul Scheerbart. In diesem ist die Rede von den "Rätseln des Lebens", die man nicht immer nur sehr ernst betrachten soll, sondern auch einmal darüber lachen. Sollte dieses einleitende Zitat Motto für die Erzählungen sein, muss leider gesagt werden, dass weder das eine noch das andere so richtig geglückt ist. Die ersten Erzählungen sind geprägt von Pessimismus und Selbstmitleid - keine sonderliche Überraschung, aber eine gewisse Wut stellt sich nach der zweiten Erzählung doch ein. Schaut man über die konservative Darstellung der am Strand wartenden Freundinnen in Durchhaltewettbewerb noch hinweg, will man das Buch nach Zwei bereits weglegen, weil man sich mit 16 Jahren irgendwann gegen den Nihilismus als Lösung entschieden hat.

Das arrogante Dandy-Dasein des Ich-Erzählers in den nächsten Geschichten, die im Übrigen nicht inhaltlich, aber thematisch und stilistisch zusammenhängen, lässt einen kopfschüttelnd schmunzeln. Man wird bei Titeln und Erzählungen wie Noch einmal für Jean-Louis Trintignant oder Im Taxi mit Henry Kissinger an die sprachlich auch eher wenig anspruchsvollen, aber zumindest durchaus sehr humorvoll erzählten Episoden von Wladimir Kaminer erinnert. Umso ärgerlicher ist es bei Bayer wieder mit langweiligen Vanitas-Motiven konfrontiert zu sein, die man bereits aus Alaskastraße und Weiter kennt.

Amoklauf zwischen Lächerlichkeit und Geschmacklosigkeit

Zwischendurch lässt die Erzählung Künstlerische Freiheit kurz glauben, dass es - wenngleich auch ein bisschen wehleidig - doch zu einer ehrlichen Konfrontation mit den zentralen Themen aller Erzählungen, der Einsamkeit und der Fremdheit bzw. dem Fremd-Sein, kommen könnte. Schon die nächsten beiden Geschichten lassen diesen Eindruck aber wieder verschwinden. Der Autor kennt offensichtlich nicht nur Paris, sondern auch New York, nicht nur ein paar Bücher, sondern auch ein paar Filme ganz gut. Eine Selbstinszenierung in etwas verhaltenerer, dennoch aber klassisch pop-literarischer Name-Dropping-Manier gipfelt schließlich in der Erzählung Engagierte Literatur, wo eine Koketterie mit einem vorangekündigten Amoklauf schwer zwischen Lächerlichkeit und Geschmacklosigkeit einzustufen ist. Kurz danach wird die Gesamtheit dieser neurotischen Ich-Erzähler-Figur in Innenhof des Komplexes dargelegt.

Spätestens hier wünscht man Bayer, dass der Ich-Erzähler keine autobiographischen Züge trägt. Er ist derselbe Typ Mann, den wir aus den drei bereits erschienen Romanen kennen. Ein armer Mensch, nicht unbedingt ohne Eigenschaften, aber sehr gefangen zwischen Zauberberg-Szenario und Blendung. Ebenso wie dieser in seinen Inneren Monologen versunken ist und eine Reflexion von außen oft dringend nötig hätte, würden die Erzählungen gewinnen, wären sie nicht nur durch eine einzige Sicht geprägt.

Hoffnungsvolle Ratlosigkeit

Umso erstaunlicher sind die letzten Geschichten, die plötzlich ein versöhnliches Leseerlebnis zulassen. In Reif erscheint der Ich-Erzähler, plötzlich mit einem Funken Hoffnung versehen, als postmoderner Flaneur, der den Kampf mit und um das innere Kind reflektiert. Sätze wie der folgende sind vielleicht keine neue Erkenntnis aber nach viel prätentiösem Konstrukt zwischendurch erfrischend ehrlich: "Ich muss meiner Zweitstimme Recht geben, die seit jeher die Funktion besitzt, mich davor zu bewahren, auf mich selbst reinzufallen, auf mich, der sich im Sich-selbst-etwas-Vormachen ständig neue Schleichwege und Finten einfallen lässt."

Wie in dieser gelingt es Bayer schließlich auch in den restlichen fünf Erzählungen eine eigene Stimmung zu erzeugen, nach der man sich davor gesehnt hat. Wie die erste beginnt, so endet die letzte Erzählung, im Meer auf den Wellen treibend. War dieses Bild anfangs mit Durchhalten verbunden, so ist es am Ende durch (hoffnungsvolle) Ratlosigkeit und die Konzentration auf körperliches Bewusstsein geprägt. Die Hände bekommen also langsam ihre Substanz zurück.

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