Die drei Parzen von Linda Le, 2002, AmmannDie drei Parzen.
Roman von Linda Le (2002, Ammann - Übertragung Bettina Grosse).
Besprechung von Thomas Laux in der Frankfurter Rundschau, 15.8.2002:

Furor
Wie unter Strom: "Die drei Parzen" von Linda Lê

In einer Küche irgendwo in einem Pariser Vorort sitzen sie zusammen, die drei titelgebenden Parzen, doch haben sie auf den ersten Blick wenig gemein mit ihren klassischen Vorbildern, auch tragen diese zeitgenössischen Schicksalsgöttinnen ganz andere Namen, sind sehr profan nach individuellen Auffälligkeiten benannt - "Dickbauch" und "Langbein" heißen die beiden Schwestern, "Einarm", deren Stumpf in nervösen Situationen zu jucken beginnt, heißt die Kusine. Diese sprechenden und damit irgendwie stark ans Theaterambiente erinnernden Namen bilden nicht die einzige Kuriosität in einem außergewöhnlichen, von irrwitziger Stillage dominierten Roman.

Die in Frankreich lebende, aus Vietnam stammende Linda Lê erzählt über das burlesk wie dramatisch verlaufende Leben dreier junger Frauen, die einst, nach den kommunistischen Säuberungen am Ende des Vietnamkriegs, von Saigon aus nach Frankreich gelangt waren. Die Reichen entflohen damals der Hauptstadt Richtung Meer, andere versuchten, dem Land gleich ganz den Rücken zu kehren. Die Großmutter, eine gewisse "Lady Schakal", hatte die drei mitgenommen - genauer gesagt: entführt - und gleichzeitig ihren Mann, "König Lear", bei ihrer Flucht zurückgelassen. Jetzt, nach zwanzig Jahren, wollen sie ihn, der sich auf seine alten Tage darauf kapriziert hat, Aale zu fangen und zu grillen, wegen der bevorstehenden Niederkunft - eben - "Dickbauchs", nach Paris nachkommen lassen.

Das mutet alles eigentlich noch ganz friedlich an, fast ein wenig puppenstubenhaft, tatsächlich schreibt Linda Lê mit atemberaubendem Furor, hitzig, wütend, mit auffällig ehrgeizigem Aplomb. Wortgewaltig, mit zahllosen Anspielungen historischer, literarischer wie mythologischer Art, mit Metonymien, Verballhornungen sowie Entlehnungen aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen, geht die heute knapp 40-jährige Lê mit ihrem Stoff um, und ihr Roman unterbricht den einmal gewählten Duktus nicht an einer Stelle: "Die Gewindeschneidmaschinen setzten sich wieder in Bewegung, die Schimärenschrotmühle ließ es im Räderwerk knirschen, zersplitterte Illusionen zwängten sich wie Zargen in die Leiber. Das versprach ein schönes Gangrän. Eiternden Hass. Dick verschorfte schwarze Galle. Blieb am Ende nur die Lovectomie. Die schnelle, schmerzlose Ablation." Wie unter Strom stehend, befreit sich Lê sich von einer traumatischen Last.

Dabei geizt der Roman nicht mit Szenen großartiger Komik - etwa bei der Beschreibung eines voluminösen, delirierend-grotesken Hochzeitsbanketts, bei dem es nur so drunter und drüber geht. Bei allem mitverorteten Slapstick wird unübersehbar, dass den drei Protagonisten in ihrem Fremdsein und ihrem Exil etwas Tragisches anhaftet. Der Subtext erzählt von den immer noch unverheilten Wunden eines vom Krieg nachhaltig zerfleischten Landes, von einer Tragödie mithin, die das westliche Bewusstsein bis heute erfolgreich verdrängt hat. Ob diese Geschichte heute noch zu interessieren vermag, bleibt indessen eine offene Frage. Die alles überlagernde Wortgewalt - Bettinas Grosses Übersetzung ist makellos und wirkt zutiefst inspiriert - lässt der Erzählung nicht den ihr gebührenden Raum. Man wohnt einem stilistischen Parforceritt bei, der ein wenig pflichtvergessen für die Kür optiert.

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