Die dunkle Braut.
Roman von Laura Restrepo (2003, Europa-Verlag - Übertragung Elisabeth Müller).
Besprechung von Kersten Knipp in Neue Züricher Zeitung vom 15.04.2004:

Der Glanz der dunklen Bräute
Laura Restrepos Roman über Prostitution im Regenwald

Schon von weitem locken die roten Lichter, versprechen grosse Freuden für kleines Geld. Ein ahnungsvolles Beben durchläuft die Besucher, der Druck von Blut und Phantasie nimmt zu, doch geduldig reihen sie sich in die Schlange, die nach kurzem Warten den Eintritt ins sündige Paradies gewährt. - Erstaunlich sanft geht es zu in der zona de tolerancia, wie das Bordellviertel des kleinen Städtchens Tora mitten im kolumbianischen Urwald diskret genannt wird: Nichts Böses tun die Freier hier den Frauen, nichts Anstössiges finden die dabei, ihren Körper ein paar Minuten gierig tastenden Händen zu überlassen. Beruf für die einen, Vergnügen für die anderen, führt die Liebe die Geschlechter routiniert zusammen und ebenso routiniert wieder auseinander. Wunderbar einvernehmlich regelt sie den Austausch der Interessen, und so nimmt der Leser nur mit Bedauern zur Kenntnis, dass die kolumbianische Autorin Laura Restrepo ihren Roman über die Prostitution in schwitzenden Äquatorbreiten mit dem strengen Urteil des Gesetzes enden lässt: Prostitution ist unmoralisch, lautet das strenge Diktum, und darum verfügt eine erbarmungslose «Viererbande», bestehend aus Vertretern von Kirche, Stadtverwaltung, Militär und Wirtschaft, das Viertel dem Erdboden gleich zu machen.

Doch damit versündigt sich die Macht ihrerseits. Denn wie Restrepo sie darstellt, ist Prostitution vor allem dies: eine Kulturtechnik. «Wenn dir niemand mehr die Hand reichen will, empfängt Mutter Prostitution dich mit offenen Armen», resümiert eine der Lebedamen ihre Erfahrungen, «obwohl sie dich danach mit Haut und Haaren auffrisst und sich alles wieder zurückholt.» Ein Zurück gibt es hier nicht mehr, weshalb eine andere der Frauen ihren Beruf mit dem der Nonnen vergleicht. Der öffentliche Ruf einer Prostituierten steht fest für alle Zeiten; dafür aber findet sie, nicht anders als die Nonne, lebenslangen Schutz bei ihresgleichen. Und wie im Kloster ereignen sich auch im Bordell bisweilen radikale biografische Brüche.

Wie sich jener von Sayonara, eben jener «dunklen Braut», die dem Roman den Titel gegeben hat, ausnimmt, braucht hier im Einzelnen nicht zu interessieren. Ihre Geschichte dient vor allem als Vorwand für die Schilderung des Milieus, weshalb sie sich auch umstandslos in diese oder jene Richtung drehen liesse. Doch der schwache Plot macht noch keinen schwachen Roman: Zu anschaulich schildert Restrepo das sündige Milieu, zu spürbar ist vor allem die Zuneigung, die sie ihm entgegenbringt. Ist das unmoralisch, politisch unkorrekt? Nein, denn Restrepo beutet das Schicksal der Frauen nicht aus. Sie erspart dem Leser die üblichen Schilderungen des Liebesaktes, langweilt ihn aber auch nicht mit feministisch, religiös oder sonstwie grundierter Bedenkenträgerei. Prostitution ist für Restrepo ein Geschäft wie jedes andere auch. Das sieht auch Sayonara so, die sich als junge Frau von einer älteren Prostituierten in die Geheimnisse ihres künftigen Berufs einweisen lässt: Diese «lehrte sie, eine puta zu sein, nichts anderes, weil das der Beruf war, den sie kannte; genauso wie ein Schuster keinen Schreinerlehrling nimmt und ein Geiger niemanden zum Pianisten ausbildet»... Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home I 0504 LYRIKwelt © NZZ