Die dunkle Schöne aus Weißrußland.
Roman von Jerome Charyn (2004, Alexander-Fest-Verlag - Übertragung Eike Schönfeld).
Besprechung von
Dorothea Dieckmann in Die Zeit, Juni 2002:

Im dunklen Königreich der Kindheit
Jerome Charyn erfindet sich neu, als Junge in der Bronx – ein zartes Märchen, ein greller Comic, eines der schönsten Bücher der neuen amerikanischen Literatur

Am 13. Mai dieses Jahres wurde er 65, ein ruheloser Mann, der tausend Namen erdacht hat. Seiner bedeutet „Grau“. Jerome Charyn, Jude, Sohn eines Polen und einer Weißrussin, hat nach 55 Büchern den Rückweg angetreten und in „zwei autobiographischen Reisen durch die Bronx“ seine Kindheitsgeschichte erzählt, erfunden, erträumt: „1942 war ich erst fünf, ein nervöser Junge, der nicht einmal seinen eigenen Namen buchstabieren konnte.“

Andere lernen im Klassenzimmer Schreiben und Lesen. Der kleine Jerome aber war ein Schulschwänzer, der sich in seine „Bewährungshelferin“ verliebte, weil er in ihr die Lady de Winter aus den Drei Musketieren erkannte. Heute lehrt Charyn Filmgeschichte, und die Sozialarbeiterin, die Lana Turner so ähnlich war, ist tot. „Ich wünschte, ich hätte Jerome helfen können“, hatte sie gesagt. „Aber ich kann es nicht. Seine Phantasie ist viel zu groß für ein Klassenzimmer…“ Seine Schule waren die Straße und das Kino.

Es ist die Zeit der Paten und Schwarzhändler

Ihre Synthese, der Krimi, hat durch Charyn seinen Platz in der Poesie zurückerobert. Mit Metropolis New York schrieb Charyn der Stadt der Straße eine Liebeserklärung, mit Movieland der Stadt des Kinos, Hollywood. In Pinocchios Nase erschuf er sich selbst als Freak, lügenhaft und penetrant wie nur ein Dichter – ein Nachfahre jenes anderen Kunstmenschen, Rabbi Löws Geschöpf, mit dem er sich in Metropolis verglich: „Ich war noch immer der Wilde vom Crotona Park, ein Golem, der seine eigenen Lehmfüße gemacht hatte.“

Seine Selbstschöpfung hat Charyn mit den zwei kleinen Büchern The Dark Lady of Belorussia und The Black Swan zu einer Vollendung gebracht, die eigentlich nur dem „Wunder-Rabbi“ zukommt. Jetzt, wo sein wahlverwandter Übersetzer Eike Schönfeld auch das zweite mit unheimlicher Präzision übertragen hat, zeigt sich, dass nicht Holz und nicht Lehm den Schriftsteller zum Leben erwecken. Im Anfang war das Wort. In einem für unser sperriges Idiom ungewöhnlich schlanken, sicheren Ton hören wir den Fünf- bis Elfjährigen, der die Sprache neu erfinden will: „Wir lernten die Grammatikregeln, aber ich wollte die Regeln brechen… Und ich sehnte mich danach, unvollständige Sätze zu schreiben, mit der kühnsten Grammatik.“ Der kühne Autor steigt in das „beengte Königreich eines Kinderherzens“ und entdeckt die dunkle Zeit der Kriegs- und Nachkriegs-Bronx, Ghetto und „Zauberdorf“ in einem.

Hier lebt Baby Charyn mit seiner Mam, Faigele, die aussieht wie „die jüngere Zwillingsschwester von Joan Crawford“, und dem Vater, dem düsteren Sergeant Sam. Hier regieren und rivalisieren Meyer Lansky, der jüdische Pate, und die Mafia von Roosevelts Demokraten – Schwarzhändler, Stimmen- und Schutzgeldeintreiber. Hier leben und sterben große und kleine Fürsten wie Faigeles Verehrer Chick und Darcy. Die „dunkle Schöne“ wird zur begehrtesten Kartengeberin der Unterwelt, die „das Spiel mit der Kraft ihrer schwarzen Augen“ zusammenhält. Englisch aber lernt sie mit Baby, dem „einzigen Bücherwurm, der nicht lesen kann“, in einer zerlesenen Bambi-Ausgabe: „Wörter zogen auf einer Zeile dahin wie Schiffe, die in einem weißen Meer gefangen waren. […] Wir verbrachten eine ganze Woche damit, die erste Seite zu befahren, und wir hatten auch einen Kompaß (ein Wörterbuch, das ich in einer Mülltonne gefunden hatte)…“

