Die Dolmetscherin.
Roman von Jesus Díaz (2003, Piper - Übertragung Astrid Böhringer).
Besprechung von Georg Süttlerin in Neue Züricher Zeitung vom 14.01.2004:

Ein Kubaner in Sibirien
Jesús Díaz' Roman «Die Dolmetscherin»

Ohne die Solidarität zwischen sozialistischen Bruderländern wäre Bárbaro Valdés wohl nie nach Sibirien gelangt. Das Privileg dieser Auslandreise wird aber schon bald zur Hypothek, denn was dem Kubaner in Russlands fernem Osten zugemutet wird, passt ihm gar nicht: Kälte und Eis, fettiges Essen, rüde Umgangsformen, überbordende Trinksitten. Bárbaro ist Journalist und hat den Auftrag, eine Reportage über den Bau der Baikal-Amur-Magistrale zu schreiben; die Handlung ist also irgendwann in den siebziger/achtziger Jahren angesiedelt. Bárbaro hat aber noch einen Auftrag, einen, den er sich selbst erteilt hat: endlich einmal mit einer Frau zu schlafen. Und leider ist dies schon bald sein einziges Ziel. Eigentlich ist Bárbaro in einem Alter, wo er seiner Jungfräulichkeit längst verlustig gegangen sein könnte. Weshalb das nicht so ist, erfährt der Leser während des Flugs nach Russland, der dem Protagonisten Gelegenheit gibt, sein bisheriges Leben zu rekapitulieren. Als er dann von der Dolmetscherin Nadeshda, schlank, hochgewachsen, blauäugig usw., in Empfang genommen wird, ist eigentlich schon alles klar. Zwar wird das Zusammenkommen der beiden hinausgezögert, doch schliesslich vereinen sie sich, feurig-leidenschaftlich, bei eisigen Temperaturen unter freiem Himmel, sekundiert von passenden Naturmetaphern: Der Frühling naht, das Eis bricht auf.

«Die Dolmetscherin» (2000) ist der vierte Roman des Kubaners Jesús Díaz, der 2002 im Alter von 61 Jahren in Madrid starb. Hätte er nur dieses eine Buch verfasst, würde kaum jemand seinen Namen kennen. Die Beschreibungen sind geschwätzig, hölzern und uninspiriert, die erotischen Passagen dürftig und peinlich, jegliches erzählerische Feuer fehlt. Díaz' Erstling, «Die Initialen der Erde» (1987), wurde von den kubanischen Lesern begeistert aufgenommen und gibt dem Aussenstehenden Einblick in die Jahre vor und nach der Revolution von 1959. Kritischer Äusserungen wegen wurde Díaz 1992 von der kubanischen Führung gegen seinen Willen exiliert. In «Erzähl mir von Kuba» (1998) entwirft er ein Emigrantenschicksal in Florida. Im Vergleich mit dieser spritzigen, bitter-burlesken Schelmengeschichte wirkt «Die Dolmetscherin» geradezu trostlos platt....Fortsetzung

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