Im zweiten Buch lernt der in Paris lebende Charyn Französisch, diesmal mit Baudelaire; er ist der „Chronist, dem Tag um Tag die Sprache verlorengeht“, als räche sie sich „an einem wilden Kind von einer kleinen Sanddüne namens Bronx am anderen Ende der Welt. […] Jedes Wort, das Lil mir ,leiht’, schneidet in mein amerikanisches Vokabular.“ Auch seine Lehrerin war ein jüdisches Streunerkind. Nun zieht sie von einer Adresse zur nächsten, immer näher an die Stelle, wo man ihre Eltern verhaftete. „Pah! Ich will nicht Französisch lernen“, folgert der 63-Jährige. Doch dann bricht ein Wort zur Vergangenheit durch: Luxor – der Name des Kinos, durch das der Elfjährige erst in die Welt der Träume, dann in die der realen Tatorte eintritt.

Sie zündete ihre Fatima an wie eine brennende Rose

Vom Keller des Luxor geht es direkt in die Unterwelt. Statt „in Frieden“ Kriegsfilme zu sehen, wird Jerome Geldeintreiber von König Farouk, dem „Sultan“ der Cafeteria Chesterfield und Schützling des Meyer-Lansky-Anwalts Stanislaus, der Faigele im Kasino Black Swan nördlich von New York anheuert.

„Die Spieler verloren den Verstand, wenn sie die Karten ansagte, ohne daß die Zigarette in ihrem Mund auch nur zuckte.“ Doch der Bandenkrieg fordert seine Opfer, und eines Tages holt Stanislaus die Familie in die Bronx zurück. Auf dieser Fahrt will Jerome seinen Vater auslöschen, denn Faigele ist der schwarze Schwan seines geliebten Freundes. „Sie zündete sich ihre letzte Fatima an, teilte sie mit Stanislaus … wie eine brennende Rose. Doch die Fatima ging aus, und in Stannies Augen sah ich die dunklen Kohlen.“

Wie hier im letzten Satz, so sitzt der Tod in allen Ritzen dieser rasanten, komischen, flackernden Erzählungen, Krimis aus Kindersicht, hart und träumerisch zugleich. Der abgebrühte Gangsta-Rap der Straße, der archaische Ton der Kinomärchen und die schwarze Poesie der mütterlichen Schönheit verschmelzen zu einem einzigartigen Amalgam aus Tempo und Intensität, das die Lektüre zwischen Gier und Geiz, Hingabe und Verzögerung festbannt. Alles ist Aktion, Kampf, Tanz, nichts Introspektion und Psychologie, und dennoch bergen diese unsentimentalen Überlebensgeschichten die starken romantischen Qualitäten des Irrealen, ja Surrealen. Freundliche Kellerratten, bittere Adler und dunkle Fledermäuse bevölkern Charyns Bronx, Paradies, Land der Philister und kapitalistischer Archipel. Dort wird ein Feuerwehrmann zu Gott, ein Ganove zum Riesen Samson, ohne dass diese mythischen Unterströme, die mit entwaffnender Logik die Erzählung durchwirken, zu Metaphern verdünnt werden.

„Entweder war er der dickste, rundeste Mann, den ich je gesehen hatte, oder er war eine optische Täuschung, weil die Sonne meine Augen versengte. Er hatte sechs Kinne und eine Rose im Revers, die aussah wie eine Handvoll Blut.“ Welche Personenbeschreibung! Nie wird das Grau, das Charyn mit dem von ihm bewunderten Henry Roth verbindet, vom Klischee übertüncht, nicht durch Poker und Kaviar und nicht durch das Rot, das seine Kindheit schmückt wie Blutflecken im Schwarzweißfilm: das „leuchtend rote Auge“ von Faigeles Lippenstift, die „hinreißende rote Wunde“ ihrer Lippen oder die „brennende Rose“ zwischen ihnen. Der Satz „Bis Montag mußte ich mein eigenes Blut trinken“ ist keine Hyperbel für Sehnsucht, sondern poetische Wirklichkeit – wie Meyer Lanskys Leibarzt Katz, der russische Briefe fälscht, um Faigeles Kummer zu heilen. Charyns Fantasie hält die Balance zwischen lakonischem Bericht und hämmernden Bildern, grellem Comic und zarter Episode. Die dunkle Schöne und Der schwarze Schwan sind reale Kindermärchen in einer Erwachsenenwelt, wie sie im Spiegel der Kinoträume erscheint: „Geld und Liebe. Liebe und Geld.“ Und etwas vom Schönsten, was die neuere amerikanische Literatur hervorgebacht hat.

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